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LAUFPASS 01/2015

Ich erinnere mich Von George B. Miller … nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde. Silvester-Abend Ende der 80er Jahre im Northern Lights-Club, dem doch sonst eher trostlosen Vergnügungsviertel der amerikanischen GIs in Weddewarden. Gut für den schnellen Schluck nach dem Feierabend vom Kasernendienst, vorbereitend für den Ritt in die Bars der Innenstadt. Schick gemacht mit bordeauxrotem Teppich, einer dekorativen Bühne mit drei dezenten Stufen über die ganze Breitseite für betagte Musiker und abschließbare Toiletten in der Empfangshalle. In den 60ern und 70ern muss ganz schön was los gewesen sein zu getürkter, bayrischer Blasmusik mit maskiertem Oktoberfestgetue, und das nicht nur im Oktober. Zudem hatte das Restaurant eine dermaßen vortreffliche Küche, dass selbst der große Rosin Probleme gehabt hätte, Makulatur auf den Tellern zu finden, wäre er damals schon Sterne-Koch im TV gewesen. In den 80ern wurde dann der deutsch-amerikanische Freundschaftstag eingeführ t. Jeder Armee-Angehörige durfte einen deutschen Freund einladen, der nur seinen Perso am Gate hinterlegen musste. Bezahlt wurde mit eingetauschten Dollars, und das Restaurant platzte aus allen Nähten. Heute zum Jahreswechsel auch, aber es sind ganz andere Nähte, die zu bersten drohen. Ziemlich anliegendes Dressing mit Hütchen bei den Damen offenbart nett anzusehende Schmuckkästen mit Ringen, die an keinen Finger passen. Behutsame Schritte von A nach B wollen gut überlegt sein, sind so sehr in Zeitlupe verpackt, dass sie wohl selbst den sensibelsten Bewegungsmelder kalt lassen würden. Ihre Partner teilweise in strengem Zivil. Wir sollen heute mit volkstümlicher Country -Mucke den Saal zum Kochen bringen. Beim Anblick des animierten Gesamtbildes habe ich schon Stunden vorher dieses fast riechbare Gefühl, dass es sich um ein ganz bitteres Unterfangen handeln könnte. Die drei Amerikaner in unserer Mitte werden es schwer haben, das für solch ein Event doch recht plörrige Reper toire mit flotten Sprüchen aufzuwerten. Der erste Auftritt plätschert dahin wie das Rinnsal eines vom Herbstlaub verstopf ten Baches. Nicht weil wir lustlos spielen, es interessiert einfach nur niemanden. Keine Sau hört zu, geschweige denn tanzt. Für Set Nr.2 haben wir es unseren Kehlen mit Jack Daniels gemütlich gemacht. Der Saal ist nur noch halbvoll, weil die andere Hälf te der Gäste sich im Restaurant zum opulenten Festschmaus niedergelassen hat. Welch tristes Gemälde. Als dann tatsächlich bei Sweet Home Alabama jemand klatscht, schauen alle erschrocken zu ihm rüber. Dieser energisch vorgetragene Applaus kommt uns aber wie Bingo Pheromone. Die richtige Nummer gespielt. Jedenfalls haben sie nichts mit dem Anlocken von Geschlechtspartnern zu tun. Hier dünstet niemand etwas aus, nicht einmal aus Desinteresse. Auch der sonst so populäre Spaß innerhalb der Band, den weiblichen Singles Augen zu machen, die größtenteils von der Sorte sind, dass sie auf einem Ball für eckige Kugeln mit Vermummungszwang aus der Jurywertung fallen würden, ist kein Burner. Sie haben sich nicht zum Dinner bemüht, bedienen sich lieber am kalten Buffet in der Hoffnung, dort eher einen Ansprechpartner zu finden, der bereit ist, sich mit ihnen über irgendetwas auszutauschen, und sei es auch nur über den Sinn von leblosen Tomatensauce. Fleischbällchen in feuriger Salsa Zum dritten Set ist das Gros der Leute zurück, wenn auch zu voll, um noch Pup oder Papp zu sagen, geschweige denn zu tanzen. Wir hingegen sind im Fahrwasser, und unser Bassist Jim hat eine geniale Idee, für einen Alibi-Cowboy geradezu revolutionär. Er stimmt den Ententanz an. Nie geprobt, unwichtig, die Band hängt sich rein, die Tanzfläche explodiert, quakt, wackelt und schnattert. Die Stimmung nähert sich dem Siedepunkt. Das geht natürlich runter wie Öl, aber wer will schon Öl. Unsere Gallone Jack haben wir aus der Garderobe mit auf die Bühne zitiert und gießen nach. Mit einer Party-Band haben wir nun ja so gar nichts gemeinsam, müssen uns anders helfen. Ententanz Teil 2? Bitte nicht! Nein, oder? Durch den wurde es jedenfalls im Auditorium laut wie von hunder t Kettensägen. Die Gitarristen drehen ihre Verstärker von 4 auf 10, wollen dagegenhalten. Das wiederum ermutigt unsere Gesangsanlage, die eh schwach auf der Brust ist, zu diversen heulenden Rückkopplungen, die sich selbst bei mangelnder Vorstellungskraft gut und gern wie Silvester- Pfeifer anhören. Überall schauen sie verdutzt auf ihre Armbanduhren. Nein, es ist noch nicht so weit. Fünf vor Mitternacht machen wir eine Pause, stürmen zu den Tischen, um noch ein Glas Sekt zum Anstoßen zu ergattern. Die Meute hat schlagartig den Raum verlassen. Alles raus zum Knallen. Nur die drei Familien der Musiker sind noch da, erheben ihre Kelche, umarmen sich und ihre Lieben, wünschen mit einem Blick in die Umgebung allen das Beste. Gute Neujahrs-Vorsätze gab es ja schon in den eigenen vier Wänden mit gekreuzten Fingern hinterm Rücken. Die Zeit ist um, wir müssen wieder hoch. Zwei gefühlt endlose Sets liegen noch vor uns. Mein einziger guter Vorsatz beinhaltet zwei Worte: Nie wieder! Ich bin ihm bis heute treu geblieben. 88 www.laufpass.com


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