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LAUFPASS 01/2017

Als die blinkenden Blaulichter an der Unfallstelle nicht mehr zu sehen sind und der Schwerverletzte auf dem Weg zum Krankenhaus ist, bleibt seine Arbeitskollegin Petra Sinnecke zurück. Sie hat Glück im Unglück: Ihre leichten Prellungen und Kratzer im Gesicht hat der Notarzt gleich mitversorgt, bevor er im Rettungswagen davon rast. Ins Krankenhaus will Petra Sinnecke nicht. Aber was ist mit der verletzten Seele, den schrecklichen Bildern vom heftigen Zusammenstoß mit dem anderen Auto, dessen Fahrer übrigens mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht wird? Was ist mit den furchtbaren Geräuschen und der unheimlichen ersten Stille nach dem Crash? All das hat sich jetzt erst einmal im Kopf der Bürokauffrau eingenistet. Hilfe in vielen schlimmen Situationen Für solche frisch gerissenen seelischen Wunden ist der Notarzt nicht zuständig. Hier tut sich eine Lücke auf – und das nicht nur bei Unfällen, sondern auch in anderen Situationen. Zum Beispiel bei dem plötzlichen Tod eines Kindes, einem Todesfall im häuslichen oder öffentlichen Bereich oder bei Suizid. Im Landkreis Wesermarsch schließt das Kriseninterventionsteam Wesermarsch e.V. (kit) mit Sitz in Brake diese offensichtliche Versorgungslücke. Es soll die Arbeit der Rettungsdienste ergänzen. Offiziell nennt sich das etwas schwerfällig „Psycho-soziale Notfallversorgung“ (PSNV). Eine Besonderheit der kit-Arbeit: Geholfen wird ehrenamtlich und kostenlos. Thomas Wulf, Vorsitzender des Kriseninterventionsteams Wesermarsch und zugleich der Einsatzleiter, nennt noch weitere Aufgaben des kit: „In Zusammenarbeit mit der Polizei überbringen wir Todesnachrichten.“ Angehörige vermisster Personen werden ebenso betreut wie Fahrpersonal von Bussen und Bahnen, das in Unfälle verwickelt war. Bei Wind und Wetter, Tag und Nacht Die kit-Hilfe ist als einmalig angelegt – so wie im Fall von Petra Sinnecke. Thomas Wulf und seine kit-Kollegin Melanie nehmen sie in den Arm, streichen ihr über den Kopf, beginnen sanft mit ihr zu sprechen. „Solche körperliche Nähe kann allerdings nicht jeder ertragen und möchte nicht jeder“, erläutert Thomas Wulf. Wo sind die Angehörigen von Petra Sinnecke? Wer kümmert sich um die 34-Jährige, nachdem das kit-Team sie nach Hause gebracht hat? Ist gewährleistet, dass Petra Sinnecke emotional aufgefangen wird? Diese Fragen werden während der sogenannten Akut-Intervention beantwortet. Im Durchschnitt soll diese nicht länger als zwei Stunden dauern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des kit werden durch Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst angefordert. Bei Wind und Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit müssen die kit-Teams einsatzbereit sein. Deshalb haben sie sich auf erhebliche Eingriffe in ihr Privatleben einzustellen. Schließlich müssen beispielsweise private Vorhaben oder Urlaube auch im Hinblick darauf bedacht werden, ob eine Vertretungslösung möglich ist. „Mir geht es schon viel besser“, flüstert Petra Sinnecke knapp zwei Stunden nach ihrem ersten Kontakt mit dem kit-Team. Ihr Mann hat inzwischen seine Schicht abgebrochen und ist nun bei ihr. Auch die Tochter und der Familienhund sollen bald von einem Ausflug zurück sein. Falsches Wort mit fatalen Folgen Gleich am nächsten Tag will Petra Sinnecke zusammen mit ihrem Mann entscheiden, ob sie zusätzliche Unterstützung benötigt; die könnte ihr das kit vermitteln. Auf der Rückfahrt nach Brake sagt Thomas Wulf: „Kein Fall ist leichter als der andere. Aber jeder Fall ist anders.“ Die Anforderungen an die ehrenamtliche Mannschaft des Kriseninterventionsteams Wesermarsch sind hoch, sehr hoch. Zurzeit besteht sie aus neun Frauen und drei Männern. „Jeder von uns muss Trauer aushalten können – aber auch Tote“, erläutert Wulf. Jedes Wort, das während der Akut-Intervention gesagt wird, kann ungeahnte Folgen haben. Das Ganze sei „emotional sehr fordernd“. Stetig steigende Fallzahlen Wulf war es, der vor zehn Jahren den Grundstein für die Tätigkeit des Kriseninterventionsteams Wesermarsch gelegt hatte. Ende der siebziger Jahre hatte der gelernte Speditionskaufmann und spätere Bankangestellte die Arbeit des Rettungsdienstes kennen gelernt. Damals absolvierte der Initiator den zehnjährigen „Katastrophenschutz-Ersatzdienst“ als Alternative zu Bundeswehr und Zivildienst. Und während dieser Zeit als Ersatzdienstleistender machte er eine Erfahrung, die ihn nie mehr losließ und die der letztlich das kit seine Gründung verdankt. „Ich kam dazu, als ein kleines Kind gestorben war“, erinnert er sich. „Die Angehörigen wurden in ihrer Not von den Rettungsdienst-Mitarbeitern zurück gelassen – ohne erste Hilfestellungen für die Seele zu erhalten.“ Am 30. Juli 2007 wurde das Kriseninterventionsteam Wesermarsch als gemeinnütziger Verein gegründet. Die Fallzahlen steigen von Jahr zu Jahr. In den ersten Jahren wurden zwischen 17 und 20 Einsätze bewältigt. 2013 waren es bereits 35 und ein Jahr darauf 58. Die Tendenz weist 2015 und 2016 ebenfalls nach oben – mit 55 beziehungsweise 65 Einsätzen. Im Durchschnitt wird alle fünf bis sechs Tage ein Einsatz gefahren. „Seit der Vereinsgründung wurden mehr als 1.300 Menschen betreut“, berichtet der 56-Jährige. Dabei kooperiert das kit häufig mit der Notfallseelsorge (NFS). „Deren Angebot wird allerdings seitens der Kirchen immer stärker eingeschränkt“, bedauert Wulf. Trauertreff ergänzt das Angebot Im Laufe der zehn Jahre wurde ein Netz aus Hilfsorganisationen, Religionsvertretern und anderen Menschen geknüpft, die im Notfall alarmiert werden können. Thomas Wulf: „Bewährt hat sich auch der enge Kontakt zu Therapeuten, die innerhalb von 72 Stunden zur Verfügung stehen – viel schneller als normalerweise üblich.“ Auf diese Weise Fotos: Misunseo/shutterstock.com | Pressmaster/shutterstock.com | kit Wesermarsch Akute Hilfe für die lädierte Seele Das Kriseninterventionsteam Wesermarsch e.V. unterstützt Angehörige und Hinterbliebene – ehrenamtlich und kostenlos Von Thomas Klaus 14 www.laufpass.com


LAUFPASS 01/2017
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