Page 36

LAUFPASS 01/2017

Auf Wunsch der muslimischen Eltern führte ein Arzt vor über sechs Jahren die Beschneidung ihres vierjährigen Sohnes durch. Ein Eingriff mit Folgen. Wegen starker Komplikationen musste der Junge zehn Tage lang in der Kölner Universitätsklinik nachbehandelt werden. Dabei waren die Verletzungen des Vierjährigen ganz offensichtlich schwerwiegend: starke Nachblutungen, Gewebeschädigungen und Entzündungen an der freiliegenden Penisoberfläche und der Eichel. Das Landgericht sprach im anschließenden Verfahren gegen den Arzt zwar von einer Körperverletzung, verurteilt wurde er aber trotzdem nicht. Das Urteil entfachte im Juni 2012 die »Beschneidungsdebatte«. Gesetzlich hatte es diesbezüglich noch keine spezielle Regelung gegeben, doch das änderte sich im Dezember 2012, als der Bundestag mit überwältigender Mehrheit beschloss, dass Eltern über die Beschneidung ihres Sohnes entscheiden dürfen, sofern er noch nicht das 14. Lebensjahr vollendet hat. Aufgrund der gesetzlichen Lage – denn Beschneidung fiel bis zum Gesetzesbeschluss unter den Tatbestand der Körperverletzung – sah sich die Politik gezwungen, zu handeln und tat dies noch im Dezember desselben Jahres: 434 Abgeordnete aus Koalition und Opposition stimmten für das Gesetz. Dabei gab es lediglich 100 Gegenstimmen sowie 46 Enthaltungen. Ein erstaunliches Votum, wenn man bedenkt, dass sich mit der SPD, den Grünen und den Linken gleich drei Parteien aus dem Bundestag für eine verstärkte Kinderschutzpolitik durch die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz einsetzen. Ein Änderungsvorschlag von 66 Abgeordneten, der ein Mindestalter von 14 Jahren plus notwendiger Einwilligung des Kindes forderte, wurde mit noch größerer Mehrheit abgelehnt. Bei Juden und Muslimen in Deutschland löste die Entscheidung des Bundestags große Erleichterung aus. Schließlich zählt die Beschneidung dort zu den zentralen Bestandteilen der Glaubenspraxis. Im Judentum erfolgt sie am achten Tag nach der Geburt, im Islam im Alter zwischen sieben Tagen und 14 Jahren. Nach Meinung der CDU/CSU musste auf das Kölner Urteil eine schnelle Reaktion folgen. „Juden und Muslime fürchten seitdem um die Zukunft ihres religiösen Lebens in Deutschland. Für sie ist die rituelle Beschneidung von Jungen ein elementarer und identitätsstiftender Bestandteil ihrer Religion und ein Ausdruck der Fürsorge für ihre Kinder. Das Kindeswohl umfasst alle Aspekte der Entwicklung von Kindern. Dazu gehört auch die religiöse Sozialisation. Wir respektieren und tolerieren deshalb den Wunsch gläubiger Eltern, ihren Kindern eine religiöse Heimat zu geben“, hieß es in einer Pressemitteilung der Fraktion zum Gesetzesentwurf 1. Die Religionsfreiheit aus Art. 4 GG sei die Grundlage für dieses Gesetz. Dem halten die Gegner jedoch entgegen, dass auch für Kinder das Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG) Geltung besitzen muss und bei dieser legitimierten Körperverletzung ein Verstoß gegen die Menschenwürde (Art. 1 GG) vorliegt. Indes wird über die Interpretation der Religionsfreiheit ebenso gestritten. Kritiker merken an, dass den Kindern durch die Beschneidung ebenjene entrissen wird. Es lohnt sich auch ein Blick auf das Tierschutzgesetz, in dem das Kupieren von Gliedmaßen nach § 6 verboten ist – außer bei medizinischer Notwendigkeit. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Beschneidung von Menschen religiöse Hintergründe hat und das Kupieren der Tiere nicht. Ob die Verschiedenheit der Motive ausreicht, um ein und dieselbe Art der Körperverletzung unterschiedlich zu bewerten, darüber wird diskutiert. Bislang fiel das Echo gegen dieses Gesetz extrem leise aus, das Thema war schnell vom Tisch. Zu schnell, finden Vereine wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ), die die »Beschneidungsdebatte « wieder in den Fokus rücken wollen. „Die aus religiösen oder kulturellen Gründen erfolgende Entfernung der Vorhaut bei nicht entscheidungs- und einwilligungsfähigen Jungen 36 www.basta-magazin.de Bilder: Alex Malikov shutterstock.com (Beschneitung, Seite 35 und 36), Anna Grigorjeva shutterstock.com (Baby mit Stofftieren, Seite 35), gesellschaft Am putationen an Kleinkindern Beschneidungsgesetz wirft Fragen auf


LAUFPASS 01/2017
To see the actual publication please follow the link above