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LAUFPASS 01/2017

ist unserer Ansicht nach ein Verstoß gegen das elementare Kindesrecht auf körperliche Unversehrtheit. Für Jungen sollte das gleiche Recht gelten wie für Mädchen, bei denen die Beschneidung als Straftat gilt. Bezüglich der körperlichen Unversehrtheit eines Jungen darf Elternrecht nicht höher gewertet werden als Kindesrecht“, erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ 2. Auch der Zentralrat der Ex-Muslime setzt sich vehement gegen das beschlossene Gesetz ein. „Die Politik hat auf Druck der religiösen Lobbys nachgegeben. Wir sind nicht antisemitisch und haben nichts gegen Muslime – damit hat es gar nichts zu tun. Es geht um die Verletzung der Rechte des Kindes, deshalb kann man Beschneidung nicht unter den Aspekt der Religionsausübung fassen“, sagt die Vorsitzende vom Zentralrat der Ex-Muslime Mina Ahadi. Die politische Aktivistin und Menschenrechtlerin kämpft seit Jahren gegen religiöse Einengung und für die Säkularisierung, wofür sie in der Vergangenheit oftmals angefeindet wurde. „Wenn man 18 Jahre alt ist und sich dann beschneiden lassen will, bitteschön. Aber man sollte selbst darüber bestimmen dürfen“, fordert Ahadi. Deutschland habe durch den Gesetzesbeschluss dementsprechend auch in andere Länder, die immer ein Auge auf die Entscheidungen einer demokratischen Regierung werfen, ein falsches Signal gesendet. Durch ihre Verbindungen zu Organisationen in ihrem Herkunftsland Iran und im Irak höre sie fast täglich von Todesfällen in Folge dieser Praktik, weshalb sie eine erneute Diskussion für unabdingbar hält. Neben dem Körper bleibt manchmal auch die Psyche durch diesen umstrittenen Ritus nicht ganz verschont. Schon ab einem Alter von drei Jahren können sich Kinder an Geschehnisse erinnern, besonders an ein einschneidendes Erlebnis wie dieses. Nach einer Studie des Psychologen Ronald Goldman vom »Circumcision Resource Center« in Boston mit dem Titel »The psychological impact of circumcision« kann eine Beschneidung psychosoziale Folgeschäden anrichten. Der natürliche Abwehrreflex des Kindes werde unterdrückt und dies löse ein Gefühl von Hilflosigkeit und Machtverlust aus, wie es auch bei sexuellem Missbrauch oder Folterung der Fall sei. Infolgedessen entstehe nicht selten Scham über den beschädigten Penis, was zu einer lebenslangen Meidung sexueller Kontakte führen könne. Außerdem könne die Beschneidung Auslöser von Phobien vor Krankenhäusern oder Ärzten sein und das Gefühl des »Andersseins« eine soziale Ausgrenzung bewirken 3. gesellschaft Die Beschneidung gibt es nicht nur beim männlichen Geschlecht. Auch Frauen aus bestimmten Regionen in Afrika sowie einigen Staaten in Südostasien und im Nahen Osten werden beschnitten. Schätzungen der UNICEF zur Folge sind etwa 100 bis 140 Millionen Frauen weltweit von Genitalverstümmelung betroffen. Die Liste der Länder ist lang. Die höchste Verbreitung verzeichnen Somalia, Mali, Guinea, Ägypten, Dschibuti, Sierra Leone, Eritrea, Burkina Faso, Äthiopien, Gambia und der Sudan mit jeweils über 70 Prozent 4. Als Grund für dieses Ritual wird in diesen Fällen allerdings nicht die Religion, sondern die Kultur vermutet. Ein Indiz hierfür wäre, dass auch Äthiopien als überwiegend christliches Land diesen Brauch pflegt. In Deutschland wird die Genitalverstümmelung von Frauen nach § 226 a StGB mit einem bis 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ruft man sich dagegen die überwältigende Mehrheit vor Augen, die in Bezug auf die männlichen Kinder den Ärzten ohne wirklichen Diskurs einen Freifahrtschein zur Körperverletzung erteilte, erscheint das Ganze mehr als bedenklich. Daher sollte die Debatte auch von der Politik wieder aufgegriffen werden. * Quellen: *1 https://www.cducsu.de/presse/pressemitteilungen/beschneidung- von-jungen-soll-zulaessig-bleiben *2 https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/ gleicher-schutz-fuer-alle-kinder-also-auch-fuer-jungen *3 http://www.cirp.org/library/psych/goldman1/ *4 https://www.unicef.org/publications/files/UNICEF_SOWC_2016.pdf 37 goir shutterstock.com (Composing Nasenbluten, Seite 35), nito shutterstock.com (Beschneidung Seite 35), Spejsek shutterstock.com (Kinder im Schatten der Gexchwister, Seite 35) Steffen Lünsmann § 1631d Beschneidung des männlichen Kindes (1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird. (2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind. www.basta-magazin.de Mehr als 5.000 Wohnungen in nahezu allen Stadtteilen! Mietwohnungen Gewerbeobjekte Visionäre Projekte Baugrundstücke Ferienwohnungen Schön. Gut. Wohnen. Genießen Sie mehr Bremerhaven Städtische Wohnungsgesellschaft Bremerhaven www.staewog.de | 0471/9451-0


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