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LAUFPASS 01/2017

40 erziehung Karla ist ein echter Engel – 8 Jahre alt, blond gelockt, ausgeglichen, fröhlich und brav… bis… ja bis sie mal nicht ihren Willen bekommt, beim Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel nicht gewinnt oder wenn ihre Freunde nicht spielen möchten, was sie gerade will. Dann wird sie zum Teufel – mit stampfendem Pferdefuß, rauchenden Nüstern, höllischen Kreischattacken oder respektlosen Widerworten. Geduldig warten, bis Mama fertig telefoniert hat? Eine Autofahrt ohne mediale Belustigung? Keine Chance! Wenn Karla etwas will, dann will sie es sofort. »Geduld«, »Verzicht« oder »Pflicht« sind Fremdwörter für sie. Und sie ist es gewöhnt, dass sich die Welt um sie dreht und sie jeden Wunsch erfüllt bekommt – korrigiere – auf der Stelle erfüllt bekommt! Ihre Eltern fühlen sich in einem Netz widersprüchlicher Gefühle gefangen: Der Wut auf ihr aufsässiges Kind, das kein »Nein« akzeptiert, dem schlechten Gewissen, wenn sie Karla einmal wieder angebrüllt haben, weil sie einfach nicht hört und dann wiederum der Freude über das herzerwärmende Lächeln ihres Engels, wenn sie alle Wünsche einfach erfüllen. Verständlicherweise sind Eltern nach einem anstrengenden Arbeitstag häufig einfach zu erschöpft und abgekämpft und erlauben darum alles, was die Kinder möchten – mit dem resignierenden Gefühl, einfach keine Kraft und keine Nerven zu haben, um den Stress auszuhalten, der zwangsläufig folgen würde. „Aber das ist eine Ausnahme, Karla!“, heißt es dann oft und nicht selten reiht sich tagtäglich Ausnahme an Ausnahme. Dadurch lernen die Kinder aber, dass es sich lohnt, zu quengeln, zu betteln, zu diskutieren, sich zu verweigern oder zu toben und dass ein „Nein!“ der Erwachsenen meistens zu einem seufzenden „Aber nur ausnahmsweise!“ mutiert, wenn sie sich nur genug gegen die unliebsamen Anweisungen auflehnen. Sie leben ausschließlich nach dem Lustprinzip und lernen nicht, Anforderungen zu erfüllen, die nicht ihren eigenen Interessen entsprechen. Manche Eltern versuchen sogar, ihr Kind von vornherein vor jeglichen unangenehmen Erfahrungen, Misserfolgen und Enttäuschungen zu bewahren. Sie lassen ihr Kind gar nicht erst in Situationen kommen, in denen es beispielsweise auf dem Spielplatz von anderen Kindern Zurückweisung erfährt oder Konfliktsituationen erlebt. Sie lassen es nur mit »Freunden« spielen, meiden öffentliche Spielplätze oder greifen sofort in eine Situation steuernd ein, in der das Kind etwas Negatives erleben könnte. Durch ein solches Verhalten der Überbehütung verhindern Eltern allerdings, dass Kinder lernen, mit frustrierenden Situationen umzugehen und nehmen ihnen die Chance, selber Lösungen für diese normalen Alltagsprobleme zu finden und sich selbst zu behaupten. Frustrationstoleranz Das Problem der »geringen Frustrationstoleranz« zeigt sich nicht nur im Familienalltag und in der Freizeit, sondern auch in der Schule – und im späteren Erwachsenenalter. Kinder, die in jungen Jahren nicht mit Enttäuschungen, Misserfolgen oder Kritik umzugehen gelernt haben, reagieren auch oft Lehrern gegenüber mit Wut und Aggression oder ziehen sich zurück, verweigern jegliche Mitarbeit und schrecken vor Herausforderungen zurück oder werden zum Klassenclown. Weil sie keine Misserfolge und Enttäuschungen kennen, können sie nicht mit ihnen umgehen. Daraus können auch Essstörungen und andere psychosomatische Störungen, wie Kopf- und Bauchschmerzen, resultieren. Menschen, die nur über eine geringe Frustra- tionstoleranz verfügen, sind oft unzufrieden und neigen dazu, sich auf die negativen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Das Aufregen über Kleinigkeiten und das Gefühl der Antriebslosigkeit, des Selbstmitleids bis hin zur Depression, sind mögliche Folgen dieser fehlenden Reife. Unangenehme Arbeiten werden aufgeschoben oder gemieden. Schon ein kleiner Rückschlag führt dazu, dass ein Vorhaben ganz aufgegeben wird. Wieder andere essen aus Frust oder meinen, ihr Leben mit Suchtmitteln besser ertragen zu können. Wie man mit frustrierenden Erfahrungen souverän umgehen kann, lernen Kinder zum einen am Vorbild der Eltern. Zum anderen ist es wichtig, sie schlichtweg ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen und ihnen im Nachgang zur Verfügung zu stehen, um ihren Schilderungen zu folgen und sie bei der Bewältigung der Erfahrung empathisch zu Scheitern als Chance Frustrationstoleranz ist eine Voraussetzung für Lebensglück www.basta-magazin.de Viele Dinge klappen nur selten auf Anhieb – so wie das Binden einer Schleife. Doch ewig Klettverschluss Schuhe zu tragen, ist keine Lösung.


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