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LAUFPASS 01/2017

Ich erinnere mich Von George B. Miller … nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde. rosarote Brille. Alles läuft bestens bei ihm zuhause, ein netter Kerl. Wenn ich Freunde hätte, Wir träumen sie immer wieder, bis wir eines guten Tages glauben, sie sind realer als das Leben. Sagt mir das was? Nein, außer, dass es an der Zeit ist, endgültig wach zu werden; denn da ist noch dieser Termin mit meinem Freund vom Finanzamt. Als wir uns kennenlernten, trugen wir dieselbe Uniform. Er ist nun ein hohes und doch so menschliches Tier in der Steuerfahndung. Ich hingegen schleiche immer noch als nachtaktiver Feuersalamander meiner Band in der Musiklandschaft herum. Das heißt, wenn meine Finanzabteilung kurz davorsteht, in Flammen aufzugehen, dann sitze ich in fast fötaler Haltung vor ihm wie Max in der Sonne und schiele verliebt auf den Feuerlöscher an der Wand neben dem Bild von Willy de Ville. Gute Freunde können die besten Therapeuten sein, mit anderen Worten: das Herz passt schon auf, wenn das Gehirn brennt. Wenn ich dann nämlich irgendwann aus seinem Büro gehe, fühle ich mich, wie nach einer erfolgreich absolvierten Darmspülung, völlig frei. Doch der Anschiss lauert ständig und überall, und ich könnte dann sofort auch wieder auf alles scheißen. Mich benehmen? Was heißt das? Als ich noch ein kleiner Bub war, sah ich ja schon Tarzan nackt herumlaufen. Aschenputtel kam erst um Mitternacht nach Hause, Pinocchio erzählte Lügen, Aladin war ein Dieb und Schneewittchen lebte in einem Haus mit sieben Männern. Was für Vorbilder. Popeye war Raucher und ganzkörpertätowiert und Pacman war in einem dunklen Raum am Pillenessen mit elektronischer Musik! Nee, es ist eindeutig zu spät! Das ist aber nicht mein Fehler. Der liegt irgendwo in meiner Kindheit! Ich bin nämlich eigentlich könnten die das bestätigen. Gitarren-George hat eine ähnliche Zukunft hinter sich. Aus diesem Grund betreiben er und ich fast auf jeder Zugfahrt zur Probe mit den Rattles Ursachenforschung und landen immer wieder in unseren Portemonnaies, weil da so viel Luft nach oben ist. Deshalb erzählt er mir auch hin und wieder von Castanedas Buch „Die Lehren des Don Juan“, in dem stehen soll, dass der Mensch und die Welt, die ihn umgibt, ein unergründliches Geheimnis sind. Das sehe ich auch so. Nur wer den „Weg des Herzens“ geht und immer seinem Herzen folgt, kann den „Weg des Kriegers“ beschreiten, sein Bewusstsein erweitern und seine Lebensenergie effektiver nutzen. Der Mann transferierte sich, nachdem er ein Stück von seinem Peyote-Kaktus abgebissen oder einen Zug aus der mit psilocybinhaltigen Pilzen bestückten Pfeife geraucht hatte, von einem Ort an einen anderen. Ich bin zutiefst beindruckt, kann aber leider nur mit Kaffee dagegenhalten, schwarz und ohne Wasser. Komm auf die dunkle Seite, wir haben Kekse. Ich sage George, dass es nichts bringt, nur das Buch zu lesen. „Nein, das stimmt, es könnte aber helfen, ohne teures Ticket nach Harburg zu kommen, wenn man die Kunst des Reisens durch Zeit und Raum draufhätte, oder was denkst du?“ Ich denke, wenn ich dir sage was ich denke, dann müsste ich ja reden und könnte nicht denken. So kommen wir natürlich nicht weiter, aber die Zeit vergeht wie die Hamburger Gekochte in ihrer Pelle, wenn man vergessen hat, sie zurück in den Kühlschrank zu legen. Und immer sind wir auch nicht so tiefsinnig. Er ist frisch verliebt. Das ist ein schönes und ergiebiges Thema. Dieses Schwärmen durch die und wenn nicht, ist es ihm sogar egal, wer die Hosen anhat – so verliebt ist er. Ich persönlich glaube, in einer frischen Beziehung stören die Hosen nur. Das sage ich ihm aber nicht. Er weiß das selbst am besten, und obwohl seine Freundin bildhübsch ist und er sie sich genau deshalb abgegriffen hat, versichert er mir ständig, dass für ihn die innere Schönheit, gegeben die inneren Wer te, den Ausschlag haben, sich mit ihr zu verbinden. Ich bin da etwas anders, bin ja kein Proktologe. Ich schaue lieber erst einmal auf, statt in den Arsch. Vielleicht bin ich deshalb auch immer noch Single. Zu viele Gespräche, die mit „…wir müssen reden…“ begannen und mit „… lass uns Freunde bleiben!“ endeten. So hängt jeder von uns seinen Gedanken nach, ganz kurz, und schwupps sind wir wieder – wie es sich gehört – bei der Musik. George hat seine mitgebrachte Akustik auf den Knien, den Text von mir vor sich und hängt an den ersten Akkord einen zweiten, dann noch einen dritten. Fertig. Ich finde ja, das Lied könnte volksnaher, kommerzieller sein. Schließlich wollen wir ja irgendwann von unseren Songs leben. „Denk nicht immer nur an die Kohle beim Komponieren“, sagt er dann fast väterlich. Millionen Menschen in Deutschland stehen zwar auf Volksmusik, aber musst du das haben? Schreib dich nicht ab. Lerne Hören und Lesen! Das kann ich jetzt, danke Bruder – es war eine fruchtige Zusammenzeit! 80 www.laufpass.com


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