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LAUFPASS 02/2017

In der Textilindustrie herrschen miserable Arbeitsbedingungen Wir alle sind Schnäppchenjäger. Wir freuen uns besonders, wenn wir unseren Kleiderschrank für kleines Geld auffüllen können: TShirts für 4,99 Euro, im Dreierpack nur 9,99 Euro, Hosen für 19,99 Euro – das sind Preise, die Käuferinnen und Käufer glücklich machen. Aber wie ist es möglich, dass die Klamotten so unfassbar günstig sind? Diese Frage stellen sich nur wenige. Und doch kann sich jeder die Antwort denken: Es liegt an den extrem geringen Herstellungskosten. Marken wie H&M, C&A und Takko lassen aus Wettbewerbsgründen vor allem in Südostasien produzieren. Lange war Bangladesch das Maß aller Dinge. Doch nach einem Fabrikunglück im Jahre 2013 nahm die Marke „made in Bangladesh“ Schaden. Im Nachbarland Myanmar, ehemals Burma, entstand ein neuer Hotspot der Textilindustrie. Die unabhängige niederländische Organisation „Centre of Research on Multinational Corporations“ (SOMO) erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die Bekleidungsindustrie in Myanmar: sie rügt Unterbezahlung, Kinderarbeit, extreme Überstunden sowie mangelhafte Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen. Thiri und Yadana leben in einer Slumsiedlung in Rangun, der größten Stadt Myanmars. Ihre notdürftige Hütte haben sie sich selbst gebaut. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Dafür reicht ihr Geld nicht aus. „Der Vorteil des Lebens hier ist, dass wir keine Miete bezahlen müssen. Das macht es leichter, über die Runden zu kommen“, sagt Thiri. So geht es auch den anderen rund 700.000 in den Slums lebenden Menschen. Wie Thiri und Yadana arbeiten viele von ihnen in der Textilindustrie. Sie nähen T-Shirt für T-Shirt, Jeans für Jeans, Jacke für Jacke. Teilweise über 60 Stunden pro Woche, unter gefährlichen Umständen und für eine Bezahlung unter dem Mindestlohn. Die Textilindustrie steht schon länger in der Kritik. Erst recht seit dem 24. April 2013, als es in Bangladesch zu einem folgenschweren Fabrikeinsturz kam. Bei dem Unglück starben über 1100 Menschen, mehr als 2400 wurden verletzt. Die Textilindustrie stand am Pranger. Über 200 westliche Unternehmen – darunter H&M, C&A, Takko, Adidas, Puma, Aldi und andere Großkonzerne – setzten daraufhin ihre Unterschrift unter den „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“. In dem Abkommen verpflichten sich die Unternehmen rechtlich zu Brandschutz- und Gebäudesicherheitskontrollen, zu Investitionen in Umbau und Renovierung der Fabriken sowie zur Bildung von betrieblichen Arbeitsschutzkommitees und zur Schulung der Beschäftigten. Jährlich zahlen die Unternehmen zudem 500.000 US-Dollar in einen gemeinsamen Topf, aus dem alle Maßnahmen und die Arbeit des Steuerungskommitees bezahlt werden. Laut den Untersuchungsergebnissen von SOMO hat sich für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Branche seitdem dennoch wenig bis gar nichts verändert. Neuer Schauplatz, alte Probleme Die Anzahl an Fabriken war in Bangladesch bis 2013 jedes Jahr gestiegen, dann fiel sie nach dem Unglück von 5876 auf 4222. Zwar wächst die Zahl seitdem wieder langsam an, aber auch in anderen Ländern ist die Textilindustrie auf dem Vormarsch. Eines davon ist Bangladeschs Nachbarland Myanmar, das seit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung 2011 zu einem neuen Hotspot der Bekleidungsindustrie geworden ist. Aktuell sind in 400 Fabriken 350.000 Menschen beschäftigt, bis 2024 soll die Anzahl auf 1,5 Millionen steigen. Das niederländische „Centre of Research on Multinational Corporations“ (SOMO) hat im letzten Jahr zwölf Fabriken in Myanmar untersucht und dabei 403 Angestellte interviewt. Die Studie wurde Anfang Februar unter dem Titel „The Myanmar Dilemma“ veröffentlicht. Die Ergebnisse deuten auf gravierende Menschenrechtsverletzungen hin. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten für einen Mindestlohn von umgerechnet knapp 2,40 Euro (3.600 Kyat) am Tag – teilweise wird selbst der nicht gezahlt. Auf Nachfrage bekräftigt Pressesprecherin Anna-Kathrin Bünger von H&M: „Unsere Lieferanten müssen mindestens den Mindestlohn zahlen. Wir wollen, dass sie ihren Angestellten einen fairen Lohn zahlen, der ihre Grundbedürfnisse und die ihrer Familie deckt.“ Die Realität sieht laut den SOMO-Ergebnissen anders aus. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter beklagen sich, dass ihr Gehalt nicht ausreiche, um ihre Familie zu ernähren. Nach Angaben von „Myanmar Insider“ benötigt eine fünfköpfige Familie für ein menschen- Fotos: ©Lauren DeCicca |MAKMENDE | Zsschreiner/shutterstock.com | Alhovik 10 www.laufpass.com


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