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LAUFPASS 02/2017

32 erziehung Titelbilder: Sharomka shutterstock.com (Vater und Kind),wavebreakmedia shutterstock.com (Vater und Sohn reparieren Fahrrad),Maryna Kulchytska shutterstock.com (Mädchen/mit Krone) Bilder: Twin Design shutterstock.com (Mädchen in Hocke) Beim Blick auf die statistischen Erhebungen des Jugendamtes seit 2012 lässt sich ein besorgniserregender Trend feststellen: Die Anzahl der Verfahren zu Kindeswohlgefährdungen ist in Deutschland jedes Jahr weiter angestiegen und bei der letzten Erhebung 2015 bei 129.000 Verfahren angelangt. Am deutlichsten wuchs die Anzahl der akuten und latenten Kindeswohlgefährdungen. Auch die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern durch den Staat hat sich innerhalb von 20 Jahren mehr als verdreifacht – von 23.432 Fällen (1995) auf 77.645 Fälle (2015). Die Fakten verdeutlichen, dass immer mehr Eltern ihrer Elternrolle nicht gewachsen sind. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Kinder, die in ihrer Familie verwahrlosen und sich aufgrund mangelhafter oder unzureichender Erziehung schlecht entwickeln. Den Eltern wird bezüglich der Erziehung ihrer Kinder in der Praxis ein großer Spielraum gelassen – mit Berufung auf das Grundgesetz, in dem es heißt: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“ (Art. 6 Abs. 2 GG). Das heißt keineswegs, dass Eltern mit ihrem Kind machen dürfen, was sie wollen. Deshalb ist in dem Gesetz nicht nur von einem Recht, sondern auch von einer Pflicht die Rede. Die Pflicht besteht darin, für eine gute Entwicklung des Kindes zu sorgen und es vor negativen Einflüssen zu schützen. Sobald Eltern diese Pflicht missachten und ihr Kind vernachlässigen, misshandeln oder sexuell missbrauchen, liegen massive Kindeswohlgefährdungen vor. Die Eltern verstoßen damit gegen die beiden wichtigsten Grundrechte, die Menschenwürde (Art. 1 GG) des Kindes sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG). Im Sozialgesetzbuch ist darüber hinaus explizit verankert, dass jedes Kind das Recht auf eine angemessene Erziehung genießt. „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“, so der Wortlaut im Kinder- und Jugendhilfegesetz. Laut Art. 6 Abs. 2 GG bekleidet der Staat eine Wächterfunktion. Diese übernimmt er in Form des Jugendamtes. Einschreiten kann die Behörde jedoch meistens erst, wenn es bereits zu spät ist. Selten kommt es vor, dass Familien von alleine auf das Amt zukommen, vielmehr sind es vorrangig Lehrer oder Erzieher, die Hinwiese für Kindeswohlgefährdungen liefern und das Jugendamt um Hilfe bitten. Dieser Mechanismus verdeutlicht eines ganz besonders: In der gegenwärtigen Struktur der Behörden kann der Staat immer nur reagieren, also auf bestehende Missstände eingehen – und selbst dann wird abgewogen: Sind die Verstöße schon so groß, dass eingegriffen werden muss? Oft vollzieht das Jugendamt dabei einen Tanz auf der Rasierklinge, weil viele Familien mit dem Schutz des Elternrechts argumentieren, beziehungsweise das Jugendamt täuschen. Deshalb wird oftmals nicht die Reißleine gezogen. Für Kinder kann ein ausbleibendes Eingreifen des Staates sogar tödliche Folgen haben. In der Vergangenheit kam es schon zu Todesfällen, obwohl die Familien dem Jugendamt bekannt waren und diese sich in der Betreuungsphase befanden. In Anbetracht der raschen negativen Entwicklung liegt es auf der Hand, dass seitens der Politik etwas gegen die zunehmenden Kindeswohlgefährdungen unternommen werden muss. Dabei liegt es offensichtlich im Interesse aller Beteiligten, es gar nicht erst zu derartigen Situationen kommen zu lassen und die Kinder bereits im Vorfeld vor Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch zu bewahren. Damit würde das Jugendamt gar nicht erst in die prekäre Situation kommen, zwischen Elternrecht und Kindeswohl entscheiden zu müssen. Kinder in die Welt setzen darf jeder – ob überlegt oder unüberlegt, vorbereitet oder unvorbereitet. Doch immer mehr Eltern sind den Herausforderungen der Erziehung eines Kindes nicht gewachsen, wie die Statistiken des Jugendamtes zeigen: Die Behörde registriert eine kontinuierlich steigende Anzahl an Kindeswohlgefährdungen in Familien. Die negative Entwicklung muss gestoppt werden – aber wie? Der CDU-Abgeordnete Kai Wegner brachte 2014 den Vorschlag eines »Elternführerscheins« ins Spiel. Die Verwahrlosung der Kinder Stoppt ein »Elternführerschein« den negativen Trend? www.basta-magazin.de


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