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LAUFPASS 02/2017

des Vater auf. „Ich habe mich bedauert, statt selbst Verantwortung zu übernehmen“, erinnert sie sich. Als sie das erste Mal kiffte, war Kerstin 15. „Ein geiles Alter“, sagt sie. „Dieses Kribbeln im Bauch vergisst man nie wieder.“ Es ist die Zeit, in der Jugendliche sich ausprobieren. Kerstin nahm Tabletten und irgendwann auch Drogen. Mit 37 Jahren war sie zum ersten Mal clean. Es sei nicht wichtig, viele Freunde zu haben, gibt sie den Jugendlichen mit auf den Weg. Bedeutend sei, wenigstens einen Freund zu haben: „Sich selbst.“ Respektvoller Umgang miteinander Die Empfindung für das eigene Ich stärken, das soll »Kribbeln im Bauch«. Den Jugendlichen wird deutlich, wie sie sich selbst sehen, was ihre Stärken sind, was sie aushalten können und wie sie miteinander umgehen. Beim Geschlechtertag am Donnerstag lenkt Tanja Wilkens ihren Blick darauf, dass zwei Mädchen immer abseits stehen. Wie sich das anfühle, will die 31-Jährige wissen. „Das ist doof“, sagt das eine Mädchen leise und blickt zu ihren Klassenkameradinnen herüber, die in einer großen Gruppe zusammenstehen. Die sind erst still, dann rührt sich eine aus der Runde: „Darüber habe ich nie nachgedacht. Wir haben gemeint, das sei für die beiden in Ordnung: Sie waren ja immer unter sich.“ Die Woche in der Tanzschule ändert das Gefüge, das merken auch die Schüler. Sie reden viel, die Gruppierungen lösen sich auf, sie gehen respektvoll miteinander um. „Ich habe das Gefühl, dass wir eine stärkere Klassengemeinschaft bekommen haben“, wird Zafer in der Abschlussrunde sagen. Jeden Tag eine neue Botschaft Jeder Tag in der Tanzschule hat neue Protagonisten und jeder Tag eine neue Botschaft. Am Dienstag ist Martin Kehl vom LIS da und macht Managerspiele mit den Schülern. Eine Gruppe voller Macher löse allein keine Aufgabe, ist seine Botschaft. „Es braucht auch die, die mitmachen, und die, die ihre kreativen Ideen erst entwickeln, wenn ein anderer vorangegangen ist.“ Stille Wasser sind manchmal tief. Mit Randolf Marstaller, Tanzlehrer und Sporttrainer, gehen die Jugendlichen mit Body Kick zwei Tage später an ihre Grenzen. Sie boxen, hüpfen, treten und laufen zum harten Beat der Musik. Der Kampf mit dem inneren Schweinehund ist hart, und doch halten alle bis zum Ende durch. „Wenn man irgendwo besser werden will, ist es wichtig, mal an die Grenzen zu kommen und auch darüber hinaus. – Das habt ihr als Team geschafft.“ Getanzt wird jeden Tag. Driton studiert mit den Jugendlichen eine HipHop-Choreographie ein. Jeder der 300 Schritte hat einen Namen. Einen lebensnahen Namen: „Umarmen, umarmen, Suppe rühren.“ Wie Tanja Wilkens spricht der Tanzlehrer die Sprache der Jugendlichen, nicht nur, wenn es um die Vermittlung von Schritten geht. Das kommt an, auch bei den Jugendlichen: „Ihr habt uns genommen wie wir sind“, sagen sie in der Abschlussrunde. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Es fließen Tränen Emotionaler Höhepunkt ist der Donnerstag. An diesem Tag dröhnen beim Tanzen keine HipHop-Beats aus den Boxen, stattdessen erklingt »Seven years« von Lukas Graham. Klassenlehrerin Jenny Warncke sitzt auf dem Fußboden und hat ihre Klasse, die sie gemeinsam seit viereinhalb Jahren begleitet, fest im Blick. Die Mädchen und Jungen haben sich paarweise im Saal verteilt und stehen sich Aug‘ in Aug‘ gegenüber. Ganz ruhig. Dann setzen sich ihre Füße in Bewegung. Eins – zwei – drei. Die Klasse 9 e tanzt Walzer. Und bei Jenny Warncke fließen Tränen. „Das war so ergreifend“, sagt sie. „Zu sehen, wie die Mädchen und Jungen hier Langsamen Walzer tanzen und so respektvoll miteinander sind, das hat mich schwer beeindruckt.“ Am Freitag, dem Abschlusstag, haben auch Eltern, Schulleitung, die zweite Klassenlehrerin Svenja Finken und das Team von »Kribbeln im Bauch« Gelegenheit, den Walzer zu sehen. Die Mädchen und Jungen zeigen auch ihre HipHop-Choreographie - begeistert, mit ansteckendem Lachen und leuchtenden Augen. Rebekka tanzt ein Solo. „Dass ich mich da alleine mal hinstelle und so etwas mache, hätte ich nie gedacht“, sagt sie und strahlt von innen heraus. „Und? Wie fühlt es sich an?“, fragt Tanja Wilkens. Rebekka lächelt still: „Gut!“ WEITERE INFORMATIONEN Margrit Hasselmann, Telefon: 0421 361-8209, E-Mail: MHasselmann@lis.bremen.de, www.suchtpraevention bremen.de und www.ingepp-bremen.de. NOCH MEHR KRIBBELN Die AOK Bremen/Bremerhaven begleitet das Projekt unter #kribbelninbremen und auf www.aok.de/bremen. www.basta-magazin.de


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