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LAUFPASS 02/2017

Was sich im ersten Moment lesen mag wie eine bekannte Naturkatastrophe in der pathologischen Anatomie eines Menschen, ist eine überaus kreative Formation von vier Bremerhavener Musikern um ihre Frontfrau Antje Müller-Michaelis. Der Bandname soll lediglich sagen, dass alles raus muss, was drinnen rumort. So jedenfalls schreibt Antje ihre Texte, ehrlich, meistens ungezügelt, immer entkrampfend. Wenn es ihr also gutgeht, dann ist das bei ihren Kollegen nicht anders. Und so gehen sie auf die Bühne, bestens gelaunt und locker vom Hocker rockig. Klar, sie wissen, dass sie mit jedem Auftritt, mit jedem Song ein bisschen mehr von ihrem Innenlebenscheiß loswerden. Das ist auch überhaupt nicht egoistisch, denn sie belasten niemanden damit. Im Gegenteil, je besser sie sich fühlen, umso mehr geht's unten im Publikum ab. Es ist nicht nur gesund für beide Seiten, es macht auch noch Riesenspaß. Christian Weikusat (Gitarre, Gesang), Jan Eichler (Piano, Akkordeon, Gesang), Andres Vogt (Bass) und Christian Brinker am Schlagzeug spielen seit 2014 zusammen… und es war Sommer. Wie findet man sich aber zu solch einer Formation? Denkbar einfach. Man geht zu Konzerten, kommuniziert mit den Musikern, und immer weiß irgendjemand den nächsten Schritt, wenn man wie Antje erst ganz am Anfang steht. Sie hat zwar das Drücken der Saiten auf der Akustik autodidaktisch erlernt, um ihren Texten ein Zuhause zu geben, aber irgendwann kommt der Punkt, da stagniert der Fortschritt. Sie ist sich sicher, das geht mit Hilfe einer Band noch viel besser. Am Deich, am See, beim Feuer und Feiern treffen sie sich, die ersten Funken entspringen ihrer gemeinsamen Glut, der Musik. Schnell kristallisiert sich heraus, dass Andres die Geschichten von Antje so intensiv und emotional nachvollziehen kann, als hätte er sie selbst erlebt. Eigentlich spielt er Bass, aber er ist ein Multitalent, hat im Grunde jedes Instrument im Griff. Getüftelt und arrangiert wird gemeinsam in ihrer Studenten-WG oder später im Proberaum des Rock Centers. „Nicht immer ist der Text zuerst da“, sagt Frontfrau „AntschöÖ“, wie sie gerufen wird, „manchmal jammen die Jungs auf irgendwelchen Akkorden, und mir fällt spontan etwas dazu ein. Oder ich erinnere mich an ein eigentlich längst vergessenes Blatt Papier mit Worten, die passen könnten. Wir passen hervorragend zusammen, aber in keine Schublade. Erst recht nicht in ein Pralinenkästchen.“ Entscheidend bei ihrer Zusammenarbeit ist, dass die empathischen Musiker die Gefühle und Energie der Texte ihrer Sängerin exzellent umsetzen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen. Die Gesamtheit eines Liedes wird unterstützt. Fertig ist eine Nummer, wenn Antje bei der Interpretation im Proberaum eine Gänsehaut bekommt. Das ist nicht immer einfach, zumal die Worte häufig bedrohlich klingen, die dunkle Seite der Macht veräußern. Das, was Menschen gern vor Anderen oder sich selbst verstecken, eingepackt in schwere Moll-Harmonien. Diese Mixtur aus Molligkeit und der Leichtigkeit ehrlichen Frohsinns kommt aber bei ihren Zuhörern an. Innere Zwänge und Kämpfe, Enttäuschungen und Liebeskummer, darüber schreibt die charismatische Sängerin, und am Ende des Tages kommt zusammen mit der Musik immer etwas total Schönes und Befreiendes dabei heraus. Noch steht ihr Name nicht auf einem Festival-Plakat, aber genau da wollen sie hin. Inzwischen sind auch alle Spuren im Studio für das Erstlingswerk eingespielt. Es fehlt nur noch die Stimme von Antje, die aus beruflichen Gründen Prioritäten setzen musste. Die Kollegen haben ebenfalls Jobs, sind Familienväter. Die Musik soll aber ja auch erst einmal die herrlichste Nebensache der Welt sein. Die Formation ist jung, sie hat noch genügend Zeit, die Bühnen zu erobern. gbm w Foto: Kirstin Oestmann www.oestmann-photos.de Innenlebenscheiß Wenn es ganz tief unten im Bauch zieht 83


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