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LAUFPASS 03/2017

Das Letzte Eine Gesellschaft von Individioten IMPRESSUM: Herausgeber: Wolfgang Jeschke | Tel. 0471/98337-0 | Fax. 0471/98337-22 | info@laufpass.com | www.laufpass.com V.i.S.d.P.: Wolfgang Jeschke, redaktion@laufpass.com Redaktion: Victor Conradt, Simone Hryzyk, George B. Miller, Sascha Floringer, Jakob Diring, Steffen Lünsmann, Christel Jeschke, Marianne Büsing Layout: Simone Hryzyk, Marianne Büsing Anzeigenverkauf: Jakob Diring, Tel. 0471/98337-25, anzeigen@laufpass.com Herstellung: jeschke . Gesellschaft für Kommunikation mbH, Heinrich-Brauns-Straße 3, 27578 Bremerhaven, Tel. 0471/98337-0, Fax. 0471/98337-22, info@jeschke.net, www.jeschke.net Druckauflage: 20.000 Expl. im Auslagevertrieb, vertrieb@laufpass.com Druck: Druckhaus Humburg, Bremen Erscheinungsweise: vierteljährlich. Ein Nachdruck oder die sonstige Nutzung der Texte oder Fotos der Print- und/oder Online-Ausgabe des Laufpass ist – auch in Auszügen – nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erlaubt. Für unverlangt eingesandte Manuskripte wird keine Haftung übernommen. Es gilt die Anzeigenpreisliste vom 1. Januar 2012. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Service Gesundheit (Seite 40 bis 49) ist ein Angebot der AOK Bremen/Bremerhaven: Bürgermeister-Smidt-Straße 95 | 28195 Bremen Redaktionsleitung: Jörn Hons | Redaktion: Miriam Ernst | www.aok.de/bremen 114 www.laufpass.com Fotos: Roman Samborskyi/shutterstock.com Früher war alles besser. Die Maß Bier kostete 2 Mark und eine Packung Zigaretten 2,50. Es gab noch Eis wie brauner Bär und wir waren alle auf der Suche nach der Person, die wir sein wollten und haben uns hier auch nichts einreden lassen. Heute ist alles noch besser. Wir müssen nicht mehr nach uns suchen. Wären ja vielleicht auch enttäuscht, was wir vorfinden würden. Kein Problem: Nie gab es mehr Möglichkeiten, sich als Person, als Individualist zu inszenieren. Wirtschaft und Handel greifen nicht nur die Trends aus den Subkulturen auf, um ihr Geschäft zu machen – nein, sie entwickeln selbst wechselnde Trendvorgaben für eine Gesellschaft der Ichlosigkeit. Konsum, soziales Statement und vorgebliche Individualität geraten so zum Gesamtkonstrukt und werden Teil des Produktangebotes. Sein oder Nichtsein ist längst nicht mehr die Frage. Sein ist längst zu Lifestyle verkommen. Essentielles wich dem Oberflächlichen. Die Bedeutungslosigkeit der eigenen Anwesenheit wird kaschiert unter einer Patchworkdecke industriell vorgegebener Identitätsmuster. Das Arschgeweih als Urmutter der Massenbewegung Tattoo wird längst belächelt von den millionen Spießern, die ihre Band, ihr Haustier, ihre Liebsten, ihre Kinder, Phantasiemotive und vor allem Bedeutungsvolles und Sinnstiftendes unter der Haut tragen. Als ersetze das Deklaratorische des Eingemeißelten eine substanzielle menschliche Haltung, als sei die giftige Tinte unter der Haut mehr als der Ausdruck einer Sehnsucht nach Originalität, Beständigkeit, Eitelkeit oder der Hinweis auf eine verarmte Innenwelt, die nach Bedeutung schreit. Des einen Tattoo ist des anderen Gewand. Als gäbe es einen Wettbewerb um die größtmögliche Lächerlichkeit im Auftreten, überrollen uns regelmäßig Trends, deren ästhetische Attribute bisweilen schmerzhaft komisch sind. Wie gelingt es unserer Welt nur immer wieder, die Depersonalisierung des Menschen auf so erbärmliche Weise zu betreiben? Mit einem Mal laufen in der Welt Millionen Männer mit halbem oder vollem Vollbart durch die Gegend, tragen große dunkel geränderte Brillen und nicht selten karierte Hemden. Bisweilen wähnt man sich in einer H&M-Inszenierung des Grauens. Und die Hipsterei kennt keine Generationengrenzen – selbst das hat uns die wahre Wirtschaft schon genommen. Da sitzen der 50-jährige Werbefuzzi neben dem 30-jährigen Sparkassenangestellten und dem 20-jährigen Mechatroniker und sie teilen ein grausames Schicksal: Sie sind bekennende Individioten, deren Persönlichkeitsreste unter den Lifestyle-Attributen eines Trends verschüttet wurden. Das Erschütternste an der Trendverbreitung: an manchen Tagen sieht man von etwas entfernter Position dutzende halb-voll-bärtige Männer mit den großen Brillen unweit voneinander stehen. Eine unverbundene Bande von Opfern, die sich selbst als Individualisten empfinden und ihre äußerliche Anpassung täglich neu mit Barttrimmer und sorgfältiger Auswahl aus dem Vorgegebenen bestätigen. Arme Hipster.


LAUFPASS 03/2017
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