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LAUFPASS 03/2017

Geschmacklose Machenschaften Saatguthersteller zerstören die Vielfalt der Naturprodukte Anfang des Jahres beklagten sich die vier Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Ungarn und Slowakei über die Qualität der Lebensmittel, die von westeuropäischen Firmen bei ihnen im Osten vertrieben werden. Im Vergleich zum Westen sei weniger Fisch in den Iglo-Fischstäbchen, weniger Schokolade in der Nutella, in einem Produkt sogar minderwertiges Hühnerfleisch statt Schweinefleisch enthalten. Auf EU-Ebene lösten die Doppelstandards Diskussionen aus. Das Vorgehen der Lebensmittelunternehmen zeigt vor allem eins: Zum Zwecke des Gewinns wird absichtlich auf Qualität verzichtet. Dieses Problem gibt es nicht nur in Osteuropa, sondern auch bei uns in Deutschland – vor allem in der Obst- und Gemüsebranche. Für die Produzenten von Saatgut zählt nur Profit, Vielfalt spielt keine Rolle, Qualität ebenso wenig. Naturprodukte werden immer geschmackloser. Die Welt der Obst- und Gemüsesorten ist eigentlich eine Welt von unvorstellbarer Vielfalt. Schätzungen zu Folge existieren alleine über 20.000 einzelne Tomatensorten, teils mit ähnlichen, teils mit völlig verschiedenen Geschmäckern. Doch von dieser Vielfalt bekommen wir in Deutschland nichts mehr mit. Schon längst hat die Industrietomate den Markt erobert. In der Datenbank des Bundessortenamtes sind aktuell nur 30 für den Handel zugelassene Tomatensorten registriert. Die modernen Marken in den Supermärkten bestehen nur aus Kreuzungen einzelner Sorten – und sie schmecken alle gleich: wässrig und nahezu geschmacklos. So entsteht nur zum Schein eine Sortenvielfalt. Die Geschmacklosigkeit der Industrietomaten hat sogar schon Wissenschaftler von der Universität Valencia dazu veranlasst, in einer Studie die Gründe zu erforschen. Die Untersuchungen von rund 400 verschiedenen Tomatensorten ergaben, dass bei der Zucht der modernen Tomaten wichtige Gene verloren gehen. Dies betraf zum Beispiel diejenigen Gene, die die Zuckermenge im Fruchtfleisch erhöhen. Außerdem gingen Duftmoleküle verloren, die in der Industriezucht als unwichtig angesehen werden. Der Verlust der Aromastoffe dient den drei einzigen Faktoren, auf die bei der Produktion von Industrietomaten geachtet wird: Die einheitliche Form und Farbe, die Resistenz gegen Schädlinge und die Lagerfähigkeit. 21 Sorten sind als sogenannte Amateursorten zugelassen, sie dürfen zwar erhalten und angebaut, aber nicht gewerblich vertrieben werden. Ein regelrechtes Auf und Ab bezüglich der Zulassung erlebte auch die Kartoffelsorte Linda, die für ihr tiefgelbes Knolleninnere und den besonders intensiven, aromatischen Geschmack berühmt ist. 2004 hatte der Saatgutkonzern Europlant die Sorte von der Saatgutliste streichen lassen. Niemand durfte ihre Saat mehr zur Produktion neuer Kartoffeln verwenden. Das Vorgehen löste Proteste aus – Landwirte und Verbraucher bündelten sich in der Aktion „Rettet Linda“. Der Arbeit der Organisation war es unter anderem zu verdanken, dass die Kartoffel 2010 wieder zugelassen wurde. 14 www.laufpass.com


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