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LAUFPASS 03/2017

Foto: conrado/shutterstock.com Vertuschung der Wahrheit Das Internet als Machtinstrument der Lügner In den hochentwickelten Ländern hat sich das soziale Leben im Gleichschritt mit dem technologischen Fortschritt rasant gewandelt. In diesem Zusammenhang wird häufig von einer „Wissensgesellschaft“ gesprochen. In der Tat hat uns das Internet unglaubliche Möglichkeiten eröffnet, uns auf einfachem Wege Wissen anzueignen. Allein Wikipedia umfasst mehr als 39 Millionen einzelne Artikel mit zahlreichen Literaturverweisen. Doch das fundierte Wissen, dessen Vernetzung durch das Internet so selbstverständlich geworden ist, macht mittlerweile nur noch einen geringen Bruchteil aus – und der verbirgt sich hinter einem Schleier aus Belanglosigkeit, Fake News, gezielter Manipulation und primitiver Hetze. Sobald wir unseren Browser öffnen, strömen die Inhalte regelrecht auf uns ein. Es bleibt keine Zeit zum Selektieren: Was ist eine relevante und glaubhafte Nachricht? Wer versucht, mich mit seiner Meinung zu beeinflussen? Hinter welchen Inhalten könnten gefährliche Ideologien stecken? Alle diese wichtigen Fragen stellen sich die meisten Menschen nicht. Vielen fehlt im Inhaltsdschungel das Werkzeug zu einer wahrheitsgetreuen Urteilsbildung. Das führt im Extremfall zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit und zu einer auf fehlerhaften Informationen basierenden Haltung – und diese ist in den meisten Fällen eine sehr oberflächliche. Ein Beispiel: Ein syrischer Flüchtling schoss 2015 ein Selfie mit Merkel. Etwa ein Jahr später wird auf Facebook die Behauptung verbreitet, er sei einer der Attentäter vom Anschlag in Brüssel im März 2016 gewesen. Ein entsprechender Beitrag wurde hundertfach geteilt, bekam die Aufmerksamkeit von Tausenden – und das, obwohl er vollkommen frei erfunden war. Wie in der Studie „Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?“ berichtet wird, wurden 59 Prozent der auf Twitter geteilten Shortlinks nicht einmal angeklickt. Dadurch erlangen insbesondere Nachrichten, die wie eine Sensation wirken, starke Bekanntheit – auch wenn sie sich beim Lesen des Artikels als offensichtliche Falschmeldung herausstellen würden. Der Leser versucht in der unübersichtlichen Informationsflut durch das Lesen der Überschriften möglichst viel aufzusaugen. Dieses Unterfangen ist angesichts einer durchschnittlichen Lesezeit von 32 Minuten am Tag unmöglich. Wenn man dann auch noch versucht, sich über ein breites Themenspektrum zu informieren, ist intelligentes Lesen besonders schwierig. Behauptungen werden nicht hinterfragt, sondern schnell für wahr gehalten. Um den Prozess zu erleichtern und gar keinen Diskurs mit sich selbst zuzulassen, lesen viele Benutzer nur noch das, was zu ihrer eingenommenen Haltung passt. Die Medien unterstützen dies, indem sie dem Konsumenten das liefern, was er lesen will. Die Facebook-Timeline oder die Google-Suche richten sich nach den Interessen der User. Dieses Phänomen beschreibt der Internetaktivist Eli Pariser mit dem Begriff „Filterblase“. Gemeint ist ein algorithmisch beschränkter Informationsraum, der individuell an den Be- 18 www.laufpass.com Das Jahr 1989 war so revolutionär wie kaum ein anderes. Im Jahr des Mauerfalls wurde auch das World Wide Web in seinen Grundzügen ins Leben gerufen. Heute, 28 Jahre später, gilt das Netzwerk in Deutschland sogar als Grundrecht. Doch das Internet ist schon lange nicht mehr nur ein Segen, sondern auch ein Fluch. Das Netz wimmelt nur so von Kriminalität, von lügnerischer Propaganda. Mit dem Aufschwung der sozialen Netzwerke kamen neue Probleme hinzu: Facebook und Co. werden zunehmend von Hass, Hetze, Fake News und Stimmungsmache beherrscht – und die Benutzer davon beeinflusst. Foto: photoagent/shutterstock.com


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