Page 19

LAUFPASS 03/2017

nutzer angepasst ist und dafür Faktoren wie Standort, Suchhistorie und Klickverhalten berücksichtigt. Der Benutzer befindet sich in einer Blase, in der er nur die Informationen erhält, die der Algorithmus für ihn als relevant erachtet. Das führt zu gravierenden Informationslücken, die sich negativ auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirken. Es wird zunehmend schwieriger, sich eine reflektierte Meinung zu bilden und diese unter Einbezug aller Informationskanäle auch wandeln zu können. Weil die Menschen trotzdem immer möglichst in Echtzeit informiert werden und vor allem überraschende Nachrichten lesen wollen, lassen sich auch Onlineredaktionen von renommierten Nachrichtenmagazinen oder Zeitungen vermehrt zu reißerischen Artikeln verleiten, die ohne vorherige Qualitätsüberprüfung veröffentlicht werden. Es findet ein harter Wettbewerb unter den Onlinepublikationen statt, wer zuerst über Geschehnisse informiert. Der Zeitpunkt der Publikation einer Nachricht zählt mittlerweile mehr als ein verifizierter Inhalt mit sicheren Quellen. So werden selbst von anerkannten Medien Fake News in den Umlauf gebracht. Es geht nur noch um Klicks. Nur ein kleiner Bruchteil der Straftaten im Internet wird aufgeklärt Die Onlinepublikationen erhoffen sich durch das Posten ausgewählter Artikel auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken mehr Popularität. Gleichzeitig bieten sie dadurch aber auch eine große Plattform im nahezu rechtlosen Bereich des Internets – und diese nutzen viele Benutzer, zum Teil anonymisiert, zu verfassungsfeindlichen Kommentaren und gezielter Stimmungsmache. In der Regel bleiben solche Vergehen im Internet unbestraft. Eine Dunkelfeldstudie des niedersächsischen Landeskriminalamtes kam im Jahr 2013 zu dem Ergebnis, dass nur etwa neun Prozent aller Straftaten im Internet zur Anzeige gebracht werden. Der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch forderte die Bevölkerung im April daher dazu auf, öfter die Initiative zu ergreifen und Straftaten bei der Polizei zu melden. Rechtsextremismus, Volksverhetzung und Fake News zählen zu diesen Straftaten und sind im Internet zu einem ernstzunehmenden Problem geworden. Derzeit wird auch in der Politik darüber gestritten, wie man effektiv dagegen vorgehen kann. Ende Juni beschloss der Bundestag das von Bundesjustizminister Heiko Maas geforderte Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Betreiber dazu verpflichtet, offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde von ihrer Seite zu entfernen. Bei komplizierten Fällen beträgt die Frist sieben Tage. Beschwerden müssen über eine für den Nutzer leicht ersichtliche Funktion möglich gemacht werden. Sollten die Fristen nicht eingehalten werden, müssen Unternehmen mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 50 Millionen Euro rechnen. Der Staat will damit also gegen die Rechtlosigkeit im Internet vorgehen. Aber auch die Onlinepublikationen und sozialen Netzwerke müssen sich klar positionieren. Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv mit Sitz in Berlin hat sich den Kampf für die Wahrheit und den Erhalt der Demokratie auf die Fahne geschrieben. Correctiv setzt sich in Zeiten der Medienkrise für aufklärenden, investigativen Journalismus ein und leitet seine Inhalte kostenfrei an verschiedene Onlineverlage weiter. Die Organisation hat den richtigen Weg eingeschlagen, um der Gesellschaft eine Informationsbasis zu schaffen, anhand derer sie sich konstruktiv und gewissenhaft informieren kann. Damit dieses Engagement aber nicht nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein bleibt, müssen die Zeitungen, Magazine, Fernseh und Radiosender an einem Strang ziehen. Nur so können sie dem durch das Internet begünstigten Trend der postfaktischen Zeit entgegenwirken. So wie es in großen Unternehmen Sonderbereiche für die Qualitätssicherung gibt, müssten auch im Internet die Artikel vor ihrer Veröffentlichung auf Richtigkeit geprüft und nur dann publiziert werden, wenn sie auf zuverlässigen Quellen basieren. Es muss eine gesicherte Plattform – eine Art Internet 2.0 – geben, auf der es den Benutzern garantiert werden kann, dass sie wahrheitsgetreu über die Geschehnisse in der Welt informiert werden. Dadurch könnte die Medienlandschaft ihre Identitäts- und Qualitätskrise bewältigen und müsste sich fortan nicht weiterhin den sozialen Netzwerken unterwerfen, sondern könnte vielmehr den Kampf gegen Verfassungsfeinde und Unwahrheiten führen und seiner Funktion als Wächter der Demokratie gerecht werden. Gerade in Zeiten von gezielten Fehlinformationen ist eine Demokratie nur dann überlebensfähig, wenn sich die freie Presse an ihren Kodex hält und die Wahrheit zur absoluten Prämisse macht. sl Für Bremerhaven. Für unsere Mieter. Die STÄWOG gestaltet das Bild der Stadt seit über 75 Jahren. Sanierung Modernisierung Lebensqualität Treffpunkt Wohnkomfort Wohnen in Bremerhaven www.staewog.de | 0471/9451-0 19


LAUFPASS 03/2017
To see the actual publication please follow the link above