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LAUFPASS 03/2017

34 gesundheit Frisch gebackene Eltern würden ihr Erstgeborenes in den ersten Lebensjahren am liebsten in Watte packen. Krabbeln nur im Käfig, Laufen nur unter Aufsicht und im Dreck zu suhlen, kommt gar nicht erst in Frage. Wenn der Nachwuchs dann doch den klitzekleinen unachtsamen Augenblick der Eltern genutzt und mit seinen kleinen Händen im Sand gewühlt hat, dann geht es schleunigst zum Waschen – gründlich und mit Unterstützung diverser Hygieneprodukte. Verbunden wird das Ganze meist noch mit einer Lektion. Der Tenor: Schmutz macht Kinder krank. Doch der weit verbreitete Sauberkeitswahn birgt ernsthafte Gefahren: Übertriebene Hygiene fügt dem Immunsystem der Kinder immensen Schaden zu, denn Bakterien unterstützen die Gesundheit. Von den in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen leiden nach Angaben des Robert Koch-Instituts derzeit fast neun Prozent an Heuschnupfen, sieben Prozent an Neurodermitis und drei Prozent an Asthma. Die Anzahl der Erkrankten ist in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Die Langzeit-Kindergesundheitsstudie (KiGGS) ergab, dass mittlerweile jedes sechste Kind in Deutschland chronisch krank ist. Die Ursachen sind vielfältig, als eine Ursache gilt neben schlechter Ernährung und Bewegungsmangel auch übertriebene Hygiene. Dabei müssten Eltern nur einen einfachen Tipp befolgen, um präventiv gegen Allergien und Asthmaerkrankungen ihrer Kinder vorzugehen: Ein Bauernhofbesuch fördert die kindliche Gesundheit. Kinder, die regelmäßig auf Bauernhöfen spielen oder dort aufwachsen, bleiben eher von chronischen Erkrankungen verschont. Das ergaben unter anderem Untersuchungen der Kinderärztin und Allergologin Prof. Dr. med. Erika von Mutius von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Der Grund: Bakterien trainieren das Immunsystem. Der Kontakt mit der Stallluft erzielt bereits seine positive Entwicklung, wenn sich das Kind noch im Mutterleib befindet und die Mutter regelmäßig einen Bauernhof aufsucht. www.basta-magazin.de Vor allem in den ersten Lebensjahren entwickelt sich beim Menschen der Großteil der Immunabwehr. Der Kontakt mit oft harmlosen Bakterien steigert die Toleranz und verringert damit die Anfälligkeit des Immunsystems. Man spricht vom »Bauernhofeffekt«. Auf Bauernhöfen kommen Kinder vor allem mit einer Reihe von Zellwand-Bestandteilen (Endotoxinen) verschiedener Bakterien in Berührung, die einfach mit der Luft eingeatmet werden. Das Immunsystem gewöhnt sich daran und verringert dadurch das Risiko von späteren Fehlreaktionen des Körpers beim erneuten Kontakt mit den Bakterien. Der Bauernhof fungiert quasi als Bootcamp für das Immunsystem. Erste große Indizien für den Bauernhofeffekt waren bereits 2002 durch eine Messreihe in der Schweiz, Österreich und Deutschland gesammelt worden. In einer Studie mit 3.500 Vier- bis Achtjährigen wiesen die Forscher durch Seite 33, Titelseiten-Bilder: Heidi Brand shutterstock.com (Kind im Schlamm), Ermolaev Alexander shutterstock.com ( Junge mit Fahrrad), janinajaak shutterstock.com (Auge) Schmutz dient dem Schutz Übermäßige Hygiene gefährdet die Gesundheit der Kinder


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