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LAUFPASS 03/2017

gesellschaft www.basta-magazin.de 39 Steffen Lünsmann Gefahrenbewusstseins beginnt ab dem 5. beziehungsweise 6. Lebensjahr. Sie wird nach dem Modell von Prof. Dr. Maria Limbourg von der Universität Essen in drei Stufen gegliedert. Zunächst lernen wir, gefährliche Situationen als solche wahrzunehmen. Wir erkennen, ob wir uns gegenwärtig in Gefahr oder in Sicherheit befinden. Man spricht vom akuten Gefahrenbewusstsein. Beispiel: Ein Kind klettert auf einen Baum und merkt oben, dass es herunterfallen könnte, sich also aktuell in Gefahr befindet. Die nächste Stufe, das antizipierende (vorwegnehmende, vorausahnende) Gefahrenbewusstsein, setzt ungefähr ab dem 8. Lebensjahr ein. Von da an sind wir bereits dazu in der Lage, Gefahren vorauszusehen. Somit wissen wir einzuschätzen, mit welchen Verhaltensweisen man sich in Gefahr bringen könnte. Wenn das Kind also auf einen Baum klettern will, weiß es schon vorher, dass es oben gefährlich sein kann und wird beim Klettern womöglich schon vorsichtiger agieren. Die dritte Stufe fällt unter den Begriff Präventionsbewusstsein. Man ist in der Lage, gefahrenvorbeugende Maßnahmen zu treffen, um Sicherheit zu gewährleisten. Dieses Entwicklungsstadium tritt in der Regel im Alter zwischen 9 und 10 Jahren ein, kann jedoch auch später erfolgen. Am Beispiel des Kindes, das auf einen Baum klettern will, wäre eine Präventionsmaßnahme, den Boden vorher mit Matten auszulegen, um die Verletzungsrisiken bei einem möglichen Sturz zu vermindern. Eines gilt es jedoch zu beachten: Gerade Kinder können Gefahren nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sich auf die Situation konzentrieren. Sind sie stattdessen abgelenkt und unaufmerksam, wird eine realistische Gefahreneinschätzung unwahrscheinlicher – das ist eine der häufigsten Ursachen für Unfälle im Kindesalter. Voll ausgebildet ist die Fähigkeit der vollständigen Gefahreneinschätzung grundsätzlich erst mit 13 bis 15 Jahren. Wie lässt sich die Gefahreneinschätzung fördern? In erster Linie hilft es, wenn die Eltern ihrem Kind im Alltag feste Strukturen und Regeln aufzeigen, anhand derer sie sich orientieren können. Insbesondere Kleinkinder profitieren von nachvollziehbaren Grenzen und Verboten. Nachvollziehbar bedeutet, dass man altersgemäß auf gefährliche Gegenstände oder Umstände hinweist. Diesen Vorgang muss man meistens einige Male wiederholen, bis das Kind die Gefahrenhinweise aufnimmt. So bekommt es ein erstes Gespür dafür, welche Bereiche es im Haushalt zu meiden gilt. Dabei ist es allerdings nicht sonderlich hilfreich, sein Kind im Stile der Helikopter-Eltern vollständig von sämtlichen Gefahren fernzuhalten. Für die Entwicklung des Gefahrenbewusstseins ist es unabdingbar, dass das Kind mitunter schmerzhafte Erfahrungen macht – das Risiko sollte aber immer begrenzt und vor allem dem Alter angemessen sein. Ein kleiner Kratzer oder ein blauer Fleck als Folge des schnellen Rennens oder Umhertobens bleiben normalerweise ohne gesundheitliche Konsequenzen, prägen sich aber dennoch im Gedächtnis ein und führen dazu, dass das Kind beim nächsten oder übernächsten Mal mehr Vorsicht walten lässt. Wenn das Kind allerdings Trost und Hilfe benötigt, sollte man es nicht zurückweisen nach dem Motto „Ich habe dich doch gewarnt!“ abweisen. Das schüchtert nur ein und raubt die Motivation, in Zukunft erneut die Grenzen auszutesten. Eltern müssen in einigen Situationen eine passive Rolle einnehmen, dem Kind Raum für eigene Erfahrungen lassen. Dennoch sollten sie sich stets ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und ihren Nachwuchs in bestimmten Situationen verschärft darauf hinweisen, wie Gefahren vermieden werden können. Obwohl es vielen Eltern anders vorkommen mag: Eine amerikanische Studie der New University of Iowa kam zu dem Ergebnis, dass mahnende Worte gegenüber Kindern nach gefährlichen Situationen dabei helfen, zukünftig ähnlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Die Entwicklung des Gefahrenbewusstseins bleibt aber ein eigenständiger Prozess des Kindes, bei dem Eltern nur unterstützend eingreifen können. Weitere Informationen www.kindergesundheit-info.de www.verkehrs-erziehung.de


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