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LAUFPASS 03/2017

„Aber nur 9 von 100 Breitensportlern trainieren regelmäßig in inklusiven Gruppen“, sagt Kai Steuck, Stellvertretender Landesbehindertenbeauftragter. Selbstbewusster und motivierter durch Sport Eine neue, bislang deutschlandweit einmalige Studie der Universität Bremen hat sich jetzt behinderten Menschen gewidmet, die Sport trotz aller Angebote – inklusiv oder nicht – bislang nicht genutzt haben. Für die Studie hatte das Team um Professor Dr. Dietrich Milles, Dr. Ulrich Meseck und Joanna Wiese von der Universität Bremen (Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik sowie Fachbereich Kulturwissenschaften) 58 Frauen und Männer einmal die Woche zu Sport-, Spiel- und Bewegungsstunden eingeladen. Sie trainierten während der Dienstzeit, denn die Kurse liefen unter Betrieblicher Gesundheitsförderung. Initiiert, finanziert und begleitet wurde die Studie von der AOK Bremen/Bremerhaven. Für sie war die Unterstützung der Studie eine Herzensangelegenheit, bekannte Jörg Twiefel, Stellvertreter des Vorstandes bei der AOK Bremen/Bremerhaven. „Wir erfüllen hier einen gesetzlichen Auftrag und übernehmen gleichzeitig eine wichtige soziale Verpflichtung: Wirksame Prävention auch bei benachteiligten Gruppen zu leisten.“ Nach fünf Jahren ist nun Bilanz gezogen worden. Werkstatt- und Gruppenleiter berichteten, die Teilnehmer hätten nach dem Training aktiver, selbstbewusster und motivierter gewirkt. Die Wissenschaftler berichten von eindrucksvollen Fortschritten in Sachen Ausdauer, Kondition, Koordination, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit. Das wiederum habe sich positiv auf die Leistungsfähigkeit, das Selbstwertgefühl und die Zufriedenheit der behinderten Menschen an ihren Arbeitsplätzen ausgewirkt. Die Teilhabe im Arbeitsprozess, aber auch in der Gemeinschaft, so die Quintessenz, werde gezielt gefördert. Wichtig für den Erfolg des Programmes sei, die individuellen Fortschritte innerhalb einer Gruppe zu ermöglichen, betont Sportwissenschaftler Dr. Ulrich Meseck. Und: „Die sportliche Aktivierung sollte dort stattfinden, wo sie sich anbiete: in der Schule, aber vor allem in den Einrichtungen, die behinderte Menschen beschäftigten.“ Kriterien für Umsetzung in Sportvereinen Damit sich Menschen mit Handicap auch in regulären Sportvereinen wohlfühlen, braucht es nach Überzeugung Ingelore Rosenkötters, der Vorsitzenden von Special Olympics Bremen, drei Dinge. Erstens: einen Vorstand, der Inklusion angehen will. Zweitens: Übungsleiter, die sich die Arbeit mit behinderten Sportlern zutrauen und sich gegebenenfalls fortbilden. Das Dritte und in Rosenkötters Augen das Wichtigste: „Bestehende Gruppen, die sich öffnen. Die sagen: Wir nehmen Dich mit.“ Rosenkötter sieht Bremen dabei auf einem guten Weg. Vor allem Menschen mit Körperbehinderungen seien viel in Sportvereinen unterwegs. „Bei Menschen mit geistigen Behinderungen haben wir auf einer Marathonstrecke vielleicht die halbe Strecke geschafft.“ Inklusionsfest beim FC Sparta Die AOK Bremen/Bremerhaven unterstützt zahlreiche jährlich stattfindende Sportveranstaltungen, wie die „Inklusionsmeisterschaft“ (Bremer Fußball-Verband), den „iCup“ (Bremer Sportgarten) oder das „Behindertensportfest Bremerhaven“. Um für mehr Miteinander und Inklusion zu werben, richtet der Fußballverein FC Sparta Bremerhaven am Sonntag, den 1. Oktober, auf der Vereinsanlage an der Pestalozzistraße ein großes Inklusionsfest aus. Dabei geht es nicht allein um Fußball, sondern darum, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Menschen mit und ohne Handicap sowie Alt und Jung zusammenzubringen. In der Zeit von 10 bis 16 Uhr gibt es auf dem Vereinsgelände Spiele, Chöre und Orchester werden zu hören sein, außerdem sind Besucher zu einer kulinarischen Weltreise eingeladen. Weitere Infos unter www.sc-sparta.de. Aktuell bereitet sich Special Olympics Bremen gerade auf die Landesspiele vor, die vom 6. bis zum 8. September 2017 in Bremen über die Bühne gehen. Auf dem Vereinsgelände von TuS Komet Arsten werden sich geistig und mehrfach behinderte Sportlerinnen und Sportler aus ganz Deutschland in Disziplinen wie Judo, Leichtathletik, Dreiradfahren, Boccia, Tischtennis und Fußball messen. Rosenkötter erwartet Hunderte Sportler, viele Helfer (unter anderem beteiligt sich die AOK Bremen/Bremerhaven mit rund 70 Helfern) und Zuschauer. „Es ist uns ein Anliegen, die Athleten mit all ihren Stärken, aber auch mit ihren Behinderungen sichtbar zu machen“, so Rosenkötter. 41 ZU DER UNI-STUDIE SIND ZWEI BÜCHER ERSCHIENEN: • Dietrich Milles, Ulrich Meseck, Joanna Wiese: Inklusion praktisch begründet. Sportliche Aktivierung in Werkstätten für behinderte Menschen. 165 Seiten, 20 Euro. Bremen 2017. • Dietrich Milles, Ulrich Meseck, Joanna Wiese: Sportliche Aktivierung in Werkstätten für behinderte Menschen. Ein Handbuch für die Praxis. 295 Seiten, 28 Euro. Bremen 2017. Inklusion im Sport_2_Foto_Alexander Fanslau (rechte Seite unten)


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