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LAUFPASS 04/2016

Auch an anderer Stelle ist der Bedarf an Hilfe groß. Das von der AWO Bremerhaven in Kooperation mit dem Schulamt eingerichtete Programm der Willkommenskurse, in denen Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis sechzehn Jahren an das neue Umfeld herangeführt, pädagogisch betreut und unter anderem durch erste Maßnahmen zum Spracherwerb auf den regulären Schulbesuch vorbereitet werden sollen, umfasst derzeit dreizehn Klassen. „In Hochzeiten waren es mehr als zwanzig“, sagt Dr. Margaret Brugman, Leiterin der Migrationshilfe bei der AWO und ergänzt: „Die Grundversorgung der geflüchteten Menschen ist absolut wichtig, doch zeigt die Erfahrung, dass erfolgreiche Integration viele Facetten hat und eine Aufgabe ist, der wir uns noch eine ganze Weile intensiv zuwenden müssen.“ Dieser Sichtweise kann sich Volker Tegeler, Geschäftsführer der AWO, nur anschließen: „Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit diesen Fragen und wissen, dass Integration immer auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Das nimmt die öffentliche Hand keineswegs aus der Verantwortung, aber wir sind uns auch darüber im Klaren, wie wichtig jede Form gesellschaftlicher Teilhabe in diesem hochkomplexen Vorgang ist. Dabei kann jeder mithelfen.“ Das ist auch der Grund, warum sich die AWO mit einem Patenschaftsprogramm für Flüchtlinge in Bremerhaven und umzu schon seit längerem dafür einsetzt, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger aktiv in diesen Prozess einzubeziehen. „Patenschaften sind ein Türöffner in unsere Gesellschaft. Egal ob es um das Erlernen der Sprache oder Themen wie Arbeit, Wohnen, Familie, kulturelle Bildung oder Vereinssport geht.“, berichtet Tegeler und hebt hervor: „Wenn Menschen Menschen helfen, entstehen soziale Bindungen, deren Wert und nachhaltige Wirkung wir gar nicht hoch genug einschätzen können.“ Für Nicole Hentges, Sekretärin bei der AWO, war eine Patenschaft anfänglich mit vielen Fragezeichen behaftet: „Zu der Zeit konnte man jeden Tag im Fernsehen mitverfolgen, wie Menschen gegen Flüchtlinge demonstriert haben. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich hatte durch meinen Job vom Patenschaftsprogramm gehört und als dann wenig später eine syrische Familie die Wohnung über uns bezog und man sich im Hausflur oder auf der Straße begegnete, wollte ich ganz einfach helfen. Was da genau auf mich zukommt, ist mir am Anfang natürlich nicht klar gewesen und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch etwas Respekt davor.“ Dann lächelt sie und berichtet: „Wir haben uns am Anfang nur mit Händen und Füßen verständigen können. Das werde ich so schnell nicht vergessen. Mit der Zeit wurde das dann immer besser, auch durch unseren regelmäßigen Kontakt und wir haben über viele Dinge gesprochen und gemeinsam einiges unternommen. Dabei bin ich mir eigentlich nie wie eine Beraterin vorgekommen, mehr wie eine gute Bekannte. Es ging ja um ganz normale Dinge des täglichen Lebens. Wo kann man am besten einkaufen, wie programmiert man den Fernseher oder bekommt einen Termin beim Arzt. Wir haben zusammen die Stadt erkundet, gemeinsam gekocht und gegessen und ich habe ein wenig dabei geholfen, die Post zu bearbeiten. Das tolle an diesem Programm ist ja, dass man als Patin zu nichts gezwungen wird. Man muss nichts tun, was man sich eigentlich gar nicht zutraut. Jeder hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten, da wird kein Druck ausgeübt oder so etwas. Natürlich muss man die Entscheidung für eine Patenschaft ernst nehmen, aber das war für mich von Anfang an klar.“ Auf die Frage, ob sie sich noch einmal als Patin zur Verfügung stellen würde, antwortet Nicole Hentges ohne lange überlegen zu müssen: „Auf jeden Fall. Verstehen sie mich richtig – das ist nicht immer einfach, es geht nicht immer nur um die schönen Dinge im Leben, aber mir ist mit der Zeit klargeworden, dass das Ganze keine Einbahnstraße ist. Ich habe viel erfahren, einiges gelernt und darauf möchte ich nicht verzichten.“ Das Patenschaftsprogramm wird von der AWO Bremerhaven begleitet und unterstützt. Den Patinen und Paten werden Möglichkeiten zur Reflexion sowie zum Erfahrungsaustausch, Informationsveranstaltungen und regelmäßige Sprechzeiten angeboten. Für Übersetzungsdienste stehen Sprachmittler zur Verfügung. Fotos: Nina Rys/shuttersock.com | Daniel M Ernst/shuttersock.com | Bildagentur Zoonar GmbH/shuttersock.com


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