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LAUFPASS 04/2016

gesellschaft 36 Bitte, Danke und auf Wiedersehen Je mehr die Sitten zu verfallen scheinen, desto lauter wird die Diskussion um Höflichkeit und gute Manieren geführt. Der gute Ton wird vermisst, der Respekt, die Umgangsformen, der Stil ganz allgemein. Doch um was geht es? Darum, dass feine Leute soupieren und der einfache Mensch nur isst? Darum, dass Kinder still sein sollen, wenn Erwachsene reden? Oder um den Verhaltenscode für den gesellschaftlichen Aufstieg? Pädagogen beklagen mangelnde Umgangsformen in der Schule, Kinder und Jugendliche, die die einfachsten Regeln des Miteinanders nicht mehr beherrschen: Anklopfen, Grüßen, bitte und danke sagen, Respekt vor den Mitschülern und fremdem Eigentum zeigen, pünktlich und verlässlich sein, zuhören und Hilfsbereitschaft zeigen. Stattdessen klingeln die Mobiltelefone im Unterricht, sind Gewalt und Pöbeleien an vielen Schulen an der Tagesordnung. Da fällt das Lernen und Lehren schwer. In ihrer Not haben viele Schulen begonnen, den jungen Leuten die »Alte Schule« wieder näher zu bringen. Unterrichtseinheiten zu UBV (Umgang, Benehmen, Verhalten), Wettbewerbe in Höflichkeit und Respekt, Interventionsprogramme und Schüler www.basta-magazin.de Bilder: Ilya Andriyanov shutterstock.com ( Junge reicht die Hand), Voyagerix shutterstock.com ( Junge mit den Füßen auf dem Ticsh) Coaching sollen das Versäumte nachholen. Das Versäumnis sehen Soziologen und Pädagogen in den Familien. Es fehle heute in weiten Teilen der Gesellschaft an der »Guten Kinderstube«, wo Kinder am Beispiel der Eltern lernen, wie man respektvoll miteinander umgeht. Wo der Respekt im Zuhause nicht erlebt wird, das Kind als Wesen selbst keinen Respekt erfährt, entstehe kein Nährboden für gelebte Höflichkeit, für angenehme Umgangsformen. Ausdruck des sozialen Standes Die Höflichkeit, deren Ursprung das höfische Verhalten des Adels war und über Jahrhunderte die aufsteigenden sozialen Schichten kennzeichnete, erfuhr in Deutschland eine Erschütterung, wie sie in keine andere europäische Gesellschaft in der jüngeren Geschichte zu verzeichnen hatte: Die 68er- Bewegung verneinte die bürgerlichen Regeln mit aller Konsequenz. Die Ablehnung der herrschenden Konventionen gipfelte 1970 in einem Sammelband unter dem Titel: »Das Ende der Höflichkeit«. 68er: verpönte Konventionen Das Motiv der Verfasser formulierten sie eindringlich, wie die Kulturwissenschaftlerin Dr. Claudia Schmölders zitiert*: „Sie (die Autoren) haben festgestellt, dass die bürgerlichen Konventionen heute wie eh und je dazu dienen, denen, die sich ihnen unterwerfen, Interessen einzureden, die sie nicht haben, und denen, die davon profitieren, bei der Verschleierung ihrer Interessen behilflich zu sein.“ Die Ablehnung der Konventionen war absolut. Kleidung, Umgangsformen, Sexualität – kein gesellschaftlicher Bereich blieb von der Enttabuisierung verschont. Die Gesellschaft wurde auf den Kopf gestellt. Interessant daran ist bis heute, dass die Revoluzzer von damals ursprünglich das bürgerliche Höflichkeitsrepertoire beherrschten. Zumeist erlernten sie die Regeln der »Alten Schule« in der Tanzstunde, die neben dem Tanz vor allem die Vermittlung der gesellschaftlichen Verhaltensregeln zum Inhalt hatte. Wohl deshalb blieb auch diese Stätte bürgerlicher Verhaltensbildung von der Kritik der 68er nicht verschont: „In den Tanzstunden werden die Jugendlichen der Mittelschichten mit den Einschüchterungsritualen vertraut gemacht, die die Oberschichten für alle die bereithalten, die sich etwa anschicken wollen, es ihnen – wenigstens im äußeren Umgang – gleich zu tun.“ Obwohl später viele 68er in den Vorstandsetagen der Konzerne saßen oder als ehemalige Bundesminister in vollendeter Form vor illustrem Publikum über Staatsraison dozierten, hat sich die deutsche Gesellschaft noch nicht von den Folgen der Studentenbewegung erholt, so eine These. Die Soziologie bietet aber auch andere Perspektiven an: Die Frage nach der Höflichkeit, nach Manieren und Konvention könne heute so nicht mehr gestellt werden. Angesichts der Gleichzeitigkeit von Arbeit und millionenfacher Arbeits- und Perspektivlosigkeit sei die Debatte um »das gute Benehmen« zumindest fragwürdig. Die fiktive Gleichbehandlung durch eine „höfliche Gebärde“ sei längst unterspült „von realer Ungleichheit auf allen möglichen Seiten“ so Claudia Schmölders. Je weiter die gesellschaftliche Schere auseinander geht, desto absurder wird die Forderung nach einer verbindenden Höflichkeit. Ein bleibender Wert Der Abgesang auf die Höflichkeit erfährt jedoch auf breiter Front konstruktiven Widerstand. So zeigen Umfragen, dass sich neunzig Prozent der 18-45jährigen in Deutschland mehr Höflichkeit und anständiges Benehmen wünschen. Offenbar wächst die Zahl der Menschen, die es leid sind, sich täglich der Unfreundlichkeit und dem ungehobelten Benehmen anderer auszusetzen. Zugleich verbreitet sich die Erkenntnis, dass ein angenehmes Miteinander die Mitwirkung aller erfordert. Im Geschäftsleben ist der Trend zu besseren Umgangsformen längst zu einem eigenständigen Markt geworden: Das Geschäft mit Anstand und Manieren floriert. Seminare zu Umgangsformen und Benimmregeln erfahren wachsenden Zulauf. Vor einigen Jahren war dies noch Managern und Diplomaten vorbehalten, wenn sie sich auf einen Aufenthalt oder Geschäfte in fernen Landen vor- Höflichkeit – kulturbildend


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