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LAUFPASS 04/2016

gesellschaft 37 bereiteten. Insbesondere das asiatische Parkett gilt den Europäern als gefährlich glatt. Zu filigran sind die fremden Regeln, als dass ein Fremder es ohne auszurutschen passieren könnte. Die Kurse zu Höflichkeit und Business-Etikette sollen dem geschäftlichen Gelingen, vor allem aber auch der persönlichen Karriere dienen. Inhalte der angebotenen Seminare sind beispielsweise Körpersprache und Umgangsformen, Weinkunde und Benimm-Coaching für Führungskräfte. Hinzu kommt das weite Feld der Kommunikation. Man befasst sich mit der Kunst des Small- Talks, dem korrekten Verhalten bei der Begrüßung sowie den technischen Fragen zum richtigen Abfassen von Emails, Faxnachrichten oder der Kunst, ein Telefonat zu führen. Es wird fleißig am Habitus gearbeitet, um einen noch besseren Eindruck zu hinterlassen, beim Kunden, beim Chef, bei den Mitmenschen. Und allenthalben trifft man auf den vorgeblichen Vater der Benimmlehre, Adolph Freiherr von Knigge. Dabei offenbart die Lektüre von Knigges Werken, dass es dem Mann um weit mehr ging, als um die reine Verhaltensebene. Das Fundament: Moral Adolph Freiherr von Knigge schrieb sein Buch »Über den Umgang mit Menschen « im Jahr 1788. Verständlich, dass das Buch vom sprachlichen Duktus jener Tage und der damals herrschenden sozialen Situation geprägt ist. Entsprechend sind im Original das Frauenbild und die Einteilung der Menschen in Vornehme, Fürsten, Geringere und so fort für den modernen Menschen befremdlich. Und natürlich war der Ur-Knigge auch kein Nachschlagewerk für die tausend Benimmfragen des Alltags im Privat- und Berufsleben, sondern ein Werk über die Moral. Im Vorwort zur Dritten Auflage 1790 stellt der Freiherr selbst klar: „Man hat gegen den Titel dieses Werks die Erinnerung gemacht: dass er nur Regeln des Umgangs ankündigte, da hingegen das Buch selbst fast über alle Teile der Sittenlehre sich ausdehnte. Billige Richter haben indessen eingesehen, wie schwer dies zu vermeiden war. Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. Das heißt: ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.“ Gleich wie weit sich unser heutiges Verständnis für Moral und Anstand in unseren jeweiligen Gesellschaften von Knigges Wertungen unterscheidet, bei der Lektüre des Originals wird eines deutlich: Höflichkeit ist keine Attitüde, kein Ausdruck bürgerlicher Konvention, Höflichkeit ist ein kulturbildendes Element. In ihrem Kern fußt sie auf dem Respekt vor dem Mitmenschen und seinen Bedürfnissen. Den original Knigge von 1790 kostenlos online lesen: www.gutenberg.spiegel.de/buch/uber-den-umgang-mit-menschen-3524/2 *Dr. Claudia Schmölders: „Die Wiederkehr der Höflichkeit“ Victor Conradt


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