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LAUFPASS 04/2016

Kindlicher Schiefschädel – hilflose Eltern Immer mehr Kleinkinder brauchen Physiotherapie Eigentlich könnte die erfahrene Kinderphysiotherapeutin Sabine Stickelmann glücklich sein – immerhin verzeichnet sie doch mehr behandlungsbedürftige Kinder in ihrer Praxis als noch vor wenigen Jahren. Es sind vermehrt Kleinstkinder, gerade geboren oder wenige Wochen alt, die mit ihren Eltern den Weg nach Hagen in Stickelmanns Praxis finden. Es ist die Indikation, die der Physiotherapeutin Sorge macht. Die kleinen Kinder leiden an den Folgen ungünstiger Schwangerschaften, nicht idealer Geburten und an den Folgen der Angst vor dem plötzlichen Kindstot. Es ist heute schon der zweite Fall in der physiotherapeutischen Praxis Kamprath in Hagen. Das wenige Wochen alte Kind schaut mit seinen Augen sehr unruhig von links nach rechts, es fuchtelt wild mit den kleinen Ärmchen in der Luft herum. „Es ist kaum zu beruhigen“, sagt seine besorgte Mutter. Das Kind wirkt überreizt. „Das ist es auch“, sagt Sabine Stickelmann. „Wir treffen vermehrt auf Kleinkinder, die eine extreme Unruhe in sich haben.“ Die Ursachen sind vielfältig und nicht durchgehend erforscht. „Auffällig ist, dass der Stress, den eine Mutter in der Schwangerschaft hatte und eine Reizüberflutung des Kindes nach der Geburt, ein solches Verhalten begünstigen können.“ Zur Reizüberflutung zählen neben einem unruhigen Umfeld und fehlender Momente des Körperkontaktes und der Ruhe auch Reize durch Mobiles, blinkende LED-Dekorationen, Geräusche und andere „Attraktionen“ mehr. „Erwachsene erfreuen sich an der Aufmerksamkeit, die sie mit diesen Reizen beim Kind wecken. Sie finden es süß, wenn das Kind seine Augen aufreißt und Reaktionen zeigt. Zu viel davon kann das wachsende kindliche Nervensystem und Nervenkostüm aber überfordern.“ Das defokussierte Kleinstkind muss dann therapeutisch wieder zu seiner eigenen Mitte zurückgeführt werden, damit es sich selbst spürt und nicht nur visuell mit der Umwelt interagiert. „In Ruhephasen wickeln wir die Kleinen einfach in eine Windel ein, die wir verknoten. So erfährt der Säugling ein Gefühl der Geborgenheit.“ Ein anderes Phänomen, das Sabine Stickelmann in ihrer Praxis wahrnimmt, ist die Zunahme des sogenannten „kindlichen Schiefschädels“, in der Fachsprache Plagiocephalus genannt. Die Plagioce- 38 gesundheit www.basta-magazin.de


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