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LAUFPASS 04/2016

phalie ist oftmals nicht nur der Schädel verformt. Häufig liegt auch eine Funktionsstörung der oberen Halswirbelsäule mit eingeschränkter Rotations- und Seitneigefähigkeit vor. Es gibt verschiedene Ursachen. Sie können in einer übermäßigen Kontraktion in der Geburt liegen, in lang anhaltenden Zwangshaltungen während der Schwangerschaft – vor allem aber ist der kindliche Schiefschädel die Folge der Angst vor dem plötzlichen Kindstot. Im Jahr 1992 empfahl die amerikanische Gesellschaft für Kindermedizin zur Vorsorge gegen den plötzlichen Kindstot, Kinder auf dem Rücken zu lagern. Seit dieser Empfehlung beobachten Experten den rapiden Anstieg der Plagiocephalus-Fälle auch in Deutschland. Die Zwangslage auf dem Rücken erzeugt einerseits eine Abflachung des Hinterkopfes. Hinzu kommt aber ein Reflex des Kindes, das im Grunde der einseitigen Lagerung entfliehen will und sich dabei überstreckt – im Extremfall stützt es sich mit Hinterkopf und Füßen ab und biegt die Rumpfmitten in die Höhe. „Das ist die unmittelbare Folge der einseitigen Lagerung. Das Kind spürt nur seinen Rücken und nicht mehr seine Front, an der im Grunde viel mehr passieren muss“, sagt Sabine Stickelmann. In 80 % der Fälle lässt sich der Schiefschädel physiotherapeutisch gut behandeln. Dazu wird das Kind, das sich aufgrund der krankhaften Veränderungen nur in eine Richtung bewegen kann, dazu animiert, sich auf die andere Seite zu fokussieren. Das geschieht beispielsweise durch das Setzen der Lichtquelle auf die eingeschränkte Seite und durch die Ansprache von dieser Seite her. Hinzu kommen Übungen, die die Therapeutin und auch die Eltern mit dem Kind machen. „Das Rollen des Kindes, die Seit- oder Bauchlage, wenn das Kind es anbietet und man dabei sein kann, aber auch das konsequente Stillen an beiden Brüsten, können die anatomisch korrekte Form wieder ermöglichen.“ In schweren Fällen müssen die Kleinen eine etwa sechs Monate dauernde Helmtherapie über sich ergehen lassen. Dabei wird den Kindern ein Helm aufgesetzt, der in der Wachstumsphase dem Schädel die natürliche Form vorgibt. Ein großes Problem erkennt die erfahrene Physiotherapeutin in der Entfremdung der Eltern von ihren eigenen Körpern und dem des Kindes. „Es sind zunehmend Bindungsstörungen festzustellen. Mütter sind gehemmt, unsicher, bisweilen desinteressiert. Sie haben es teilweise aufgegeben, bei sich eine Zuständigkeit für das Kind zu sehen. Statt einen Zugang zur Körperlichkeit des Kindes zu suchen, gehen sie mit jeder noch so einfachen Fragestellung zum Spezialisten – zu Ärzten, Psychologen, Osteopathen, Physiotherapeuten. Dabei könnten Sie für ihr Kind und auch für sich selbst eine neue Welt entdecken, wenn sie sich mit den Fragen beschäftigen würden.“ Angebote gibt es genug. Besonders erfolgreich und ein einfacher Einstieg für alle ist das Prager Eltern-Kind-Programm. Die PEKiPKurse wenden sich an Eltern mit Kindern im ersten Lebensjahr. Mit ihnen lässt sich Verlerntes wieder erlernen und dabei auch Ängste zu verlieren. „Den Eltern fällt es heute viel schwerer, ihre Kinder einmal anzufassen. Sie haben mehr Angst, irgendetwas kaputtzumachen. Damit fallen sie oftmals als Übungspartner aus – und das Kind findet nur in unseren therapeutischen Begegnungen den Weg zu sich zurück.“ Sabine Stickelmann ist sicher, dass auch junge Frauen wieder mit mehr Selbstvertrauen mit ihren Kindern umzugehen lernen. „Dazu müssen sie statt das Handy vielleicht häufiger die Händchen ihres Kindes ergreifen und spielerisch lernen, wie schön Nähe ist und welch wunderbare Wirkung ursprüngliche Berührungs- und Bewegungsreize auf die Kleinen haben.“ gesundheit 39 Bilder: Tuzemka shutterstock.com (Mutter beruhigt Kind), Victoria 1 shutterstock.com (Baby in Physiotherapie), VC (Sabine Stickelmann mit kleinem Patienten) Krankengymnastik Kamprath Lindenallee 9, 27628 Hagen im Bremischen Tel.: 04746-93 11 93 Das Pekip-Konzept www.pekip.de VC


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