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LAUFPASS 04/2016

6 Rückbau des KKW Unterweser Der Fahrplan, die Risiken und die wichtigste Frage: wohin mit dem Abfall? Wie wenige andere Themen bewegt der Rückbau des Kernkraftwerkes Unterweser die Menschen in der Region. Der Atomausstieg, mit dem nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mittelfristig die Risikotechnologie aus Deutschland verbannt werden soll, beschwört ein neues Angstszenario herauf: Es ist die Angst vor der Freisetzung radioaktiver Strahlung im Zuge des Rückbaus und der Lagerung strahlenden Materials. Die Fragen sind an allen Standorten, an denen Atomkraftwerke rückgebaut werden, immer ähnlich: Welche Risiken gibt es beim Rückbau, welche Strahlung geht von den Stoffen aus, wie werden sie bewertet, entsorgt, gelagert, transportiert? Die Angst herrscht auf beiden Weserseiten – liegt das Atomkraftwerk doch direkt an der Weser. Damit ist die Wesermarsch ebenso betroffen wie der Landkreis Cuxhaven und Bremerhaven. Die Sorge der Anwohner ist nachvollziehbar. Beim Rückbau kerntechnischer Anlagen müssen die Betreiber mit zum Teil erheblich verstrahlten Materialien umgehen. Dabei gilt: Je näher diese am Reaktorkern platziert waren, desto stärker ist die Strahlung, die von den technischen Einrichtungen und Bauteilen ausgeht. Wir sprachen mit der Physikerin Dr. Susanne Engstler, beim KKW Unterweser zuständig auch für die fachliche Leitung des Rückbaus der Anlage. Frau Dr. Engstler, Sie sind im niedersächsischen Kernkraftwerk Unterweser Fachbereichsleiterin Schutzfunktionen. Was alles umfasst Ihr Aufgabengebiet? Zu meinen Aufgabengebieten gehören der Strahlenschutz, die Entsorgung, die Abwicklung von Radioaktivtransporten, die Arbeitssicherheit, die Objektsicherung und der Brandschutz. So fällt auch der Rückbau des KKWs mit in meine Zuständigkeit. Der Rückbau des KKWs ist beantragt. Wie geht es weiter? Wir rechnen mit der Genehmigung des Antrages auf Rückbau in 2017. Dann erfolgen der Abbau, die Reststoffbearbeitung und Entsorgung. Wie lange wird dieser Prozess dauern? Unsere Planung geht von 10 bis 15 Jahren aus, die wir für den Rückbau der eigentlichen Anlagenbestandteile brauchen werden. Hinzu kommt dann noch der Abriss der anderen Gebäude auf dem Gelände – hier sprechen wir vom konventionellen Abriss, weil bei diesen Gebäuden keine atomrechtlichen Fragen mehr berührt sein werden. Mit welchen Massen haben Sie es hier zu tun? Auf der Grundlage der Erfahrungen bei bereits abgebauten kerntechnischen Anlagen, wurden für die Entsorgungswege die Massen abgeschätzt. Die Gesamtanlage umfasst 675.000 t, davon sind 482.000 t Beton, Kabel oder Stahl aus dem konventionellen Teil. Die Gesamtmasse des Kontrollbereichs, also das Reaktorgebäude und Hilfsanlagengebäude beträgt etwa 193.000 t. Sind das alles verstrahlte Substanzen? Nein. Allein 176.900 t davon sind Gebäudemassen, die uneingeschränkt freigegeben werden können. Der Abbruch ist dann nicht mehr Gegenstand der atomrechtlichen Genehmigung und wird konventionell durchgeführt. Was geschieht mit den strahlenbelasteten Teilen der Anlage? Das ist unterschiedlich. Wir gehen davon aus, dass etwa 11.900 Tonnen zweckgerichtet freigegeben werden können. Diese Stoffe werden deponiert, verbrannt oder wiederverwertet. Weitere etwa 4.200 Tonnen sind stärker belastet und müssen entsprechend in einem Endlager gelagert werden. Wo wird das strahlende Material gelagert? Für die aus dem Rückbau hervorgehenden schwach- und mittelradioaktiven Abfälle ist das Endlager Konrad bei Salzgitter genehmigt. Das für die Inbetriebnahme zuständige Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit geht davon aus, dass es ab 2022 zur Verfügung stehen könnte. Bis dahin müssen wir die Abfälle in dem von uns neu zu errichtenden Zwischenlager am Standort lagern. Stand heute ist, dass alle schwach- und mittelradioaktiven Abfälle zu gegebener Zeit für eine Endlagerung im Schacht Konrad vorbereitet werden, auch wenn sie zunächst in unserem Zwischenlager hier auf der Anlage gelagert werden. Mit welcher Strahlenbelastung durch freigegebenes Material rechnen Sie für die Bevölkerung im Zuge des Rückbaus? Wir gehen von keiner wahrnehmbaren Belastung aus. Durch die relativ kleine Menge an zweckgerichtet freigegebenem Material aus dem Rückbau kann für Einzelpersonen der Bevölkerung höchstens eine effektive Dosis von circa 10 μSv im Kalenderjahr auftreten, das ist das sogenannte 10 μSv-Konzept. Dieses Konzept ist international anerkannt und stellt sicher, dass die durch die freigegebenen Stoffe verursachte zusätzliche radioaktive Exposition so gering ist, dass sie auch im ungünstigsten Fall unerheblich ist. www.laufpass.com


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