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LAUFPASS 04/2016

Ich erinnere mich Von George B. Miller … nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde. Ein guter Freund hat mir mal gesagt: „Du bist ein typischer Fall von Hoffer. Du fotografierst seit 10 Jahren im April die Magnolie, in der Hoffnung, dass sie eines Tages auf deinen Bildern noch hübscher aussieht als in der Realität.“ Ich weiß nicht, woher er das weiß. Damit wollte er mir wohl durch die Magnolie sagen, dass ich viele Dinge anfasse, von denen ich im Grunde weiß, dass sie keinen Preis gewinnen können. Es ist aber gerade diese Art von Herausforderung, die mich anmacht. Wenn du eine Idee hast, egal welche, und sie umsetzen kannst, dann ist das schon ein Erfolg. Im Kollektiv äußert sich das so, dass ich immer anders schaffen oder gestalten möchte als meine Kollegen, weil ich auch anders bin. Dafür muss man mich lassen. Ich allein lasse mich, aber im Team wollen natürlich alle gelassen werden. Das Team? Na ja, keine Fußballmannschaft. Ich hätte eben nur sehr gern mal die Liga gerockt, und das ganz sicher nicht nur an der Mittellinie, den Stars auf die Rückennummer hinterher sehend. Nein, ich meine die, denen ich gestern in der Sandkiste noch mit der Schaufel auf die Schulter geklopft, später ihren Mist in der Schule abgeschrieben und ein fettes „Mangelhaft“ kassiert habe, bevor sie die Noten ihrer Lieder in jeder Band, die ich mit ihnen aufleben ließ, neu mischten. Heute bin ich zu ihrem 70.Geburtstag eingeladen und mir fällt auf, meine Vergangenheit ist länger geworden als meine Zukunft. Deswegen heulen? Nö, weshalb auch. Es geht mir gut wenn ich mir sage, viel besser als jetzt wird‘s nicht. Es liegt ja ein erfülltes Leben hinter mir. Vielleicht bin ich auch nur auf der grünen Seite der Gebärmutter geboren. Als Kind kam mir vieles größer vor. Heute erscheint mir alles viel kleiner, gehört mir aber trotzdem nicht. Damals habe ich oft und über jeden Mist gelacht. Heute lacht der Mist über mich und ich finde mich zwangsläufig in Lachhaft wieder. Das ist okay so. Wir kennen uns ja, aber was waren das für Tage, als ich mich mit dauerhaftem Tic im Auge, wundgeleckten Lippen und fiebrigen Herzrhythmusstörungen inmitten unterirdischer Spielsucht den Automaten hingab, in der festen Überzeugung sie lachend besiegen zu können. Mein Glaube war jungfräulich, dennoch stark und ungebeugt gegenüber den Maschinen mit elektronischem Innenleben ohne Seele, ohne Gesicht, er funden und konstruiert für Schwächlinge, die nur spielen um zu spielen, nicht um zu gewinnen. Ich ein Schwächling? Ein Loser? Als ich aufwachte, brauchte mein Hemd Knöpfe und meine Schuhe mussten besohlt werden. Ich war betroffen, aber es interessierte niemanden; denn niemand ist so betroffen wie der Betroffene selbst. Niemand versteht mittendrin das Elend wie er, der gerade steckt. Amen! Mühsam kroch ich raus aus diesem Loch und kümmerte mich wieder um mein soziales Leben. Schließlich wollte ich aus meinem Rock‘n‘Roll keinen sibirischen Winterblues machen. Nur wenn alles anders geblieben wäre, hätte ich mich dafür entschieden. Endlich wieder hell am Tag, dunkel in der Nacht aber butterweich in der Mitte. „Das kann natürlich auch am Stress liegen“, sagte mein Doc, „oder an übermäßigem Roten. Es passiert jedenfalls im Kopf.“ Er ist mein Vertrauter und als Arzt für dishormonische Angelegenheiten muss er es ja wohl wissen. Er würde mich nie darauf aufmerksam machen, dass ich mir vom Pfandgeld schon längst ein neues Fahrrad hätte kaufen können. So indiskret ist er ja nun auch nicht, zumal er weiß, für leere Glasflaschen gibt es schließlich nichts zurück. Ich beherzigte seinen gut gemeinten Rat und stieg um auf weißen Veltliner. Der Mann behielt Recht. Schon nach einer Flasche lief mein Fahrrad himmlisch leicht, als würde es ständig bergab gehen und der Wind von hinten kommen. Hin und wieder musste ich nur ein wenig gegenlenken, um mich nicht allzu weit vom weißen Streifen inmitten der Straße zu entfernen. Radwege sind für Feiglinge. An jeder Kreuzung wechselte das garstige Rot an der Ampel sofort zu einem entspannenden Grün. Einmal war ich sogar der festen Überzeugung, Pamela Anderson mit leichter Gewalt zum Überqueren der Straße genötigt zu haben. Ein Kuss von ihr zum Dank und ich wäre wohl ohnmächtig geworden. „Das war sehr freundlich“, sagte sie, „ aber das kleine grüne Männchen hätte mich auch ohne Ihre Hilfe rübergebracht.“ Diese knarzige, ziemlich männliche Stimme irritierte mich. Ich versuchte meine relativ arg gekreuzten Augen in ein und dieselbe Richtung zu bewegen und riskierte einen zweiten Blick. Transe? Oder war das mit „Baywatch“ doch schon so lange her? Egal, liebe den Moment, sagte ich mir. Wir waren ja beide unversehrt am anderen Ufer gelandet. Der Wein ist jedenfalls Spitze! Den Rest des Wegs unterhielt ich mich schiebend mit meinem Lenker. Bei der Probe am nächsten Tag wurde ich ein ums andere Mal mit meiner verweinten Nase auf die Tatsache gestoßen, dass es keine gute oder schlechte Musik gibt, nur gute und schlechte Musiker. In meiner Band kennen und respektieren sie mich und weil aufrichtig gemeinte Entschuldigungen manchmal richtig wehtun können, fragte auch niemand lange nach. Entzückend. Wir führen schon eine ausgesprochen gute Beziehung. 80 www.laufpass.com


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