Page 83

LAUFPASS 04/2016

Nur ein Jahr später nehmen die seine Ideen für ihre Aufnahmen. Lennard besitzt viel Fingerspitzengefühl und die nötige Sensibilität für harmonische Melodiefolgen und ausgefallene Beats (kompletter Instrumentalpart eines Hip Hop Songs). Er hat das „Besondere“. Noch wichtiger allerdings scheint es, Jumpa empfindet enormen Spaß an der Sache. Da drückt nicht das „große Geld“ im Kopf. Das lässt ihn leichten Fußes weiterhippen. Bremerhaven wird ihm zu klein. Berlin, Hauptstadt des deutschen Hip Hop, soll es sein, eben da, wo das Herz seines geliebten Genres schlägt. Erfolg kommt häufig durch Veränderung. Auf Partys und Veranstaltungen knüpfen sich mühelos, fast automatisch neue Kontakte. Trotzdem, bloß nichts dem Zufall überlassen oder darauf hoffen, dass die Glückssträhne ewig hält, auch wenn der kürzlich verlängerte Vertrag bei Sony sich verdammt gut anfühlt. Der junge Mann von der Weser macht aktuell eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien und schreibt jetzt zusätzlich Popmusik und Werbespots für bundesweit namhafte Firmen und ein „City Slide“ Festival, der sogar zwei Wochen bei ProSieben läuft. Dann der Hammer. Im Mai 2016 belohnt ihn sein Vertragspartner Sony mit der „Goldenen Schallplatte“ für einen Song auf dem brandneuen Album „Irreversibel“ des deutschen Rappers Nazar, der damit nahtlos an seinen Erfolg des Voralbums „Camouflage“ anknüpfen kann. Fleiß, Ehrgeiz, Geduld und Können haben sich ausgezahlt. Die Konkurrenz in der Stadt an der Spree ist groß. Alle wollen was in Sachen Medien machen. Es boomt unaufhaltsam. Es ist angesagt, es ist modern, aber eben auch schnelllebig. Deshalb befinden sich Rapper, Komponisten und Produzenten ständig auf einem Schleudersitz. Lennards Pseudo braucht keinen Sitzplatz. Es steht inzwischen für ein erstklassiges Gütesiegel. Dennoch, der Goldjunge bleibt cool. Seine Ausbildung ist ihm wichtig. Jeder in seiner Klasse hat etwas, das ihn irgendwie weiterbringt, so wie die von ihm profitieren. Man kennt sich, empfiehlt und vernetzt sich weiter. Galt der Rap in Deutschland Mitte der 70er bei den Plattenfirmen noch als chancenlos, jetzt ist er mit seinem eigenen Stil und den dazugehörigen Techniken nicht nur eine Musikrichtung, sondern eine nicht mehr wegzudenkende Jugendkultur. Lennard Oestmann gehört als einer der jüngsten Erfolgsproduzenten und Komponisten in der Republik dazu. Der gebürtige Bremerhavener hat noch viel vor, und niemand dreht an seiner Uhr, weil er gelernt hat auch morgen noch mit der Zeit zu gehen. g bm Foto: Presse 83 Delicious Divine Wo geht's hier nach Jericho? Als in den 80ern die Zahl großer Bandbesetzungen aus wirtschaftlichen Gründen rückläufig war, weil sie Tribut an das digitale Zeitalter der Computermucke und scratchenden DJs zollen mussten, hielten sie sich die Option offen, auch in abgespeckten Formationen auftreten zu können. Eine Größenordnung in kompletter Besetzung ist nach wie vor für kleinere Veranstaltungen fast nicht zu finanzieren. Ganz anders läuft das bei Bremerhavens Fun-Funkern, Delicious Divine. Sie können es sich leisten, mit elf aktiven Musikern (bei ihnen gilt der Schlagzeuger nämlich noch als vollwertiger Musiker) jede Bühne, vorausgesetzt sie passen alle drauf, zum Beben zu bringen. Delicious Divine spielen nicht, um mit ihrer Darbietung den Pott unterm Regenbogen zu leeren. Miete und Auto zahlen ihre Jobs. Auto muss schon sein, weil nur Florian Müller (Gesang), Romana Weiß (Gesang), Gavin Hayes (Schlagzeug), Colja Cordes (Tasten), Kai Lorkowski (Trompete) und Maren Pundschus (Saxophon) aus Bremerhaven kommen. Julia Müller (Gesang) reist aus Stotel an, Matthias Kasper (Bass) aus Nordenham, Maik Satow (Gitarre) aus Schiffdorf, Andreas Desczka (Trompete) aus Schwanewede, und manchmal Julian Beck sogar ganz aus Bielefeld. Dreisatz also im Gesang und eine echte Horn Sektion mit vier Bläsern. Wer nun auf den Gedanken kommen könnte, diese Truppe schindet ein komplettes Set an Zeit raus, wenn jeder einzelne Mitwirkende dem Auditorium vorgestellt wird, der hat weit gefehlt. Man muss gar nicht hören. Sehen reicht schon völlig, um zu erkennen wie heiß die Platte sein muss, auf der sich 22 Füße permanent im Aktivmodus bewegen. Nein, hier dreht es sich um keine Fußballmannschaft, wenngleich „11 Freunde müsst ihr sein“ deutlich im Vordergrund steht, zudem Leidenschaft und Liebe zum Soul, Funk, Pop und manchmal ein bisschen Gospel. Ein großes Spielfeld also für Akteure und Publikum, auf das sich die Band dennoch nicht festnageln lässt; denn wer sich noch an die überaus erfolgreiche Schlager Combo Paerly Pop (deren Mitglieder sind in D.D. integriert) erinnert, der soll wissen, auch hierfür ist sich niemand in diesem elektrischen Orchester zu schade. Schlager können auch rocken, sie zu spielen kann richtig Spaß machen, und darum geht es am Ende des Tages. Nicht um verlorene Quinten, gelbe Quarten oder blaue Töne, sondern um emotionale Berührung mit dem Zuhörer. Der Kajenmarkt in Bremen, der Basar Maritim oder das Schaufenster in Bremerhaven, unzählige Clubs, Festhallen und deutschlandweite Trauungen haben bereits von diesem Spektakel profitiert. Es scheint also kein Greifen nach den Sternen, wenn die Band sich vorgenommen hat, acht bis zwölf Auftritte im Jahr zu spielen. Auch wenn man aufgrund der Anzahl der Musiker befürchten könnte, hey, was kostet der Himmel? Die Gagen sind nicht astronomisch, nur draufzahlen will niemand. Jedes Instrument, selbst jede Stimme muss gepflegt und instand gehalten werden. Wenn Kosten für Reparaturen oder Ersatz mal nicht anstehen, dann treffen Delicious Divine sich zum gemeinsamen Essen, um die Familienbande nicht schleifen zu lassen, und natürlich auch um abseits der Bühnenbretter unendlichen Spaß abzufeiern. Nächstes, gleichzeitig größeres Event wird der Weihnachtsgig 2016 (2014 in der ausverkauften „Lebenslust“) sein, dessen Datum und Örtlichkeit man demnächst der Webseite der Band entnehmen kann. Wer sich diesem nicht klein zu kriegenden Haufen köstlich-himmlischer (Bandname frei übersetzt) und unentwegter Spaßhaber anschließen möchte, ein Platz ist noch frei. Gesucht wird ein Posaunist, der das Gebläse noch fetter machen soll, damit endlich auch die Mauern von Jericho zum Wackeln gebracht werden. Oder reichen da schon ihre beiden Trompeten? gbm www.delicious-divine.de


LAUFPASS 04/2016
To see the actual publication please follow the link above