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// Gesellschaft
13.11.2012
Von: Thomas Klaus

Wichtiger Schutzraum für die Seele


Refugio: Wichtiger Schutzraum für Flüchtlinge, die unter schweren traumatischen Erlebnissen leiden. (Foto: Yuri Arcurs/shutterstock.com)

Refugio: Wichtiger Schutzraum für Flüchtlinge, die unter schweren traumatischen Erlebnissen leiden. (Foto: Yuri Arcurs/shutterstock.com)

Das psychosoziale und therapeutische Behandlungszentrum „Refugio“ in Bremen steht Flüchtlingen bei, die unter schweren traumatischen Erlebnissen leiden.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wer im „Refugio“ in der Parkstraße 2-4 im Bremer Stadtteil Schwachhausen nahe des Hauptbahnhofes aufmerksam seine Blicke streifen lässt, stößt nicht nur einmal auf dieses berühmte Zitat. Der Artikel 1 des Grundgesetzes ist so etwas wie der Rote Faden der Arbeit dieses psychosozialen und therapeutischen Behandlungszentrums für Flüchtlinge und Folter-Überlebende. Im Norden der Republik hat das 1989 gegründete Refugio ein Alleinstellungsmerkmal.

Durch einen „Tag der offenen Tür“ am 7. Dezember soll die Einrichtung bekannter gemacht werden. Die Veranstaltung beginnt um 12 und endet um 17 Uhr. Auf dem Programm stehen neben einem Grußwort von Sozialsenatorin Anja Stahmann Musikbeiträge, eine Tombola und weiterführende Informationsangebote. Mit Bedacht wurde der Termin 7. Dezember gewählt. Denn am 10. Dezember 1948 hatten die Vereinten Nationen ihre Erklärung der Menschenrechte verabschiedet.

Betreuung ist unentgeltlich und mehrsprachig

„Schutzraum für die Seele“ wird das Refugio gerne genannt – und das ist nicht übertrieben. Die zehn hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen – unterstützt von ehrenamtlichen Kräften – Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Diskriminierung in den zahlreichen Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt furchtbare Erlebnisse hatten. Sie wurden zum Beispiel gefoltert oder vergewaltigt. Manche wurden „nur“ Zeugen grausamer Verbrechen, die sie jedoch ebenfalls nicht vergessen können. Doch die meisten Flüchtlinge, die zum Refugio kommen (meistens aufgrund von Empfehlungen von Ärzten, Kliniken und Gesundheitsämtern), haben schwere traumatisierende Erfahrungen gemacht. Nun sollen sie sich möglichst mit ihrer Vergangenheit aussöhnen und ein Stück weit seelisch gesunden können.

Wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann, das ist von Fall zu Fall, von Schicksal zu Schicksal, unterschiedlich. Bei einigen Klientinnen und Klienten passt beispielsweise die Traumatherapie, die Kunsttherapie oder die Körpertherapie am besten. Andere Flüchtlinge können sich am leichtesten in der Nähgruppe oder der Bewegungsgruppe öffnen. Ab und zu beschränkt sich das Team auf eine psychosoziale Beratung. Häufig werden Flüchtlinge nach ersten therapeutischen Maßnahmen an externe Fachleute aus Medizin und Gesundheitswesen weitervermittelt, die Teil des von Refugio geknüpften Netzwerkes sind. Das überspannt ganz Deutschland. So ist das Refugio auch Mitglied der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF).

Für alle Fälle gilt: Die Beratung und Betreuung erfolgt in der Muttersprache der Flüchtlinge. Und sie kostet sie keinen Cent. Bis der Weg zur seelischen Erholung beschritten werden kann, ist oft viel Geduld gefragt. „Unsere Wartelisten sind lang und manchmal kann eine Therapie erst nach Wochen beginnen“, bedauert der für Öffentlichkeitsarbeit verantwortliche Marc Millies im LAUFPASS-Gespräch.

Auch viele Minderjährige unter den Klienten

Zurzeit werden 111 Menschen „laufend behandelt“. Das bedeutet: Sie werden seit längerem im Refugio betreut. Dabei ist es völlig vom Einzelfall abhängig, ob die Kinder, Jugendlichen, Frauen und Männer die Einrichtung lediglich ein- oder zweimal nutzen oder sie über Wochen und Monate, manchmal sogar jahrelang, besuchen. Im vergangenen Jahr kamen zu den 111 laufend behandelten Personen 94 Neuanmeldungen hinzu. Bei den Herkunftsgebieten ist das Spektrum groß – so wie die Zahl der Kriege und Konflikte in den Ländern dieser Erde. Aber die meisten neu angemeldeten Menschen stammen zurzeit aus Afghanistan.

40 von den 94 neu angemeldeten Personen sind Frauen und 24 so genannte unbegleitete Minderjährige, die ihr kriegs- oder krisengeschütteltes Heimatland ohne ihre Eltern oder andere Erwachsene verlassen haben. Für die Kinder und Jugendlichen wurden vom Refugio eigene Programme entwickelt, weil sie verständlicherweise anders angesprochen werden müssen als ältere Flüchtlinge. In der gesamten Bundesrepublik Deutschland bestehen lediglich 20 Zentren, die sich um traumatisierte Flüchtlinge kümmern und mit dem Refugio vergleichbar sind. Die Einrichtung in Bremen selbst, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich auch in der Trauma-Fortbildung einen Namen in der Fachwelt gemacht haben, ist die einzige große Anlaufstelle in Nordwestdeutschland.

Angesichts dieser Bedeutung, die das Refugio hat, verwundert es schon, „dass die Finanzierung auf relativ wackeligen Füßen steht und jedes Jahr aufs Neue gesichert werden muss“, wie das Öffentlichkeitsarbeiter Marc Millies formuliert. Zwar fließen Fördermittel vor allem von der Stadt Bremen und der Bremischen Evangelischen Kirche, der UNO-Flüchtlingshilfe und dem UNHCR-Fonds für Folteropfer, der Europäischen Union und des Europäischen Flüchtlingsfonds. Außerdem sorgen der Förderkreis und der Stiftungsfonds für eine gewisse finanzielle Entlastung. Darüber hinaus stärken eine Reihe Privatpersonen und Unternehmen durch vielfältigste Spendenaktionen dem Refugio den Rücken. „Aber noch mehr Berechenbarkeit und Kontinuität bei der finanziellen Ausstattung würde die Arbeit des Refugio-Teams deutlich erleichtern“, betont Millies.

Schädliche Aufenthaltsdauer in Bremerhaven

Auch einen anderen Punkt, der im Interesse der Klientinnen und Klienten des Refugio unbedingt geklärt werden sollte, verschweigt Marc Millies nicht. Dabei blickt er besonders auf die Stadt Bremerhaven.

Im Bundesland Bremen leben mehr als 600 Flüchtlinge in so genannten Gemeinschaftsunterkünften. Sie wurden im Zuge des so genannten Umlageverfahrens in das Bundesland Bremen gebracht; ein Prozent der Asylbewerber in der Bundesrepublik müssen in Bremen und Bremenhaven aufgenommen werden. Nach Angaben des Flüchtlingsrates Bremen handelt es sich bei den Gemeinschaftsunterkünften um renovierungsbedürftige Wohnanlagen mit Wachpersonal, Sammelduschen und Mehrbettzimmern: Sie liefern spärliche sechs Quadratmeter Wohnraum pro Person. Während die Bewohner in der Stadt Bremen nach einem Jahr Aufenthalt in einem Flüchtlingsheim eine eigene Wohnung suchen dürfen, müssen die Flüchtlinge in Bremerhavener Gemeinschaftsunterkünften dort zwei Jahre bleiben. Dass die Bremische Bürgerschaft im April 2012 ein stufenweises Abschaffen der Gemeinschaftsunterkünfte und die Möglichkeit zur Wohnungssuche bereits nach drei Monaten beschlossen hat, hebt in diesem Fall zum Leidwesen von Refugio die Bremerhavener Regelung nicht aus den Angeln.

„Der Aufenthalt in Gemeinschaftsunterkünften tut Flüchtlingen mit traumatischen Erlebnissen und Folter-Überlebenden überhaupt nicht gut“, stellt Marc Millies fest. Der Refugio-Sprecher stützt sich dabei auch auf das Bremer Gesundheitsamt. Das hatte im vergangenen Jahr in seiner Studie „Das Bremer Modell – Gesundheitsversorgung Asylsuchender“ auf die gesundheitlichen Belastungen durch das Leben in Gemeinschaftsunterkünften aufmerksam gemacht und dringend verringerte Pflichtzeiten empfohlen. In dieser Untersuchung gibt das Gesundheitsamt ferner zu Protokoll, dass es von 40 Prozent Flüchtlingen mit traumatischen Schäden ausgeht. Knapp 17 Prozent aller medizinisch versorgten Flüchtlinge im kleinsten Bundesland litten „offiziell“ unter psychischen Erkrankungen, so das Gesundheitsamt. Doch weil seelische Leiden schwer zu erkennen seien und die Ärzte schwerpunktmäßig auf körperliche Erkrankungen achteten, sei „eine Unterversorgung zu vermuten“ oder, mit anderen Worten, die Dunkelziffer hoch.

www.refugio-bremen.de 


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