Seite auswählen

Werbung

Frühzeitige Begabungs-förderung – Begrenzung des Verstandes

Frühzeitige Begabungs-förderung – Begrenzung des Verstandes

(Foto: Master1305 / shutterstock.com)

Alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder glücklich sind – übersetzt bedeutet das häufig, dass die Sprösslinge erfolgreich sein sollen. Denn Erfolg stärkt bekanntlich nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern ebnet auch den Weg zu Wohlstand, Anerkennung, Status und Glück. Auch in Erziehungsratgebern und pädagogischen Konzepten zur Förderung von Begabungen wird immer wieder verkündet, dass Kinder durch die gezielte Förderung individueller Talente Freude, Lust und Ehrgeiz am Lernen entfalten und dadurch auch ihr Selbstwertgefühl stärken.

Frühförderung ist wichtig und besonders bei Familien mit höherem Bildungsgrad liegt das Augenmerk häufig darauf, das Potential ihrer Kinder möglichst frühzeitig zu erkennen und dies dann intensiv zu fördern, damit die Begabung voll ausgeschöpft wird und auf dem auserkorenen Feld eine möglichst hohe Leistungsfähigkeit erzielt werden kann. Der Nachwuchs wird daher mit größter Aufmerksamkeit auf eine individuelle Begabung gescannt, um die erste sich abzeichnende Stärke so früh wie möglich durch gezielte und intensive Förderung auf den bestmöglichen Leistungsstand zu bringen. Doch ist diese Interpretation von Begabungsförderung wirklich richtig und gut für die Entwicklung von Kindern? Lehrkräfte erleben einen »Boom« an vermeintlich hochbegabten Kindern. In fast allen Fällen erweist sich die »Hochbegabung« aber als vorübergehende Inselbegabung, die dem Kind in einem Bereich einen zeitlich begrenzten Vorsprung zu geben schien. Aus Erfahrung der Pädagogen entsteht die vermutete Hochbegabung aus dem Wunsch der Eltern, ihr Spross möge etwas ganz Besonderes, Herausragendes sein oder können.

Spezialist ist Fachidiot – Förderung von Inselbegabungen

In der Arbeitswelt ist das Phänomen fast schon sprichwörtlich: Der Spezialist kennt nur sein eigenes Fachgebiet, hat aber keine Ahnung von anderen Dingen, die nicht direkt in diesem speziellen Gebiet liegen. Beispielsweise findet der studierte Ingenieur für manche Probleme, die sich in der Praxis ergeben, nicht so schnell eine umsetzbare Lösung, wohingegen der einfache Arbeiter, der tagtäglich in dem Bereich tätig ist und sich sein Wissen vielleicht sogar selbst angeeignet hat, eine machbare Lösung recht schnell parat hat. Spezialisierung bedeutet nämlich auch immer Einschränkung. Der Spezialist lernt sehr viel über einen kleinen Teilbereich des Ganzen und geht in diesem Teilbereich in die Tiefe des Wissens. Der Generalist lernt hingegen einen kleinen Teil vieler verschiedener Teilbereiche des großen Ganzen, sein Wissen geht eher in die Breite als in die Tiefe und dadurch kann er dem Spezialisten tatsächlich in einem weiteren Feld unterschiedlicher Problem-Situationen wissenstechnisch voraus sein. Der Spezialist kann dem Generalisten wissenstechnisch nur in seinem eigenen, kleinen Teilbereich überlegen sein.

Für die Frühförderung von Kindern heißt das, dass eine eindimensionale Konzentration auf die Förderung einer bestimmte Fähigkeit dazu führen kann, dass Stärken in anderen Bereichen entweder nicht entdeckt werden und im schlimmsten Fall verkümmern, oder dass andere Kompetenzen gar nicht ausgebildet werden können, da sie in Bereichen liegen, die zu wenig gefördert werden oder mit denen das Kind sogar überhaupt nicht in Berührung kommt.

Vielseitige statt einseitiger Förderung

Die Entwicklung von Kindern ist sehr individuell. Sie verläuft in Schüben und ist abhängig von Erfahrungs-, Situations- und somit Lernimpulsen, die Kinder in jedem Stadium ihrer Entwicklung erhalten sollten. Je unterschiedlicher und vielseitiger diese Impulse sind, desto größer ist der Erfahrungsschatz der Kinder und desto eher können sich Fähigkeiten entwickeln, die von Eltern und Erziehern vielleicht gar nicht erwartet werden und dadurch auch schnell übersehen werden könnten. Nicht umsonst werden Erzieher in regelmäßigen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen gezielt dazu befähigt, Begabungen besser erkennen und fördern zu können.

Wird ein Kind aber schon früh nur einseitig gefördert, bedeutet das, dass es mit einer Erwartungshaltung konfrontiert wird, die einen enormen Leistungsdruck aufbaut. Das Kind hat daraus folgend nur diese eine Chance, sich zu beweisen, denn die gezielte, intensive Förderung ist sehr zeitintensiv und nimmt dem Kind die Zeit und den Raum, andere Dinge auszuprobieren und weitere Kompetenzen auf ganz anderen Gebieten zu erwerben.

Dramatisch wird es dann, wenn sich herausstellt, dass das jahrelang intensiv auf Leistung und Konkurrenzdenken trainierte Kind lediglich eine gewisse Stärke in dem speziellen Bereich besitzt, aber im Vergleich zu talentierteren, begabteren Kindern gar keine Chance hat, in diesem Bereich wirklich erfolgreich zu werden. Das herausragende Merkmal, mit dem sich dieses Kind, die ehrgeizigen Eltern und Förderer bis dato identifizierten, ist plötzlich hinfällig, die Qual des Verzichts auf andere Beschäftigungen und Zeitvertreibe sinnlos geworden und die Identitätskrise – nicht nur, aber besonders des Kindes – ist vorprogrammiert. Möglicherweise hätte dasselbe Kind noch andere, leider unentdeckt gebliebene Talente und Begabungen in einem ganz anderen Bereich haben können, die aber nicht zum Tragen kommen konnten, weil für ihre Entdeckung und Förderung kein Freiraum, keine Zeit, kein Antrieb oder keine Aufmerksamkeit vorhanden war.

Qualitäten der Erfolgreichen

Neben der reinen Begabung sind für den Erfolg einer einseitigen Tätigkeit ganz andere Qualitäten von noch größerer Bedeutung. Dazu zählen beispielsweise Fleiß, Gehorsam, Konsequenz, Begeisterungsfähigkeit und Risikofreude. Diese Eigenschaften werden meist als besonders positiv und erstrebenswert eingestuft, doch lohnt es sich, dies einmal kritisch zu hinterfragen. Esther Vilar geht in ihrem Buch »Der betörende Glanz der Dummheit« unter der Kapitelüberschrift »Eine Goldmedaille für den Beschränkten« sogar soweit, zu behaupten, dass diejenigen, die über die oben genannten Eigenschaften in besonders ausgeprägter Form verfügten, nicht bewundernswert, sondern dumm seien: (Die vielgelobte Eigenschaft »Fleiß« bedeute, dass man zugunsten eines Interesses auf alle anderen verzichte und diejenigen am besten verzichten könnten, die nichts anderes interessant fänden. »Gehorsam« werde auch »Befähigung zur Teamarbeit« genannt und bedeute, dass einer seine eigenen Ideen in den Hintergrund stellen könne und dass dies für denjenigen umso einfacher sei, der erst gar keine Ideen habe. »Konsequenz«, die nötig sei, auf einem bestimmten Gebiet der Erste zu werden, bedeute, dass man immer wieder über Jahre bis zur Erschöpfung dasselbe tun müsse und dass dies demjenigen leichter fiele, der sich nicht vorstellen könne, wie aufregend es sei, etwas Neues auszuprobieren. »Begeisterungsfähigkeit« ist nach Vilar selbstverständlich eine wunderbare Eigenschaft. Doch wer in der Lage sei, sich nach Jahrzehnten immer noch für dieselbe Tätigkeit, das gleiche Produkt oder den identischen Bewegungsablauf zu begeistern, der sei vielmehr geistig anspruchslos. »Mut« und »Risikofreude« seien Tugenden, die einem am leichtesten fielen, wenn man nicht in der Lage sei, die Gefahr einer Unternehmung zu begreifen.)¹

Auch wenn diese Sicht der Dinge etwas provokativ formuliert ist, so steckt doch einiges an Wahrheit darin. Und vor diesem Hintergrund sollte der Wunsch von Eltern nach herausragenden Leistungen und Erfolgen für ihre Kinder ernsthaft und kritisch hinterfragt werden, wenn man bedenkt, von welchen Eigenschaften das Erreichen dieser Erfolge abhängig ist.

Es gibt so viel zu entdecken

Begabungsförderung muss also unbedingt vielseitig und mehrperspektivisch sein und in möglichst unterschiedlichen Lebenswelten wirken. Musische, sportliche, kreative und handwerkliche Fähigkeiten, mathematische, naturwissenschaftliche und sprachliche Kompetenzen sollten ebenso wie soziale und emotionale Fähigkeiten, besonders in den frühen Entwicklungsjahren, gleichermaßen gefördert werden, indem dem Kind spielerisch, ohne Leistungsdruck und in immer anderer Art und Weise Impulse gegeben werden. Durch diese vielfältigen, unterschiedlichen Impulse hat das Kind die Möglichkeit, sich in diversen Situationen als »erfolgreich« zu empfinden. Es lernt, dass es verschiedene Dinge gut kann und entwickelt ein souveränes Selbstverständnis im Umgang mit den eigenen, vielfältigen Fähigkeiten, die dazu anspornen, sich aus eigenem Antrieb heraus mit den unterschiedlichsten Dingen beschäftigen zu wollen.

Wenn ein anderes Kind auf einem Gebiet „besser“ sein sollte, als das Kind, das über eine Vielzahl von Fähigkeiten und Interessengebieten verfügt, gerät Letzteres nicht in die unangenehme Situation, dass ihm das einzige Gebiet streitig gemacht wird, das eigentlich immer »sein Bestes« war. Es kann vielmehr entspannt und neugierig seinem Wissensdurst folgen und immer neue Facetten dieser Welt für sich entdecken, weil es die Gewissheit hat, dass es noch viele andere Gebiete gibt, auf denen es sich selbst und seine Fähigkeiten entfalten kann und dass es ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich zu verwirklichen – nicht nur eine einzige.

Autor: Marianne Büsing

Quelle
¹ Esther Vilar, Der betörende Glanz der Dummheit Ausgabe Mai 1990 (dtv 11260), Seite 42 Zeile 8 bis Seite 43 Zeile 14)

Aktuelle Ausgabe

Mediadaten

Anzeige

Anzeige

Anzeige

X