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Corona-Trauma – Kinder im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind

Corona-Trauma – Kinder im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind

Corona-Trauma Kinder im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind (Foto: Great Pics – Ben Heine/shutterstock.com)

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt und unser Alltag ist plötzlich ganz anders geworden. Besonders für Kinder, die grundsätzlich empfindlich auf Veränderungen ihrer täglichen Routine reagieren, sind die Einschnitte durch die Restriktionen groß. Wie empfinden sie ihre Rolle in dieser Zeit und welche Botschaft senden ihnen die Maßnahmen und Nachrichten?

Fasst man die Situation einmal etwas überspitzt zusammen, so wie sie sich Kindern und Jugendlichen möglicherweise in der Corona-Zeit darstellt, dann lernen diese allem voran, dass sie selbst eine der größten Gefahren sind, die Hauptüberträger einer neuen, unbesiegbaren Krankheit namens „Corona“. Sie müssen weggesperrt werden, damit die anderen sicher vor ihnen sind. Sie erfahren, dass sie ihre Großeltern auf keinen Fall besuchen dürfen, weil die Gefahr zu groß ist, dass sie diese mit Corona anstecken und dadurch sogar töten können. Sie lernen auch, dass die Welt „da draußen“ gefährlich ist und jeder am besten zu Hause und noch besser drinnen bleiben soll, um sich vor dieser neuen Krankheit zu verstecken. Kinder und Jugendliche werden mit Freiheitsentzug bestraft, mit sozialer Isolation, dem Entzug von Freunden und Großeltern und Hobbies in Vereinen oder anderen Institutionen. Spielplätze, ehemals Oasen der Ausgelassenheit und des Glücks, sind zu Sperrzonen geworden, die mit Flatterband abgesperrt sind, um den Zutritt zu verwehren, als seien sie Tatorte, die nicht betreten werden dürfen. Dinge, die früher galten, gelten auf einmal nicht mehr: Anderen zur Begrüßung die Hand zu reichen, ist plötzlich nicht mehr höflich, sondern übergriffig. Zur Schule zu gehen ist plötzlich verboten und für manche gibt es noch nicht einmal Hausaufgaben, die sie weiterbringen – wo diese doch früher angeblich mal so wichtig waren.

Kinder erfahren durch die Nachrichten, sozialen Netzwerke und über die Gespräche der Erwachsenen, dass Corona eine unsichtbare Bedrohung ist, die überall lauert und Tod bringt. Aber auch jeder Mensch ist ab sofort eine Gefahr, weil er ansteckend sein könnte, auch wenn er sich absolut gesund fühlt. Dinge zu berühren, muss ebenfalls vermieden werden, weil sich dort „schmierige Vieren“ befinden können und sogar beim Atmen muss man sich mit einer Gesichtsmaske schützen, weil die Luft voller unsichtbarer Corona-Tröpfchen ist. Die Maske, die man dafür tragen muss, schützt einen selbst jedoch gar nicht, weil sie keinen entsprechenden Filter hat und die guten Masken mit entsprechenden Filtern, die wirklich schützen könnten, sind ausverkauft – genau wie Toilettenpapier, Nudeln, Hefe und Mehl.

Und sogar auf die Erwachsenen ist kein Verlass: Ärzte und Forscher haben keine Ahnung von dieser neuen, unbekannten Krankheit. Sie müssen erst noch herausfinden, wie das Ganze funktioniert und darum gibt es auch keinen Impfstoff. Kunden prügeln sich in Geschäften um die letzte Rolle Klopapier und sogar die eigenen Eltern haben Ängste, finanzielle und gesundheitliche, sind gestresst, hilflos und verunsichert. Manche Eltern reagieren sogar mit Aggression und Verzweiflung, sodass sich die Situation für deren Kinder verunsichernder anfühlt.

Auf Kinder macht das alles den Eindruck, als befänden sie sich im Krieg. Die ganze Welt ist im Kampf gegen Corona und die allgemeine Hilflosigkeit ist allerorts spürbar. Lebensmittel werden gefühlt knapp, man verkriecht sich zu Hause und durchlebt Entbehrung, Ängste und Isolation, sowie Bedrohung und Freiheitsberaubung von außen. Es ist der Krieg gegen einen übermächtigen Feind, der über Superkräfte verfügt. Militärfahrzeuge transportieren in den Nachrichten Leichen in langen Konvois ab und geliebte Menschen sterben, ohne dass man sich von Ihnen verabschieden darf.

Selbst die positive Entwicklung der allgegenwärtigen Solidarität kann auf Kinder verstörend wirken. Sie kann den Eindruck machen, dass die aktuelle Lage so unglaublich gravierend und nie dagewesen schlimm sei, dass die Menschen, nach Ewigkeiten des Egoismus und der mangelnden Nächstenliebe alles bisher Gegebene überdenken und ihr Verhalten so stark ändern, als müssten sie ihre Seele mit guten Taten auf das kurz bevorstehende Ende der Welt vorbereiten.

Was macht die Angst oder Aggression von Eltern mit der Psyche ihrer Kinder?

Wie sich Kinder in dieser Situation fühlen, wie sie damit umgehen und wie sie die verordneten Restriktionen aufnehmen, ist sehr individuell und hängt zum einen mit dem Alter der Kinder zusammen und zum anderen damit, wie ihre Eltern selbst auf diese reagieren. Doch die Meinung, dass Säuglinge und Kleinkinder noch gar nichts davon mitbekämen, ist schon seit langem widerlegt. Marion Sonnenmoser schreibt 2009 im Deutschen Ärzteblatt: „Noch vor knapp 20 Jahren vertraten die meisten Experten die Meinung, dass Kinder (…) nichts oder kaum etwas mitbekommen. Ihre kognitiven und psychischen Strukturen seien noch nicht ausgereift, um zu reflektieren und das Geschehene in all seinen Dimensionen bewusst zu begreifen. Auch nahm man an, dass sich nach den meisten traumatischen Ereignissen keine oder nur minimale und vorübergehende Störungen entwickelten.“ Heute wisse man, dass Kinder schon vom ersten Lebensjahr an psychische Erkrankungen infolge von stresshaften Erfahrungen entwickeln können.

Das Verhalten der Eltern prägt das Verhalten der Kinder

Die Rahmenbedingungen, in denen Kinder diese Ausnahmesituation erleben, sind sehr unterschiedlich. In manchen Familien sind eher negative Gefühle präsent. Stress, Traurigkeit, Angst und Tod sind die vorherrschenden Themen und verstärken das Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins. Diese Familien leiden möglicherweise vermehrt unter logistischen Problemen, weil sie nicht zu Hause bleiben können aber auch keine Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder haben. Manche haben Existenzängste aufgrund einer schwierigen Arbeitssituation oder beengte Wohnverhältnisse ohne Rückzugsmöglichkeiten. Viele Eltern sind darüber hinaus mit dem Homeschooling überfordert – oder auch einfach nur mit der Tatsache, nun rund um die Uhr mit Ihren Kindern zusammenleben zu müssen. In anderen Familien herrscht eine eher positive Energie, ein Gefühl der Geborgenheit. Diese Eltern haben vielleicht eher die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, sich ihnen zuzuwenden und die Zeit sinnstiftend zu nutzen. Eventuell ist das Wohnen weniger beengt oder es gibt sogar einen Garten, in dem man sich an der frischen Luft im geschützten Bereich austoben und auch mal aus dem Weg gehen kann.

Wenn Eltern Kindern nun aber vorleben, dass man in Krisenzeiten vor Angst erstarrt, sich emotional einigelt und mit Medien ablenkt oder Alkohol betäubt, kann die vorgelebte destruktive Hilflosigkeit dazu führen, dass die Kinder dieses Angstverhalten erlernen – es kopieren, abspeichern und so auf Angst konditioniert werden. Daraus können emotionale Störungen wie Aggression, Resignation, Apathie, Depression und Lernstörungen resultieren. Prägend ist aber nicht nur was die Eltern tun und sagen oder wie sie sich verhalten – auch die Körpersprache und Mimik wird von Kindern sehr genau interpretiert und prägt sich als Verhaltensmuster ein. Denn laut dem Lexikon für Psychologie und Pädagogik „(Gibt es) für das Gehirn keinen Unterschied, ob ein Mensch vor etwas selbst Angst hat oder nur einen Menschen in einer angstvollen Situation beobachtet.“ (Stangl, W. (2020). Stichwort: »Angst«. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik), www.lexikon.stangl.eu/5056/angst/ (2020-04-25)

Die Situation in der Grundschule

Im Gegensatz zu den Jugendlichen in den Abschlussklassen der höheren Stufen ist die Situation der Grundschüler besonders problematisch. Kinder in diesem Altern leben ihre sozialen Kontakte instinktiv und mit sehr viel körperlicher Nähe aus. Anderen Kindern oder den Lehrern mit einer kontrollierten, räumlichen Distanz zu begegnen, ist ihnen schier unmöglich. Der Spieltrieb und das Nähebedürfnis sind viel zu stark ausgeprägt, die Selbstkontrolle aber kaum. Diese Altersgruppe muss den ehemaligen Schutzraum Schule nun als eine Art Gefängnis oder Kaserne erleben, die mit der Schule, wie sie sie bisher kannten, nur noch wenig zu tun hat. Die Schüler werden ihrem gewohnten Klassenverband entrissen, in Kleingruppen aufgeteilt, müssen isoliert an einem Tisch sitzen. Die Laufwege sind vorgegeben, der Gang zum Klo rationiert und ständig muss desinfiziert werden. Selbst in den Pausen dürfen sie sich auf dem Schulhof nicht frei bewegen und spielen, weil es sonst unmöglich wäre, dass die Kinder den gebotenen Abstand zueinander eingehalten würden. Jeder hat auf seinem kleinen Fleckchen Schulhof auf der Stelle zu treten und darf keinem der Freunde zu nahekommen. Auf Schritt und Tritt stehen die Schüler unter einer strengen Kontrolle. Und selbst den Lieblingslehrern dürfen sich die Kinder nicht mehr nähern. Die, die sonst der sichere Hafen waren, ihnen zur Seite standen und auf die sie zählen konnten, distanzieren sich nun von ihnen und entziehen sich ihnen körperlich und räumlich. Bindungsforscher Grossmann: „Bei Kindern gibt es keine engagierte Bildung ohne persönliche Bindung (…). Wenn man Bildung will, muss man sich auf Bindungen einlassen.“ (Die Bedeutung der Bindungstheorie für die Schule und den Unterricht Autor: Claus Koch, 2016), www.paedagogisches-institut-berlin.de (2020-04-27) Eine gute Lehrer-Schüler-Bindung fördert das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der Schüler, löst die Angst vor Unbekanntem und fördert die Neugierde. Doch gerade diese enge Bindung, die Kinder in diesem Alter benötigen, um gut lernen zu können, wird ihnen in der Corona-Schulsituation vehement verwehrt.

Welchen Schaden Kinder als Folge all dieser Erlebnisse nehmen, wird sich erst noch zeigen müssen. Klar ist, dass die Auswirkungen in ihrem Umfang nicht vorhersehbar sind, sich aber bereits deutlich abzeichnet, dass unsere Gesellschaft nicht nur mit fatalen wirtschaftlichen, sondern auch mit ebensolchen emotionalen und psychologischen Umbrüchen konfrontiert werden wird. Gerade in Phasen, die von Unsicherheit geprägt sind, brauchen Kinder Zuversicht, Sicherheit und Zuwendung. Die politisch Verantwortlichen entschieden sich aber für das genaue Gegenteil. Obwohl gerade hinsichtlich der Kinder die Wissenschaft einig zu sein scheint, dass sie als Überträger oder potenziell Erkrankte keine Rolle spielen, werden Kinder auf die furchtbarste Weise traumatisiert: es wird ihnen das Grundvertrauen in die Welt entzogen. Und ihre erwachsenen Begleiter werden entgegen jeder pädagogischen, psychologischen und empathischen Notwendigkeit gezwungen, ihnen das vorzuenthalten, was sie am dringendsten benötigen: Nähe.

Autor: Marianne Büsing

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