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60 Jahre Jim Knopf

60 Jahre Jim Knopf
Illustration: F.J. Tripp © Thienemann Verlag

Verbindendes Knopf-Prinzip versus verflixt und zugenähte Kritik


von Danny Klapper


Michael Ende hat sein ganzes Leben damit gehadert, dass er nicht als „echter“ Schriftsteller wahrgenommen wurde, sondern lediglich als Kinderbuchautor. So wenigstens will es seine Biografin Birgit Dankert wissen. 60 Jahre ist es her, seitdem der erste Jim-Knopf Roman veröffentlicht wurde. Das Jubiläum fand in der gesamten Presselandschaft ein breites Echo. Doch Michael Ende steht auch in diesem Jubiläumsjahr nicht als begnadeter Literat im Mittelpunkt. Im Gegenteil. Eine Rassismus-Debatte um sein erstes Buch ist entbrannt.

Jim Knopf – nicht mehr lesenswert?

„Jim Knopf wird leider noch oft gelesen“, so der Titel eines Interviews mit der Kita-Leiterin Christiane Kassama in ZEIT-ONLINE vom 23. Juli. In dem Interview bemängelt Kassama, dass der Roman viele Klischees zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen enthalte. Nahezu alle Presseartikel reproduzieren in ihren Jubiläumstexten im August die Rassismus-Vorwürfe. Im Ergebnis sind es Glückwünsche mit Einschränkung: Der Vorbehalt übersteigt die Freude. Der Makel des Rassismus klebt am Buch. Und die Gefahr ist nicht gering, dass zukünftige Elterngenerationen lieber die Hände von Jim Knopf lassen werden. 

Fix und fertige Kritik oder Plädoyer für einen lebendigen Leser
Die Verfasser der Jubiläumsartikel arbeiten vornehmlich mit zusammengeklaubten Versatzstücken. Eigene Gedanken zum Buch machen sich die Autoren jedenfalls kaum. Mut, Muße, Maß und Mühe fehlen. Das Buch ist „fertig“ gelesen, „fertig gemacht“, beurteilt und so tot wie die Diskussion darum. Dabei bietet „Jim Knopf“ alles, was Literatur haben muss, um eine lebendige, mitunter lebenslange Beziehung zu ihr aufbauen zu können. Doch dazu bedarf es lebendiger, beziehungsfähiger Leser.

Die kritische Lesart: Ideologiekritik als Ideologie
Als Schriftsteller hatte Michael Ende kein Glück. Seine Romane sind zu einer Zeit erschienen, als Fragen, was die Literatur eigentlich ausmacht, ins Hintertreffen geraten. Die heute alles bestimmende Frage lautet: „Wie kann der Leser vor der offenen oder unterschwelligen Ideologie des Autors oder seines Textes geschützt werden?“ Die Antwort der Nachkriegszeit auf die traumatischen Propagandaerfolge der Nazis bei einem Millionenpublikum war Kritik (1) und der daraus resultierende pädagogische Auftrag, Generationen von kritischen Lesern heranzuziehen. Eine mehr als legitime Antwort! Doch (Ideologie-)Kritik wird selbst zur Ideologie, wenn sie keine anderen Lesarten neben sich duldet. Sie bevormundet dann den Leser. Ihm wird die Chance genommen und das Vertrauen entzogen, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Kritik setzt so vor dem Verstehen an. 

Der Verlust eines literarischen Maßes

Im Falle von „Jim Knopf“ ist der Verlust eines literarischen Maßes besonders bedauerlich. Michael Ende ist die Anerkennung als „echter“ Schriftsteller bis heute versagt geblieben. Der wohl poetischste deutschsprachige Roman der Nachkriegszeit wartet immer noch darauf, literarisch entdeckt zu werden. Diese Entdeckungsreise anzutreten, lohnt sich. Poetische Lektüren eröffnen eine Welt. Zudem sind sie im Stande, die oft vorschnellen kritischen Urteile (wie den Rassismus-Vorwurf) zu entkräften.

Wer spricht? 
Besonderen Anstoß nehmen Kritiker von Endes Roman am Wort „Neger“. Dabei wird so getan, als ob das Wort Michael Ende gehöre. Selbst seine Verteidiger nehmen das implizit oft an, indem sie historisch argumentieren und zu bedenken geben, dass das Wort in der Zeit, als Michael Ende den Roman schrieb, noch nicht so bedenklich gewesen sei, beziehungsweise, dass das Bewusstsein für seine Bedenklichkeit gefehlt habe. Eine solche Argumentation kann in bestimmten Fällen berechtigt sein, ignoriert jedoch das eigentliche Versäumnis: Literatur sollte zuallererst wie Literatur gelesen werden und nicht wie eine Propagandaschrift. In ihr kommen im Gegensatz zur Propaganda immer mehrere Stimmen gleichberechtigt zu Wort. Michael Ende hat einen Erzähltext geschrieben. Wie jeder Erzähltext hat er einen Erzähler. Der Erzähler ist nicht der Autor. Der Erzähler in „Jim Knopf“ ist nicht Michael Ende. Michael Ende hat den Erzähler geschaffen. Für das Erzählen verantwortlich ist innerhalb der fiktiven Welt der Erzähler. Er liefert den Standpunkt, von dem aus das Geschehen innerhalb der fiktiven Welt betrachtet wird. Durch seine Brille schauen wir auf die Figuren, von denen er berichtet. Der Erzähler urteilt über die Figuren und die fiktive Welt. Die Figuren haben aber dennoch ihren eigenen Standpunkt. Die vermeintlich klischeehaften Urteile gehen also auf das Konto des Erzählers oder der Figuren und sie haben in Michael Endes Roman eine wichtige Funktion.

Herr Ärmel spricht
Das Wort „Neger“ kommt im Roman genau einmal vor! Und es gehört nicht Michael Ende, sondern Herrn Ärmel! „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“ Herr Ärmel ist der Untertan auf Lummerland. Auch jungen Lesern wird seine steife Untertanenmentalität nicht entgehen. Der Erzähler und alle anderen Figuren, darunter die Helden und Sympathieträger Lukas und Jim, nehmen das Wort kein einziges Mal in den Mund! Romane fällen keine Urteile. Sie sind auch keine Anklageschriften. In ihnen wird eine Welt vorgestellt, in denen die Stimmen und Handlungen der Erzähler sowie der Figuren gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Der Leser kann sich in die vorgestellte Welt, die Figuren und ihre Handlungen hineinversetzen und er kann über sie urteilen. Er kann also zugleich die Perspektive des Lebens und die des Urteilens einnehmen. Die beiden Perspektiven, die jeder Erzähltext enthält, halten sich gegenseitig in Schach und ermöglichen ein wesentlich tieferes, lebendigeres, der Ambivalenz der Lebenswirklichkeit gerechter werdendes Verstehen, als dies direkte, objektive Urteile (Kritik) vermochten.   

Klischees vs. Knopf-Prinzip

Die Kritiker von „Jim Knopf“ haben natürlich recht. Es gibt im Roman so einige klischeehafte Darstellungen. Sie sind sogar ausgesprochen auffällig und heben sich vom Rest des Textes ab. Etwa wenn der Erzähler über die Mandalanier (in frühen Ausgaben Chinesen) urteilt: „…die Mandalanier sind ein sehr sauberes Volk. Sie ziehen niemals etwas Schmutziges an und selbst der kleinste Mandalanier, der nur so groß ist, wie eine Erbse wäscht seine Wäsche jeden Tag…“. Sind diese Klischees, die hier kolportiert werden, die von Michael Ende, entsprechen sie gar seinem Chinabild? Natürlich nicht. Michael Ende legt diese Klischees dem Erzähler in den Mund. Und dies sicher nicht, um unterschwellig rassistische Äußerungen zu verbreiten. Sie stehen im auffälligen Gegensatz zu dem Prinzip, das den ganzen Roman bis in seine feinsten Verästelungen durchzieht – dem Knopf-Prinzip:

Auf der kleinen Insel Lummerland wohnen neben König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften der Lokomotivführer Lukas, die Ladenbesitzerin Frau Waas und Herr Ärmel. Eines Tages bringt der Postbote ein Paket. Darin befindet sich ein kleines schwarzes, namenloses Baby. Das Waisenkind bekommt von Lukas den Vornamen Jim. Frau Waas nimmt sich Jim liebevoll an und zieht ihn groß. Jim spielt ausgiebig und reißt sich dabei ständig die Hose auf. Frau Waas flickt das Loch wieder und wieder. Eines Tages kommt sie auf die Idee, die für den Roman eine Schlüsselszene darstellt: Sie näht einen Knopf an. Er erlaubt es, das Loch aufzuknöpfen, anstatt es einzureißen, und zuzuknöpfen, anstatt es wieder und wieder zuzunähen. Jim kommt so zu seinem Nachnamen und wird zu Jim Knopf. Dieses von Frau Waas erdachte Prinzip des Zuknöpfens und Aufknöpfens anstelle des Zunähens durchdringt als Analogie und Gegensatz den ganzen Roman. 

Verflixt und zugenäht
Geraten Jim und Lukas auf ihrer Abenteuerreise in scheinbar ausweglose, ja lebensbedrohliche Situationen, hören wir Lukas jedes Mal „Verflixt und zugenäht“ ausrufen. Das Verflixt und Zugenähte ist das Gegenteil des Knopf-Prinzips. Es ist das Geschlossene, Ausweglose, Unlebendige, dem Tode Verwandte. Kummerland ist verflixt und zugenäht! Es ist die geschlossene, „reinrassige“ Drachenstadt, in der Kinder gefangen gehalten werden und den Worten der Drachen-Lehrerin Frau Malzahn nicht widersprechen dürfen. Ja, auch Sprache kann verflixt und zugenäht sein, indem sie keine anderen Stimmen, keinen Widerspruch duldet und andere zu Objekten macht. Es ist die Sprache der Ideologie.

Das Knopf-Prinzip: Binden und Entbinden

Michael Endes Roman spricht eine andere Sprache. Es ist eine Sprache der Beziehungen. Man kommt ihr näher, indem man zwischen den Worten, Personen, Situationen und Handlungen Verbindungen herstellt. Auf diese Weise entbindet man die Sprache ihrer vermeintlich eindeutigen, objektiven Bedeutungen. Man wird ihr keinesfalls gerecht, indem man einzelne Worte, Personen, vermeintliche Klischees etc. isoliert, einschließt, sie „zunäht“ und einer objektivierenden Betrachtung unterzieht. Auch eine feministische Kritik versäumt es oft, den Beziehungen nachzugehen. So wurden die stereotypen Frauenrollen in Jim Knopf kritisiert: Frau Waas als behütendes Hausmütterchen. Li Si, die gerettete Prinzessin, die ein Waschbrett zur Verlobung geschenkt bekommt. Auch hier haben die Kritiker aus ihrer kritischen Perspektive wieder recht. Doch geht es in Romanen nicht ums Recht haben, sondern um Beziehungen. Frau Waas steht im Roman für das Prinzip, das Jim und Lukas ihre Abenteuer bestehen lässt. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes das allem übergeordnete Lebensprinzip. Jim Knopf hat es verinnerlicht. Es ist das Knopf-Prinzip, das Prinzip des Bindens und Entbindens. Jim Knopf handelt auf seinen Abenteuern nach dem Prinzip, dem er seinen Namen verdankt.(2) Das zeigt sich beispielsweise in folgenden Situationen:

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer befreien auf ihrer Abenteuerreise die Prinzessin Li Si aus den Fängen des Drachens Frau Malzahn. Anders als in den europäischen Drachentöter-Mythen töten sie den Drachen jedoch nicht, sondern fesseln (binden) ihn. Der Drache verwandelt sich allmählich in einen Goldenen Drachen der Weisheit (3). Jim und Lukas lassen ihn wieder frei (entbinden ihn). Bald erweist er ihnen durch geheimnisvolle Weissagungen wichtige Dienste:  „Du aber mein kleiner Gebieter, nachdem du sie [die Wilde 13] durch ihre eigene Kraft und ihre eigene Schwäche gebunden, entbindest sie ihres Irrtums“. Jim wird im weiteren Verlaufe die Wilde 13, die gefährliche Piratenbande fesseln (binden), sie jedoch nicht töten. Die Piraten wandeln sich daraufhin zu den Zwölf Unbesiegbaren (4). Jim lässt sie frei. 

Das Kristall der Ewigkeit:  Verbindung aus Feuer und Wasser 

Eine der größten Herausforderungen für Jim und Lukas auf ihrer Abenteuerreise ist es, den Meerwesen dabei zu helfen, das „Kristall der Ewigkeit“ wieder herstellen zu können. Das Meerwesen Uschaurischuum ist zwar im Besitz des Wissens, wie man das Kristall herstellt. Er kann es jedoch nicht alleine herstellen, sondern nur in Verbindung mit einem Feuerwesen. Das Problem: Feuer- und Wasserwesen sind seit tausend Jahren verfeindet. Wird es Jim und Lukas gelingen, die abgebrochene Verbindung zwischen Feuer- und Wasserwesen wieder herzustellen? Zur Verlobung (5) bekommt Jim von Prinzessin Li Si eine Pfeife geschenkt, Jim schenkt ihr ein Waschbrett. Feuer und Wasser! Nur ein Zufall? Nein! Lukas Lokomotive Emma: Feuer und Wasser! Wieder Zufall? Nein! Drachen: Feuer! Piraten: Wasser! Noch ein Zufall? Natürlich nicht! 

Es lohnt sich, auf vorschnelle Urteile zu verzichten und den Beziehungen in literarischen Texten nachzugehen. Dies kann mitunter eine Lebensaufgabe sein. Denn mit Texten von „echten“ Schriftstellern sind wir niemals fertig. Literatur ist wie der Kristall der Ewigkeit – unzerstörbar, ewig und transparent. Jim und Lukas verbinden die zwei Pole der Eisernen Klippen mit dem Kristall und bringen das dunkle Barbarische Meer zum Leuchten. Der Leser, der die Mühe des Verbindens auf sich nimmt, kann den Text zum Leuchten bringen. Alles in ihm macht dann Sinn.


Anmerkungen
(1) darunter die Dekonstruktion und die Diskursanalyse als die populärsten Kritiken
(2) Namen können in Endes Roman sowohl Vermächtnis als auch Verhängnis sein. Das Umbenennen (Entbinden-Binden) spielt eine wichtige Rolle, wie die Beispiele Drachen und Piraten zeigen!
(3) Dies erinnert an die asiatischen Drachenmythen.
(4) Sie werden zudem von der Last ihres falschen Namens entbunden.
(5) Loslösung von Frau Waas (Entbinden), Bindung an Prinzessin Li Si 


Danny Klapper: Der Autor, Pädagoge und Literaturwissenschaftler, hat in den vergangenen zehn Jahren als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) am Lehrstuhl für germanische Philologie der Taras-Schewtschenko-Universität Kiew gearbeitet. Zurzeit ist er als freier Übersetzer aus dem Russischen und Ukrainischen tätig.

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