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Ohne uns wird’s leise!

Ohne uns wird’s leise!

Was das Virus nicht schaffte, erledigte der Lockdown. Besonders betroffen: Kulturschaffende, Gastronomie und Einzelhandel.

„Ohne uns wird’s leise!“, sagen die Musikschaffenden, und erklären solidarisch mit Veranstaltern, Betreibern von Musikkneipen, Kleinkunstbühnen und anderen selbstständigen Ladeninhabern den Begriff „Systemrelevanz“ zum Unwort des Jahres 2020. Irgendjemand da oben maßt sich an, einstufen zu können, was „echte“ Kunst oder nur seichte Unterhaltung ist. Wieder einmal werden die „Kleinen“ gar nicht, oder nur unzulänglich bedacht. Behörden sind komplett überfordert. Ständig ändert sich etwas, Verunsicherung beginnt mit jedem Tag aufs Neue. Das Leben auf unserem Planeten ist aus den Fugen geraten. Das Vertrauen in die Politik und die Zukunft ist schwer angeschlagen. Wir leben alle noch unter demselben Himmel. Vom Horizont reden wir aber lieber nicht.


Georg Mikschel mit seiner Bluesband „Gruuf“ (Foto: Michael Buch – bluecobalt-photography.com)

Kein Open Air „Gut Sandbeck“ in OHZ

Georg Mikschl (1. von rechts) ist Gründer der Bluesband Gruuf aus Osterholz-Scharmbeck. Er und sein ehrenamtlich arbeitendes Team veranstalten aber auch das sehr erfolgreiche jährlich stattfindende Open-Air-Festival auf Gut Sandbeck. Auch wenn der Entzug der Proben und Live-Konzerte empfindlich weh tut, finanzielle Ausfälle sind für die Bandkollegen zu verschmerzen. Unter der Absage des Festivals leiden allerdings Bands, Gastronomen, Dienstleister und natürlich die Fans. Der entgangene Erlös fehlt zusätzlich dem „Verein für Musikalische Nachwuchsförderung“ bei der Finanzierung laufender und neuer Förderprojekte. Alle Formationen haben zwar erfreulicherweise für das nächste Jahr schon zugesagt, aber die Prognosen geben keinen Anlass zum Jubeln: Selbst, wenn ein Festival erlaubt wäre, unter Einhaltung der Regeln (1,5m Abstand) würden nur 100 Leute auf das Gelände passen.
www.gsoair.de
www.gruuf-bluesband.de


Beate Kühnau und Uwe Schmick. Blattlaus Bremerhaven und Tivoli.
Beate Kühnau und Uwe Schmick (Blattlaus und Tivoli, Bremerhaven)

Kein Licht am Ende des Covid-Tunnels

Die Gastronomen des „Tivoli“ und der „Blattlaus“ in der Gasstraße Uwe Schmick und Beate Kühnau (Inhaberin) sehen wenig hoffnungsvoll in die Zukunft. Es gab zwar finanzielle Unterstützung für die ersten drei Monate von der BiS, gedacht für den Ausfall von Umsätzen, die aber draufgingen für den Verlust bereits eingekaufter Waren, die aufgrund der abgelaufenen Mindesthaltbarkeit, entsorgt werden mussten. Diese Verluste sind nicht auffangbar. Schmick (früher „Pfefferkorn“) schloss zudem seinen Veranstaltungsservice, da alle Events (u.a. Deichbrand, Sail, Straßenfeste) für 2020 abgesagt wurden. Equipment, wie Zelte, Imbisswagen und dergleichen, mussten wieder abbestellt werden. Die ganze Arbeit im Vorfeld war also für die Katz. Nun hofft er, dass der Spuk bald vorbei ist, um ab November wieder durchstarten zu dürfen. Die „Blattlaus“ ist bereits wieder geöffnet.

Gasstraße 18 | 27568 Bremerhaven
www.blattlaus-bremerhaven.de


Jens Rillke. Alte Bürger Bremerhaven.
Jens Rillke (Quartiersmeister Alte Bürger)

Lockdown mit komplettem Ausfall

Die „Alte Bürger“ hat im Jahr etwa 280 Einzelveranstaltungen, vom Repair-Café bis zur Kunstausstellung. Seit dem 18. März mussten bis vor wenigen Wochen alle Veranstaltungen abgesagt werden. Mittlerweile haben zwar alle Gewerbe- und Gastronomie-Betriebe wieder geöffnet, allerdings mit starken Einschränkungen. Umsätze werden zur Zeit nur im Außenbereich gemacht. Die Einbußen sind nicht wieder auffangbar, auch wenn die Stadt für dieses Jahr die Gebühr der Außenbestuhlung erlassen hat, die Außengastro auf Parkflächen erweitert werden konnte und es eine Soforthilfe vom Bund gab. Die Umsatzeinbußen resultieren vor allem aus den kleinen Nebeneffekten der Großveranstaltungen, wenn, beispielsweise, das Restaurant vor der Kunstausstellung profitiert und die Kneipe danach. Es wird nun versucht, einzelne kleine Events in Absprache mit der Verwaltung stattfinden zu lassen.

www.diealtebuerger.de
www.afznet.de


Mark Ella und Susan Ella. Kubi Nord Bremerhaven.
Susan und Mark Ella vom Kubi Nord e.V. (Foto: Felix Schulke)

KuBi Nord – Einnahmen für gute Zwecke

KuBi Nord ist ein gemeinnütziger Verein. Alle Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig. Erklärtes Ziel ist es, Bremerhaven kulturell zu bereichern und die Kunst- und Kulturschaffenden zu fördern. Die Leidtragenden durch Covid-19 sind also vor allem die Künstlerinnen und Künstler und diejenigen, die sonst von den Spenden, zum Beispiel vom ausgefallenen Sommerfest, profitiert hätten. Wir haben für die nächsten (zunächst einmal Open-Air-) Veranstaltungen ein Hygienekonzept entwickelt, das unter anderem zusätzliche WCs und Händewaschmöglichkeiten beinhaltet. In der Werkstatt haben wir durch neue Türen und Fenster die Lüftungsmöglichkeiten maßgeblich verbessert. Hilfe von außen kommt durch das Kulturamt, das einen Zuschuss für zwei Außen-Kompost-Toiletten zusagte, und der benachbarte Burger-King hat sich an den Fenstern beteiligt. Es herrscht also Einigkeit: Kunst und Kultur sind systemrelevant.

KuBi Nord (Alberts Huus) 
An der Königsheide 17 | 27578 Bremerhaven
www.kubi-nord.de


Nicole Steffens von Mausbuch Bremerhaven
Nicole Steffens – Geschäftsinhaberin von Mausbuch in Bremerhaven

Buchhandlungen „nicht systemrelevant“?

Diese Einstufung hat Nicole Steffens (Inhaberin „Mausbuch“) nicht nur finanziell schwer getroffen und vor große Existenzängste gestellt, sie hat sie auch beleidigt. Ihr Vertrauen in die Politik ist in Schieflage geraten: Nichts ist so gekommen, wie es versprochen wurde. Eine Schließung von Buchhandlungen wäre nicht notwendig gewesen. Unkomplizierte und unbürokratische Bearbeitung von Anträgen? Ein ganz mieser Witz. Zum Betriebskonzept einer Buchhandlung gehören Veranstaltungen, von denen jetzt schon 70 flachfallen mussten. Ein zusätzlicher herber Verlust. Nicole Steffens hat auch während des Lockdowns im persönlichen Austausch mit ihren Kunden gestanden. Sie ist sich sicher, dass beim potentiellen Käufer eines Buches die vermittelnde Beratung durch Fachleute wichtig ist. Das kann das Internet nicht leisten. Die „Mausbuch“-Kunden sehen das ganz genauso und sind ihr treu geblieben. Dafür ist sie unendlich dankbar.

www.buchhandlung-mausbuch.de
Hafenstraße 81 | 27576 Bremerhaven


Kleinkunstbühne "Die 10ne"
Carsten Seedorff, Meike Petrikowski und Marie Hirschmeier von der Kleinkunstbühne „Die 10ne“

Vorhang auf – Vorhang zu – Kleinkunstbühne die 10ne e.V.

Groß war die Vorfreude der Gründungsmitglieder Marie Hirschmeier, Meike Petrikowski und Carsten Seedorff, als nach etwas mehr als einem halben Jahr harter Arbeit endlich der Öffnungstermin am 31. März im Kalender stand. Indes, der Staat wollte es anders. Hängende Köpfe gibt es bei dem 9-köpfigen, ehrenamtlich arbeitenden Team trotz fortlaufender Kosten trotzdem nicht. Sie haben eine wunderbare, kleine aber sehr feine Möglichkeit für Künstler aus dem Großraum Bremerhaven geschaffen, auf die sie stolz sein können. Eine Bühne mit modernster Technik für Musical, Theater, Solo-Musiker (auch mit akustischer Besetzung). Inzwischen zählt der Verein aktuell 22 Mitglieder, deren Blick zuversichtlich nach vorn geht, weil man nicht auf Einnahmen angewiesen ist und nach bisherigen Erfahrungen ein recht großes Interesse in der Öffentlichkeit besteht.

Kleinkunstbühne „die 10ne“
Lloydstraße 10 | 27568 Bremerhaven
www.kleinkunstbühne-die-10ne.de


Nicole Bagci – Inhaberin von "Station 6" in Bremerhaven
Nicole Bagci – Inhaberin von „Station 6“ in Bremerhaven

Maskenpflicht auch im „Station 6“-Salon

Für Nicole Bagci, Inhaberin des Friseursalons „Station 6“, sahen die ersten Schritte des Lockdowns am 21. März so aus: Kurzarbeit anmelden, Corona-Soforthilfe beantragen, Rechnungen stunden lassen und Ruhe bewahren. So locker sich das lesen mag, Existenzangst und die Befürchtung, ihr Personal wegen Kurzarbeit zu verlieren, auf das sie seit Jahren mit Recht stolz ist, ist ein Horror-Szenario für die Salon-Inhaberin – ein Szenario, das allgegenwärtig ist und sie sogar im Schlaf begleitet – der Gedanke an die Zukunft bei Wiedereröffnung nicht minder: Anpassung der Preise, untersagter Kaffee-Service, fehlendes Wohlfühlaroma. Maskenpflicht? Für erkrankte Menschen undenkbar. Welch anderer Kunde macht das mit? Weniger Menschen werden wegen ihrer Ängste und Verunsicherungen zu ihr kommen. Wie soll der Verlust je wieder aufgefangen werden? Seit dem 4. Mai ist „Station 6“ wieder geöffnet.

www.station6-bhv.de
Lloydstraße 35 | 27568 Bremerhaven


Jörg Göddert vom TiF Bremerhaven
Jörg Göddert vom TiF Bremerhaven (Foto: Manja Herrmann)

TiF – alles anders von heut auf morgen

Seit dem 12. März konnten keine Vorstellungen im Theater im Schaufenster Fischereihafen mehr durchgeführt werden. Ein Großteil der Vorstellungen wurde zum Teil in das Jahr 2021 verschoben, andere komplett abgesagt. Aktuell arbeitet das Team um Jörg Göddert an einem Konzept, damit im September wieder durchgestartet werden kann. Dazu gehört unter anderem ein neuer Saal-Plan, der für ca. 70 Besucher Platz bietet. Passend dazu wird derzeit das benötigte Hygienekonzept erstellt. Wie das dann alles funktioniert, wird der Neustart im September zeigen, aber wer weiß schon, was sich bis dahin noch alles ändert. Alle Beschäftigten haben das mitgetragen und tun es immer noch. Unterstützung gab es erfreulicherweise von Besuchern, Künstlern, dem Kulturamt und der Stadt Bremerhaven. So bleibt erst einmal nur der Wunsch offen: Ein ausverkauftes Haus mit ausgelassener Stimmung im TiF.

www.tif-bremerhaven.de


Mike Bach – Komponist, Keyborder, Produzent
Mike Bach – Komponist, Keyborder, Produzent (Foto: Mike Bach)

Kleines Glück am Rande der Pandemie

Vier Monate ohne Konzerte, ein Ende nicht in Sicht, das ist für Live-Musiker wie Mike Bach (Komponist, Keyboarder, Produzent) ein herber finanzieller Verlust, den er nur durch einen Nebenjob im Hafen ein wenig kompensieren kann. Nicht nur die Gagen, GEMA Tantiemen fallen ebenfalls flach. Die angekündigten staatlichen Hilfsmaßnahmen für „kleine“ Künstler, trotz akribisch ausgefüllter Formulare mit unzähligen Seiten und Nachweisdokumenten, sind ausgeblieben. Ein einziges Versagen. Mikes Gattin (Krankenschwester) und sein Sohn (Lebensmittelverkauf) haben mit ihren Einkommen die Familie über Wasser gehalten. Er selbst hat während des Lockdowns nach dem schweren Job im Hafen in seinem Home Recording Studio neue Titel erarbeitet, und mit etwas Glück wird das Studio-33 auf Mallorca einen seiner mit den Kollegen gemeinsam erarbeiteten Titel für DJ Ötzi produzieren.

www.mikebach-musik.de

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