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Wem gehört die Kunst? Stehen Europas Museen bald leer?

Wem gehört die Kunst? Stehen Europas Museen bald leer?

Ein Krieger und seine Begleiter (Messingguss, 16. und 17. Jh., Teil des Königspalastes in Benin Stadt, Nigeria) Foto: Everett-Art/shutterstock.com

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom und Autor Felwine Sarr wurden 2018 vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron damit beauftragt, die Möglichkeiten und Kriterien der Rückgabe von kolonialen Kulturgütern französischer Museen an afrikanische Länder auszuarbeiten. Das hat seinen Grund, denn ungefähr 90 Prozent des materiellen afrikanischen Kulturerbes befindet sich in westlichen Museen. Der 240 Seiten starke Abschlussbericht der französischen Untersuchung liegt nun unter dem Titel „Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes. Für eine neue relationale Ethik“ vor. Die Autoren sprechen darin Empfehlungen aus, wie man mit Raubkunst aus der kolonialen Zeit umgehen sollte. Kritiker fürchten den vermeintlichen Exodus westlicher, ethnologischer Museen, falls sie den Großteil ihrer Sammlungsbestände zurückgeben müssen.

Der Bericht fordert die sofortige Rückgabe aller Objekte, die rechtswidrig entwendet wurden, lediglich Objekte, deren legitimer Erwerb dokumentiert wurde, dürfen bleiben. Zunächst einmal geht es nicht ausschließlich um Kunstobjekte. „Es handelt sich bei den Gegenständen nicht nur um Kunst, sondern es geht vielfach um Alltagsgegenstände sowie zum Beispiel um kulturell sensible Grabbeigaben und menschliche Überreste, wobei letztere einen immateriellen Wert für das Herkunftsland haben“, sagt die Direktorin des Übersee-Museums in Bremen Wiebke Ahrndt. Auch das Übersee-Museum arbeitet gerade seinen Bestand auf und erforscht in Kooperation mit der Universität Hamburg die Herkunft ihrer Afrika-Sammlung aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Und auch das Berliner Humboldt-Forum, aus deren Expertenbeirat Savoy ausgetreten ist und somit die Diskussion um koloniale Raubkunst entfachte, beherbergt viele Kulturgüter aus Afrika, deren Herkunft ungeklärt oder problematisch ist. Bis heute gibt es allerdings noch kein Konzept, wie das Forum mit der ethnologischen Sammlung und dem ihr anhaftenden Erbe umgehen wird und ob das Thema eventuell im Ausstellungskontext überhaupt berücksichtigt werden soll.

In dem Artikel „Restitution von Raubkunst“ in der Süddeutschen Zeitung (21.11.2018) kommt der Autor Jörg Häntzschel zu dem Schluss, dass die Debatte bisher wenig produktiv war: „Während die Politik die Aufgabe hat, moralische Appelle auszusprechen, sollen die Museen praktische Schritte einleiten, die natürlich wenig Interesse daran haben ihren ‚Besitz‘ zu verlieren und wiederum auf Vorgaben höherer Instanzen warten“, schreibt er. So dreht sich die Diskussion bisher im Kreis, ohne dass es einen Konsens über den Umgang mit ethnologischen Sammlungen aus der Kolonialzeit gibt.

Der Umgang mit Raubkunst

Bei der 1998 beschlossenen Washingtoner Erklärung geht es um Raubkunst, die während der Zeit des Nationalsozialismus entwendet wurde. 44 Staaten haben dieses Abkommen unterzeichnet. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich, Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, in ihren Beständen ausfindig zu machen, deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen und faire und gerechte Lösungen zu finden. Aber schon vor den Nazis wurden Kulturgüter geraubt. Während der Kolonialzeit gelangten viele Objekte aus den Kolonien nach Europa. Allen voran nach Deutschland, England und Frankreich. Diese Gegenstände wurden allerdings nicht immer geraubt, sondern sind auch zum Teil diplomatische Schenkungen. Diesen Umstand gilt es zu untersuchen. Provenienzforschung ist sehr zeit- und ressourcenaufwendig, gerade weil die Herkunft und der Weg der Exponate nicht immer oder nur unzureichend dokumentiert sind.

Die Provenienzforschung – auch Provenienzrecherche, Provenienzerschließung oder Herkunftsforschung) widmet sich der Geschichte der Herkunft (Provenienz) von Kunstwerken und Kulturgütern. Sie wird als Teildisziplin der Geschichte beziehungsweise Kunstgeschichte verstanden.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Provenienzforschung

Sollte nun die Forschung zu der Erkenntnis gelangen, dass Gegenstände unrechtmäßig oder auf unethische Art und Weise entwendet wurden, wären die Besitzer verpflichtet, das Herkunftsland zu informieren, woraus dann eventuelle Restitutionsforderungen entstehen könnten. Zusammenfassend ist Provenienzforschung auch ein Mittel gegen ausgelöschte Erinnerung, stellen Savoy und Sarr fest. Denn viele junge Afrikaner wissen nichts von ihrem kulturellen Erbe und viele junge Europäer wissen gar nicht, wie diese ganzen exotischen Dinge überhaupt in die Museen gelangt sind. Somit arbeitet die Erforschung der Herkunft der Objekte gleichzeitig auch gegen das Vergessen der Vergangenheit.

Dialog auf Augenhöhe

Ein interessanter Fall zeigt die kulturellen Differenzen im Umgang mit den Restitutionsforderungen. In Samoa gehen die Menschen davon aus, dass nicht nur Lebewesen, sondern auch Gegenstände eine Seele besitzen. Nach ihrer Ansicht wohnen die Objekte da, wo sie sich gerade befinden. Deshalb fordern sie diese auch nicht zurück. Sie wünschen sich aber, dass die Exponate dazu benutzt werden, um auf die Einflüsse des Klimawandels auf die ozeanischen Inseln aufmerksam machen. Samoa fürchtet um seine wirtschaftliche und kulturelle Existenz, da der Anstieg des Meeresspiegels und vermehrte Taifune das Land und seine Bevölkerung gefährden. Die Samoanische Regierung hofft so, die Weltbevölkerung für ihre missliche Lage zu sensibilisieren, berichtet Wiebke Ahrndt.

Afrikanische Kulturgüter in westlichen Museen erzählen eine Geschichte, die mit Raub und Gewalt, einer diplomatischen Schenkung oder anderen Umständen verbunden ist. Allerdings ist „die Geschichte der Objekte nicht isoliert. Es ist nicht mehr nur unsere oder ihre Geschichte, sondern mittlerweile eine gemeinsame“, sagt die Ethnologin. Die Geschichte des Gegenstands ist nunmehr nicht nur mit dem Herkunftsland verbunden, sondern auch mit dem Land, in dem es sich befindet. Ein Beispiel dafür, wie man mit der gemeinsamen Geschichte umgehen kann, zeigt das Ausstellungskonzept für die Bronzen aus dem ehemaligen afrikanischen Königreich Benin, die 1897 von den Briten geraubt wurden. Die nigerianische Regierung möchte, dass die Objekte zwischen verschiedenen Standorten wechseln. So soll ein ständiger Austausch zwischen den Ländern entstehen, bei dem die Bronzen zwischen Nigeria und anderen Ländern zirkulieren. Allerdings sind die Besitzverhältnisse alles andere als ungeklärt. Zurzeit liegen die nämlich noch bei den europäischen Museen. Eine Leihgabe an Nigeria würde die postkolonialen Machtverhältnisse erneut abbilden – und so eine temporäre Restitution wäre doch irgendwie paradox, stellen auch Savoy und Sarr in ihrem Bericht fest. „Ehemalige Machtverhältnisse müssen beendet werden, um einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Wenn sich aus diesem dann rotierende Dauerleihgaben als Lösung ergeben, so ist dies zu akzeptieren“, fordert die Direktorin des Übersee-Museums und warnt davor, Restitutionen falsch zu verstehen, nämlich als einzigen Weg der Wiedergutmachung. (bg)

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