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RAUSLÄNDER AUS!

RAUSLÄNDER AUS!

Das Letzte – die Kolumne, die sich in der LAUFPASS-Print-Ausgabe immer auf der letzten Seite befindet.

Dass sich das stolze Volk der Briten der Lächerlichkeit preisgibt, ist traurig. Dass der Austritt aus der Europäischen Union den Anlass dafür gibt, ist tragisch. Und dennoch können alle europäischen Nationen und Kulturen und Sprachgemeinschaften und Nachbarn und Freunde daraus sehr viel lernen. Vor allem eine Lektion gilt es zu verinnerlichen:

Die nationalistischen Antieuropäer machen den Menschen weis, es sei ein Vorteil, nicht mehr Mitglied der starken Wirtschafts- und Wertegemeinschaft Europas zu sein. Sie behaupten, Europa gefährde die Identität der Nationen und die Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Das Gegenteil ist der Fall: Mitglied in der Europäischen Union zu sein, bedeutet nicht den Verlust der kulturellen Identität eines Landes, eines Volkes, einer Nation, einer Kultur – welche Perspektive auch immer man bei der Betrachtung einnehmen mag. Aus der EU auszutreten, heißt, sich aus dem Staatenverbund zu verabschieden, nicht aus Europa. Die Briten bleiben Europäer. Geographisch, historisch, kulturell.

Die EU ändert wenig an den Merkmalen, welche die Identität eines Mitgliedsstaates ausmachen. Die Briten behalten ihr Land, ihre Küche, ihre Queen, ihre regionalen Spezialitäten, ihre kulturell-historischen Bezüge, den ganzen Reichtum einer langen (und demokratischen) Geschichte. Nicht umsonst, ist der Leitspruch der EU: „In Vielfalt geeint“.

Sie verlieren aber die Einbettung in eine Gemeinschaft, die die Interessen ihrer Mitglieder fördert und damit gerade jene Kraft, die ihre Eigenständigkeit auf der Identitätsebene sicherstellt. Das gilt umso mehr, als wirtschaftliche Stärke erforderlich ist, um eine freie gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung zu ermöglichen. Wie sehr eine isolierte Nation an wirtschaftlicher Bedeutung verliert, erfuhren die Briten nicht zuletzt, als sie versuchten, die europäischen Handelsabkommen durch eigene Abkommen zu ersetzen. Nahezu alle Verhandlungspartner (und EU-Vertragspartner) winkten ab oder machten den Briten Angebote, mit denen sie sich massiv verschlechtern werden. 

Teil der EU zu sein, bedeutet eben auch Teil einer starken Gemeinschaft von Nationen zu sein. Wenn die EU als großer und starker Wirtschaftsraum mit anderen Verbünden oder den Weltmächten USA, China und Russland verhandelt, ist die Verhandlungsposition eine ganz andere als die einer einzelnen Nation.

Die Behauptung, die EU-Mitgliedschaft zerstöre die Nation, ist demagogisch und Teil pseudonationalistischer Bewegungen. In einer globalisierten Welt mit sich verschiebenden Machtverteilungen und zum Teil unberechenbaren Spielern auf dem weltpolitischen Tableau bietet allein die EU den Europäern Sicherheit, Aussicht auf wirtschaftliche Stabilität und soziokulturelle Entwicklungsfreiheit. Die wertvollste Erfahrung aus dem Brexit-Prozess lautet:

Die Nationalisten zerstören ihre Nationen.

Wer sein Land beschützen will, kann den rechten Parteien seine Stimme nicht geben. Dass ein Staatenverbund wie die EU auf Kompromissen basiert, ist Teil des guten Geschäftes. Das ist überall so. Mit Freunden, der Familie, den Nachbarn. Machen wir es in Europa auch so. Das hat sich bewährt. (Victor Conradt)

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