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Ich erinnere mich – von George B. Miller

Ich erinnere mich – von George B. Miller

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.

Die schönste Art und Weise mit der Zeit umzugehen ist für mich immer die, wenn ich bei dem was ich tue nie das Gefühl habe, ich versäume etwas. Seele baumeln lassen. Gitarren George und ich haben uns zur Regeneration der Kreativwaben, Angeln in freier Wildbahn als Kompensation auserkoren. Die örtlichen Hafenbecken lassen wir schnell wieder sausen, weil hässliche und ungenießbare Wollhandkrabben blitzschnell den Köder samt Vorfach von der Schnur zwacken. Am Fluss nervt das ungesunde Brummen der Telegrafenmasten. Wir angeln, um zu entspannen. Da treffen wir unseren Freund Rejdar Nitz, einen gebürtigen Norweger, vor seiner Boutique in der Rickmersstraße. „Wenn ihr in meiner alten Heimat mit dem Auto an einem Fjord haltet, den Kofferraum aufmacht, der Lachs eure Peitschen sieht, dann springt er freiwillig rein.“ Wir wissen derzeit allerdings so wenig über dieses Metier wie der Tintenfisch über Füllfederhalter. Deshalb entfachen Rejdars Worte unsere Fantasie aufs Heftigste. Da müssen wir hin. 

Sam Volkmar, eingefleischter Wolfsmond Getreuer, hat Bock auf Skandinavien, wilde Natur und George und mich. Er wird uns 180km mitten rein ins Land nach Hovden fahren. Fische interessieren ihn weniger. Zwei Tage vor Abfahrt erstehe ich für -200,-  DM Pilker, Wobbler und sonstiges Geschirr, nebst einem illustrierten Fachbuch über Forellen. Zwei verwirrende Doppelseiten über farbige Fliegen für verschiedene Jahreszeiten. Ich weiß nichts über Fliegen und denke, je teurer und bunter der Köder, desto größer die Chance, etwas an den Haken zu kriegen. Bloß nicht am falschen Ende sparen, schließlich geht es um die Königsdisziplin. „Wir werden in Norwegen ausnahmslos Fisch essen“, verabschieden wir uns von unseren Lieben, „deshalb nehmen wir nur den Sack Kartoffeln mit.“ 

Die ½ Gallone Jack Daniels, eigentlich gedacht für romantische Lagerfeuer-Abende, leeren wir schon vor Dänemark auf dem Weg zur Fähre nach Norwegen aus ängstlicher Unwissenheit vorm Zoll. Das preiswerte, für eine Woche gebuchte Holzhäuschen hat zwar kein Warmwasser, kein Badezimmer und keinen Strom, ist aber wunderschön in der Nähe einer idyllischen Bucht gelegen. Nur der magische Duft norwegischer Schafspisse fehlt irgendwie. Macht nix. Wir ziehen sofort los, um im riesigen See hinterm Haus unser Abendessen zu fangen. Ich verliere am seichten, steinigen Ufer durch elende Widersacher schon mal gleich fast die Hälfte meiner kostspieligen Angelutensilien. Wirklich zu dämlich von mir. „Wir brauchen unbedingt ein Boot“, konstatiere ich. „Wir müssen unbedingt woanders hinfahren“, erwidert George. In meinem Buch steht, Forellen lieben sauerstoffhaltiges Wasser. Mehr konnte ich in der kurzen Zeit nicht herauslesen. Wir finden einen Wasserfall mit einer Brücke davor, von der wir unsere Ruten auswerfen können. Mein Kumpel knotet ein Wurf-Blei an seine Fliege, das natürlich samt Köder sofort untergeht und erschrockene Flossentiere mitleidig hinterher schauen lässt. Unter uns am Ufer sitzt ein alter Mann, der fast mit jedem Wurf seiner gewachsten Schnur einen Fisch rausholt. Nach einer Stunde kommt er mit seinem Eimer in der Hand über die Brücke: “Ihr könnt nach Hause gehen, Jungs, ich hab sie alle. Grüßt mir die Heimat!“ Das ist enttäuschend. Ich muss rauchen und frage Sam, ob er meine Angel kurz halten kann. Als er sie mir wieder in die Hand drückt, zappelt eine Forelle dran. 

Abends gibt es Bratkartoffeln mit Rührei, weil der Fisch noch nicht soweit ist. Waschen, Zähneputzen an jedem Morgen geht nur im nahe gelegenen eiskalten Bach vorm Haus. Herrlich erfrischend und abenteuerlich. Erst wundere ich mich noch, weshalb George und Sam ihre Körperpflege oberhalb des leichten Gefälles von mir vornehmen. Am nächsten Morgen bin ich als Erster beim Waschen. Kein Fjord schenkt uns Lachs, der Bach zufällig die eine einzige Forelle, kein Fluss eine weitere Flosse. Abends gibt es Bratkartoffeln ohne Rührei. Eier müssen wir erst im Supermarkt kaufen. Dort entdeckt George eingeschweißte, tiefgefrorene Heilbutt-Schwänze. Da wir der Sprache des Landes nicht mächtig sind, kann niemand mit „gepökelt“ auf dem Etikett etwas anfangen. Der Koch salzt nach. Gut, dass wir an Eier gedacht haben. Eine Kiste Lettøl (Lagerbier) der höchsten Stärke 3 soll Trost spenden. Von 3 muss man lediglich mehr pinkeln als von 1, und nur durch heroisches Gib-Kante-Leeren der Flasche kommt überhaupt irgendeine Wirkung zustande. Gut, dass George seine Gitarre dabei hat. Ich könnte jetzt einen Elch verdrücken. 

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