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„Freiräume schaffen“ – im Porträt: Anne Schmeckies

„Freiräume schaffen“ – im Porträt: Anne Schmeckies

Foto: LAUFPASS

Das Bremerhavener Goethequartier im Herbst. Die Sonne scheint. Das Goethefest ist im vollen Gange. Vom nahegelegenen Leher Pausenhof hallen Musik und Kinderlachen durch die Straßen. An diesem Tag ist der oft titulierte „ärmste Stadtteil Deutschlands“ anders, als er in vielen Medien in den vergangenen Jahren dargestellt wurde. Von grauer Tristesse ist nichts zu spüren. Lehe ist lebendig und bunt. Das liegt an den Menschen, die hier leben und arbeiten – und etwas bewegen wollen. Menschen wie Anne Schmeckies.

Wir haben uns vor der Goethe 45, gegenüber der Kneipe „Die kleine Hexe“, verabredet. Ein Haus, das seit 2013 als kultureller Treffpunkt, für alle die kreativ sein wollen, entstanden ist. Anne Schmeckies öffnet die Tür, begrüßt mich herzlich und führt mich direkt durch die Ausstellungsräume der Galerie. Sie legt Wert aufs Detail. „Die ehemalige Wohnung im Erdgeschoss wurde in ihren Urzustand versetzt“ erzählt sie. Die Böden wurden wieder hergerichtet und die Fliesen mit Blümchenmuster an den Wänden des Eingangsbereichs sind noch immer dieselben wie zu der Zeit, als das Haus entstand. Einige der Fliesen fehlen allerdings noch. Sie werden bald von neuen, extra dafür angefertigten, ergänzt. Die Bilder der kommenden Ausstellung des Graffiti-Künstlers INDEX aus Freiburg sind noch nicht aufgehängt und stehen an den Wänden angelehnt in den Räumen. 

Dann führt sie mich ins Atelier des Kunstvereins Bremerhaven. Dieser Raum ist durch die Fensterfassade von der Straße sichtbar, ein weiterer Eingang führt direkt von der Straße hinein. Der Raum ist ein öffentlicher Ort für alle, die gern kreativ sein möchten. Viele Workshops und Kunstaktionen finden hier statt und sollen insbesondere Anwohner und deren Kinder zu kreativem Schaffen einladen, sagt Schmeckies. 

„Eine Art Freiraum der Zivilgesellschaft“

Wir sind schnell beim „Du“. „Das macht es angenehmer“, sagt sie. Mein passiver Status als „Fragensteller“ endet rasch, als sie mich einbezieht. Aus dem Interview wird somit ein anregendes Gespräch – schnell merkt man: Anne Schmeckies möchte jedem auf Augenhöhe begegnen, von Hierarchien hält sie nichts. „Die Goethe ist ein Ort der Begegnung und der Kooperation“, erklärt sie mir. „Eine Art Freiraum der Zivilgesellschaft.“ Die Menschen sollen sich als Mitgestalter im gesellschaftlichen Geschehen und der Stadtentwicklung begreifen und ihr mögliches Handlungspotential entdecken und ausschöpfen. Man erkennt ein Motiv, das all ihr Tun durchdringt: Das Prinzip vom Teilen und Geben.

Ihre frühe Vita fasst sie kurz und bündig zusammen, bevor sie zu den Dingen kommt, für die sie wirklich brennt. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau und Marketing-Assistentin bei einer Tochtergesellschaft von Unilever studierte sie Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Politik an der Universität Bremen. Danach war sie als Studienrätin und UNESCO-Koordinatorin an den KLA – Schulen für Wirtschaft und Verwaltung – UNESCO Schule tätig.

Das Bild zeigt Anne Schmeckies

Ein Faible für die Hip-Hop Kultur

Ihr großes Interesse für Kunst ermöglichte es ihr, zunächst als Assistentin des Bremerhavener Ausstellungsmachers Jürgen Wesseler in der Kunsthalle Bremerhaven das Kuratieren zu lernen. Hier stellte sie ab 1984 unter anderem Arbeiten von Andy Warhols Assistenten aus und wurde später Mitglied im Vorstand des Kunstvereins. Ihr zivilgesellschaftliches Engagement beschränkt sich aber nicht nur auf etablierte Institutionen, sondern auch auf die Straße. „Ich hatte schon immer ein Faible für die Hip-Hop Kultur“, offenbart sie. 

In den 90ern erstarkte der aus Amerika importierte Hip-Hop auch in Deutschland. Dabei fand die Szene großen Anklang bei den Jugendlichen in der Seestadt, die sich zunehmend mit Graffiti und Rap Ausdruck verschafften. Als zu dieser Zeit der deutsche Sprechgesang noch nicht im Mainstream angekommen war, organisierte Anne Schmeckies bereits erste Konzerte im alten Stadtbad. Neben der Musik hat sie aber noch eine weitere Leidenschaft: das Graffiti. Während sie bei den Konzerten eher hinter der Bühne fungierte, wurde sie unter dem Pseudonym „Cyba“ selbst zum Akteur und stand Wache für andere Sprayer, während diese Züge bemalten. „So sind sie doch viel schöner“, sagt sie lachend.   

„Das Goethequartier hat Charme. Es erinnert im Moment viele BesucherInnen an Berlin. Es ist lebendig dort. Die Menschen reden miteinander und ein Gruß kommt munter von den Lippen.“

Besonders der Aspekt der Zugänglichkeit fasziniert sie. Jeder, der sich ein Aufnahmegerät, einen Plattenspieler oder Spraydosen besorgt, kann sich ohne eine teure Ausbildung und ganz autonom eigene Freiräume erschließen und der Kreativität in allen Formen freien Lauf lassen. „Ich mag vor allem das Ungezähmte an dieser Kunstform“, erzählt sie begeistert. Die Hip Hop-Kultur besteht aus verschiedenen Elementen. Dabei ist, neben den Grundsäulen DJing, MCing, Breakdancing und Graffiti, vor allem die letzte besonders wichtig für sie: Consciousness – Bewusstsein, das Einheitsgefühl, das alle Menschen verbindet, die weltweit daran teilhaben.

Genau diese Verbindung findet sich auch in der Arbeit der EachOneTeachOne-Crew wieder. Zu den drei Gründungsmitgliedern zählt auch Anne Schmeckies. Dabei handelt es sich um ein Kollektiv aus Künstlern, Musikern, Tänzern und Kulturschaffenden, das sich international engagiert. In der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung beschäftigt sich die Gruppe momentan mit dem Thema #11: Stadtentwicklung. Das Projekt „Art & Culture Make The World Go’ Round“ bringt verschiedene Akteure aus der Kulturachse Bremerhaven und Kapstadt zusammen. Hier entsteht ein reger Austausch zwischen den Kontinenten, der Performances, Konzerte, Workshops, Ausstellungen, Modeschauen, Poesie, soziale Projekte und viele weitere Aktionen umfasst. 

Seit 2013 kuratiert Schmeckies Ausstellungen in der Galerie Goethe 45 in Lehe, die sich mittlerweile als ein Knotenpunkt der kreativen Stadtteilarbeit etabliert hat. Und als „ein Ort der Begegnung und des Austauschs zwischen Künstlern und Einwohnern“ dient, fügt sie hinzu. Von hier aus arbeiten mehrere Künstler, auch im Außenraum. In der „Goethe45-Open-Air-Gallery“, in der Brache Uhlandstraße 19, entstehen immer wieder spannende Graffiti-Arbeiten, die ein vielseitiges und vor allem vielschichtiges Ambiente für das bunte Lehe schaffen. Nach unserem Gespräch lädt sie mich auf einen Spaziergang durchs Goethequartier ein. Die letzten Sonnenstrahlen im September scheinen aufs Viertel. Man merkt: Hier fühlt sie sich wohl – und genau deshalb ist ein Ende ihrer Arbeit noch lange nicht in Sicht: „Im Goethequartier werde ich mit Ausstellungen und Events weiter zur Entwicklung des Stadtteils beitragen, um Freiräume für junge Talente zu schaffen“, sagt sie. 

Bei diesem enormen Tatendrang stellt sich letztendlich die Frage, was den Menschen antreibt, der hinter all diesem sozialen Engagement steckt? Lächelnd antwortet Schmeckies: „Die Motivation scheint so etwas wie eine Lebensaufgabe zu sein. Ich schätze mich sehr glücklich, immer sinnerfüllend tätig zu sein und andere daran teilhaben zu lassen.“ (bg)

http://goethe-45.de/

https://www.facebook.com/goethe45/

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