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Verwaltet, vergessen, verstorben

Verwaltet, vergessen, verstorben
Foto: DeVisu/shutterstock.com

Der unwürdige Umgang mit der ‚Risikogruppe‘



„Der Mensch ist Zeit und Ewigkeit in einem Leib“ sagte Jacob Böhme.
Erinnern wir uns an die Menschlichkeit und das was Menschsein ausmacht. 


Ich bin seit über 20 Jahren Krankenschwester. Nach den Repressalien und Denunziationen nach meiner Demo-Teilnahme in Berlin traue ich mich nicht mehr, meinen Namen öffentlich zu nennen. So mutig bin ich leider nicht. Ich habe Kinder und bin auf meinen Job angewiesen. Ich habe beruflich ausschließlich mit der sogenannten „Risikogruppe“ zu tun. Die 3 Patienten, welche ich hier kurz vorstellen möchte, stehen exemplarisch für die vielen anderen Patienten, die mir Woche für Woche begegnen. 

Frau A., 85 Jahre, krebskrank, alleinstehend. 

Die meisten Verwandten leben weiter weg. Ihren 85. Geburtstag im April hatte sie lange geplant und sich sehr darauf gefreut, Restaurant gebucht, Freunde und Verwandte eingeladen – fällt aus – Lockdown – weder Enkel noch Urenkel kommen zum Gratulieren, die Oma soll nicht angesteckt werden. Sie verbringt ihren 85. Geburtstag mit ihrer Tochter. Die Umarmung fällt aus, man weiß ja nicht so genau… vorsichtshalber. Kuchen gibt es keinen, im April ist Mehl nicht zu kriegen. Es gibt Kekse. Frau A. hat vor Corona jede Woche zweimal Sport gemacht und sich einmal pro Woche zum Kaffeeklatsch in der Kirche getroffen. Seit März ist alles abgesagt. Frau A. verlässt die Wohnung selten, die Tochter kauft ein – zur Sicherheit. Außerdem bekommt Frau A. unter der Maske sehr schlecht Luft und ihr wird schwindelig. Abnehmen mag sie die Maske nicht, sie hat Angst vor Corona und den Kommentaren ihrer Mitmenschen. Langweilig sei alles und einsam, sagt sie. Keine Kontakte, kaum Bewegung. Nur das Telefon.


Frau B. 86, Jahre. 

Ende letzten Jahres zog sie aus einer anderen Stadt ins Heim in die Nähe der Kinder. Ihr Haus musste sie im April verkaufen. Frau B. fällt das schwer, sie ist traurig. Dazu kommt ein Bandscheibenvorfall, sie muss ins Krankenhaus und wird operiert. Besuche sind nicht erwünscht und nach dem Krankenhaus sind erst einmal 14 Tage Quarantäne im Heim auszuhalten – sicherheitshalber. Die Tochter darf nicht kommen. Gegessen wird auf dem Zimmer – alleine – der Speisesaal ist zu – zur Vorsicht. Dann darf die Tochter kommen. Mit Maske und Abstand und einer Plexiglasscheibe dazwischen. Frau B. hat immer noch Schmerzen und ist betrübt über den Verkauf des Hauses. An das Zimmer im Heim hat sie sich noch nicht gewöhnt. Alle Veranstaltungen und gemeinschaftlichen Aktivitäten im Heim fallen aus. Frau B. weint, die Tochter sagt, sie würde die Mutter so gerne mal in den Arm nehmen – es findet nicht satt – Vorschriften – sicher ist sicher. Frau B. weint erneut, als sie mir die Geschichte erzählt. Ich muss schlucken und bekomme plötzlich durch die Maske noch schlechter Luft als sonst und weiß nicht recht, was ich sagen soll.


Herr C. , 84 Jahre, krebskrank, alleinstehend. 

Als er schwer erkrankte, versorgt ihn seine Lebensgefährtin. Dann stirbt sie Ende letzten Jahres überraschend. Anfang 2020 muss Herr C. ins Heim, es geht nicht mehr alleine. Herr C. liegt alleine in seinem Zimmer, der Fernseher ist aus. Er kann oder mag kein Fernsehen mehr sehen. Die Vorhänge sind zugezogen. Rausgehen ist schwierig, alleine kaum möglich und Außenkontakte sind nicht erwünscht. „Sie lassen uns ja kaum raus.“ Er starrt die Wand an, hat Schmerzen, die Kinder dürfen kaum kommen. Nur einer für eine Stunde, die Enkel und Urenkel kommen gar nicht, winken nur einmal zu Ostern durch das Fenster, anfassen nicht erlaubt – zu Beginn der Pandemie mit Begleitung des Pflegepersonals – Bekannte kommen gar nicht – aus Angst – Ansteckungen – Vorsichtsmaßnahme. Herr C. ist verzweifelt, hat „keine Lust mehr“. Starrt die Wand an, weint fast. Ich gebe ihm noch nicht einmal die Hand – keine Handschuhe an – darf ich nicht – Händegeben nicht erwünscht und Coronagruß mit dem Ellenbogen passt nicht. Ich fühle einen Kloß im Hals und höre mich etwas von „komischen Zeiten“ reden.


Komische Zeiten, mir fallen Fragen ein: Möchte ich so alt werden? Würden mir Telefonate mit den Angehörigen reichen? Am Lebensende wenn es mir schlecht geht? Möchte ich alleine in meinem Zimmer alt werden? Wenn meine Familie und meine Freunde nicht mehr in den Arm genommen werden dürfen, ohne Berührung, wenn ich leide. Was ist das Leben wert, wenn am Ende die Menschlichkeit draufgeht? Im Krieg, in den größten Schlachten werden die verwundeten und verletzten Soldaten hinter die Frontlinie gezogen, damit keiner alleine sterben muss. Ist es richtig und unausweichlich, die Schwerstkranken alleine zu lassen? 

Ist Gesundheit als Wert absolut? Ist der Wert Gesundheit höherwertiger als Freiheit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit? Gibt es noch andere Werte als Gesundheit, die wichtig wären, und schließt die Entscheidung für einen Wert die anderen aus? Ist das Maß überschritten oder ist alles noch verhältnismäßig? Worum geht es im Leben? Welche Werte sind mir wichtig?

Alle wollen die „Risikogruppe“ schützen, aber wurde die jemals gefragt, ob die geschützt werden wollen? Und wenn ja, zu welchem Preis? Und wäre es möglich, dass jeder die Verantwortung für sich übernimmt und selbst entscheidet?

Das Grundproblem: Es trifft unsere Kultur so hart, weil wir mit dem Tod nicht mehr umgehen können. Sterben gehört zu Leben und das haben wir verlernt. Man kann mit dem Tod seinen Frieden machen, der Tod kommt auch als Freund. Wir können das Leben nicht unendlich in die Länge ziehen. Aber es gibt kein Wissen mehr über das Leben, weil wir das Ende nicht sehen wollen. Wir ahnen nur das Ende, nicht aber den Anfang.

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