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Ernüchterung!

Ernüchterung!
Foto: Jaz_Online/shutterstock.com

Sogar Datum und Uhrzeit sind mir bekannt. Es war der 29. August 2020, 23.15 Uhr.


Der Autor ist als Fotograf national und international tätig. Er ist der Redaktion persönlich bekannt. Seine Identität schützen wir, um seine Existenz nicht zu gefährden.


In ARD und ZDF sah ich die Abendberichterstattung und nach der ersten Minute des Beitrags zur Anti-Corona-Demonstration in Berlin am selbigen Tag brach mein vorhandenes Urvertrauen zum Journalismus und seiner Aufgabe als 4. Macht einer demokratischen Gesellschaft vollständig zusammen.

Die Nachrichtenmedien in Deutschland, sowohl im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen als auch in einigen Printerzeugnissen (Spiegel, Stern, Die Zeit, FAZ, Süddeutsche,…), waren über Jahrzehnte Informationskanäle, die ich nie in Frage gestellt habe, in die ich ein unerschütterliches Vertrauen setzte. Das entsprang nicht etwa kindlicher Naivität, sondern hatte durchaus ein Fundament, da ich mehr als zehn Jahre als Fotojournalist für die Printmedien gearbeitet habe. Und trotz aller Skandale (man erinnere sich an den Stern und die gefälschten „Hitler Tagebücher“) und Boulevardjournalismus habe ich viele Journalisten und Chefredakteure kennengelernt, die ein echtes Berufsethos hatten, wenn es um so etwas wie Wahrhaftigkeit oder umfassende Berichterstattung ging. Eine eigene Meinung oder Sichtweise hinderte sie nicht daran, diese aufzugeben, wenn die Fakten eine andere Sprache sprachen. Und was alle gemeinsam hatten, war eine gesunde Portion Misstrauen gegenüber den Mächtigen und ihren Entscheidungen.

Die „Neuerfindung“ der Informationsquellen, sei es Twitter, Facebook oder auch Youtube, zeichnete sich für mich vor allem durch eine rasante Beschleunigung der Informationsweitergabe aus, die leider dem Wahrheitsgehalt und der sorgfältigen Überprüfung der Information nicht dienlich war, weshalb sie von mir eher ignoriert wurden.

Deshalb hielt ich mich noch mehr an meine mir vertrauten Informationskanäle und fühlte mich gut informiert. Die ersten Zweifel kamen mit der Berichterstattung über den letzten US-Wahlkampf auf – wie konnten gute Journalisten übersehen, was mit der amerikanischen Seele los war? Chancenlos sei er, hieß es noch in der Nacht in den Sondersendungen – am nächsten Tag erwachten wir mit einem Präsidenten Trump als Sieger.

Auch die Klimadebatte verstörte mich und hinterließ Fragezeichen – warum wird jedem Weltuntergangsszenario hinterhergelaufen, jede noch so absurde Idee zur Weltenrettung durch uns (Deutschland) glorifiziert, obwohl ihre Umsetzung durch unser kleines Land höchstens im niedrigen Promille-Bereich etwas verändert? Das jahrzehntelange Vertrauen wurde zwar angezählt, blieb aber auf seinen Beinen stehen und hatte in mir nach wie vor eine starke Stimme.

Auch Corona und seine Folgen und die Medienberichte darüber triggerten bei mir zuerst die offensichtlichen Punkte – Särge aus Bergamo, zugeschweißte Türen in Wuhan, Kühllaster in New York. Ich weiß ja aus Berufserfahrung, wie Bilder funktionieren, trotzdem funktionierte es auch bei mir. Eine Hinterfragung der Berichterstattung fand erst mal nicht statt, ich ließ alles rein, was ich an Informationen aus meinen Quellen bekam, wischte sogar die Momente weg, wo eigenes Nachdenken in zweifelnde Situationen führte – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Bis zum 29.8.2020 

Besuch der Anti-Corona-Demo in Berlin. Nicht um mit zu demonstrieren, nein, nicht mit denen, nur um mal zu schauen, welche „Kranke und Faschos“ da mitlaufen.

Und der erste Eindruck bestätigte gleich meine Meinung: Vor dem Reichstag stießen wir auf eine Gruppe von geschätzt 200 Leuten, Rednerpult, Reichskriegsflaggen, unerträgliches Verschwörungsgelaber. Keine fünf Minuten zu ertragen, deshalb weiter zum Brandenburger Tor, noch mehr Vorurteile bestätigen – was aber nicht funktionierte!

Das waren keine Faschos oder geistig verwirrte Typen. Da demonstrierten zum großen Teil ganz friedlich Familien, Normalbürger, Friedensgruppen. Ein paar versprengte Reichskriegsflaggen aber im Vergleich zu den geschätzt 100.000 Leuten verschwindend bis kaum wahrnehmbar. Die Mischung war irritierend, wo demonstrieren schon AFDler und Linke miteinander oder Gutbürgerliche (man könnte auch Spießer sagen) mit LGBT-Anhängern?

Bei der Abschlusskundgebung an der „Goldelse“ war ich wieder überrascht von der Friedlichkeit und Kooperationsbereitschaft mit der Polizei. Nach jeder Rede, in denen es viel um eine neue Verfassung ging und Kritik an der Entmachtung des Parlaments, wurden die Zuhörer aufgefordert, die nötigen Abstände wiederherzustellen, weil sonst die Auflösung der Veranstaltung drohe – und die Leute hielten sich brav daran. Das sollten alles Verschwörungstheoretiker und Verwirrte – bestenfalls Naive – sein, die sich von Faschisten instrumentalisieren lassen?

Um 23.15 Uhr gaben mir die Tagesthemen genau diese Information. „Sturm!“ auf den Reichstag war der Aufmacher. Was will man damit erreichen, wenn man dieses geschichtsbelastete Gebäude, das Adolf Hitler schon für seine Machterweiterung missbraucht hatte (Reichstagsbrand), so in die Berichterstattung einzubinden? Danach wurden die anderen (zahlenmäßig auf 40.000 reduzierten) sofort in die Mitverantwortung genommen („muss man sich halt überlegen, mit wem man zusammen demonstriert“), es wurden latent aggressive Momente gezeigt, Interviews mit esoterischen Menschen, die sich vor der Kamera um Kopf und Kragen redeten, weil sie den Suggestivfragen von „Profijournalisten“ aufgesessen waren. Es war alles Mögliche, aber keine Sekunde die Veranstaltung, die ich miterlebt hatte.

Ich mag keine Vereinfachungen, ich finde den Begriff „Lügenpresse“ ziemlich dumm, aber ich verstehe jetzt, warum er in der Welt ist. Der Journalismus, wie ich ihn kannte und wie ich ihn mir immer noch wünsche, scheint kaum noch zu existieren. Er scheint ersetzt zu werden von einer Art Traum, den der „gute“ Journalist von heute umsetzen möchte (man könnte auch Ideologie dazu sagen). Was nicht ins Weltbild passt, wird ignoriert oder niedergeschrieben.

Neugier auf das, was in der Welt ist, wird ersetzt durch die eigene, für richtig befundene Weltsicht, die leider oft der privilegierten Sicht eines gut situierten Stadtmenschen entspricht – frei von materiellen Nöten und Existenzängsten, sitzend auf dem Schoß der Mächtigen, entfremdet von dem sogenannten kleinen Mann auf der Straße.

Kurt Tucholsky rotiert gerade mächtig in seiner Ruhestätte. Und ich? Ich Versuche, andere Quellen zu finden, immer misstrauisch, immer recherchierend, wo die Information herkommt, wer sich hinter der Website verbirgt. Versuche, Zahlen zu interpretieren, Statistiken zu lesen. Mühsam, zeitraubend, aber auch erhellend und stärkend. 

Doch ich gebe es zu: Lieber wäre mir, wenn ich das Vertrauen in den Journalismus nicht verloren hätte. Schade!

1 Kommentar

  1. Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Ich war am 7.11. in Leipzig und meine Erlebnisse hatten nichts mit der Berichterstattung der Medien zu tun. Das sie alles falsch darstellen war mir aber schon vorher klar. Mit Wut, aber auch Ohnmacht sehe ich wie die Medien die Wirklichkeit verdrehen. Sehr, sehr viele Menschen glauben diese Darstellungen. Es gibt schon Witze, welche sich über die Dummheit der Querdenker lustig machen. Was ist das für ein Land geworden.

    A. Steudner

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