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Vor einem Vierteljahrhundert: Glücksspiel AIDS-Test

Vor einem Vierteljahrhundert: Glücksspiel AIDS-Test

Foto: Photo Kozyr / Shutterstock.com

von Wolfgang Jeschke

Die Geschichte wiederholt sich. Erreger, Seuche, Angst, Testen, Impfen oder Therapieren, Diskriminieren, Absondern, Milliarden verdienen, Millionen verunglimpfen – in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts waren es die Homosexuellen und Drogenkonsumenten. Das Muster ist immer ähnlich – die Gesellschaft wird gespalten, Menschengruppen werden ausgegrenzt und die Pharmaindustrie verdient viel Geld. Eine Reise in die Vergangenheit. Diesen Artikel schrieb ich 1993 für die damals in Hamburg erscheinende Wochenzeitung „Die Woche“.

Eine neue Studie beweist: HIV-Diagnosen taugen wenig„Positiv“ muss kein Todesurteil, „negativ” kein Freibrief sein. Die Forschung kann wieder von vorn anfangen.

Sechs Millionen Mal im Jahre wird in Deutschland der AIDS-Test gemacht. Eine Routineuntersuchung für die Labors, eine Woche Unsicherheit für die diejenigen, deren Blut mit den HIV-Antikörper-Test geprüft wird. Die Folgen des Urteils „HIV positiv” treten lange vor Ausbruch der gefürchteten Immunschwäche ein: Die Angst, von Freunden geschnitten zu werden, vom Partner verlassen zu werden; die Furcht vor Siechtum und sicherem Tod.

Eine in der amerikanischen Fachzeitschrift “Bio/Technology Research” erschienene Studie stellt nun jahrelang geglaubte Gewissheiten in Frage. Wichtigste Erkenntnis: Die Antikörper-Tests messen nicht das, was sie messen sollten: die HIV-Infektion. Sie reagieren auch bei Personen, die eine Tuberkulose überstanden oder Serum-Injektionen bekommen haben. Die Konsequenz: Nicht jeder, der auf den Test anspricht, muss tatsächlich mit AIDS rechnen. Und weiter: Da es bisher noch nie gelungen ist, das als AIDS-Erreger geltende Virus HIV vollständig zu isolieren, sind Zweifel über den Zusammenhang von HIV-Fragmenten im Blut und dem Ausbruch des Syndroms angebracht. Bei vielen an AIDS-Symptomen Erkrankten fehlen solch HIV-Fragmente; im Blut von Gesunden wiederum waren sie nachzuweisen.

Die neue Studie australischer Wissenschaftler ist kein Werk von Außenseitern. Die weltweit führenden AIDS-Forscher vom Pasteur-Institut in Paris haben sie vor Veröffentlichung überprüft. In den USA und England wird die Arbeit heiß diskutiert. Hierzulande beschäftigen sich die AIDS-Experten mit Tests, die in Frankreich wegen mangelnder Empfindlichkeit zurückgezogen wurden. Die prinzipiellen Zweifel an der Test-Methodik ignorieren sie bislang. Meinrad Koch, Leiter des Aidszentrums beim Bundesgesundheitsamt: „Ich kenne die Studie nicht.” Alfred Häsin, früher Direktor des Schweizer Blutspendedienstes, ahnt, warum das „AIDS-Establishment” die brisanten Ergebnisse ausblendet: „Wenn das zur Diskussion kommt, wird das ziemliche Wellen schlagen.” Das Thema ist medizinisch und ökonomisch brisant. Für HIV-Antikörpertests zahlen Krankenkassen über 100 Millionen Mark im Jahr. Aus den Zweifeln an ihrer Zuverlässigkeit ergeben sich neue Fragen an die AIDS-Forschung – nicht nur für HIV-Positive.

AIDS-Tests: untauglich – eine australische Studie stellt Theorie und Diagnose der HIV-Infektion in Frage

Die australische Medizin-Physikerin Eleni Papadopulos-Eleopulos vom Royal Perth Hospital dürfte mit ihrer Veröffentlichung in der renommierten Wissenschaftszeitschrift „Bio/Technology Research” für Furore sorgen. Sie nahm die bisher verfügbaren Studien über die gängigen AIDS-Tests unter die Lupe. Das Ergebnis ist brisant: Die beiden gebräuchlichsten Testmethoden sind unsicher. Wer als „HIV-positiv” abgestempelt ist, kann Opfer eines Fehlers in der Testmethodik sein.

Die heute routinemäßig angewandten Nachweisverfahren einer HIV-Infektion sind die Tests „Elisa” und „Western Blot” (siehe Kasten). Sie sollen Antikörper gegen das AIDS-Virus HIV (Human Immunodeficiency Virus) im Blut aufspüren. Allein der Elisa-Test wird in Deutschland jährlich rund sechs Millionen Mal durchgeführt. In der Hälfte der Fälle bei Blutspenden; seit die Krankenkassen die Kosten übernehmen häufig auch bei anderen Routineuntersuchungen.

Elisa galt schon länger als nur mäßig treffsicher. Wie unsicher der Test ist, untermauert die australische Wissenschaftlergruppe an zwei Beispielen: 1990 hatten in Russland 20 000 Menschen einen positiven Elisa-Befund. Der als Kontrollstandard verwandte Western Blot bestätigte dieses positive Test-Ergebnis nur 112 mal. 1991 waren es 66 Übereinstimmungen in rund 30 000 Fällen.

Fällt der Elisa-Test positiv aus, wird er zur Sicherheit meist wiederholt und mit einem Western-Blot-Test verglichen. Ein positiver Befund dabei wurde bisher als Beweis einer HIV-Infektion angesehen. Mit allen Konsequenzen: Isolation, Angst vor dem Ausbruch des Syndroms, Angst vor dem sicheren und qualvollen Tod.

Seit Eleni Papdopulos-Eleopulos mit ihren Kollegen Valendar F. Turner und John M. Papdimitrios die Zuverlässigkeit der Verfahren untersuchte, ist auch diese Sicherheit erschüttert: die Gruppe fand Fälle mit positiven Ergebnissen bei Menschen, die mit großer Sicherheit gesund sind. Es gab Fälle mit negativen Ergebnissen bei akut Aidskranken. Und sogar solche, bei denen das Blut an einem Tag HIV-positiv und am anderen Tag HIV-negativ reagiert.

Das zwingende wissenschaftliche Kriterium einer Wiederholbarkeit von Versuchen und Tests erwies sich bei den HIV-Antikörpertests als in vielen Fällen nicht erfüllt. Verschiedene “HIV-positive” und “HIV-negative Proben” (Quality-control-plasma) wurden an führende amerikanische Labors gesandt. Das Ergebnis: Gleiche positive Proben wurden unterschiedlich beurteilt. Und von 101 versandten negativen Proben reagierten 37 im Western-Blot-Test.

Das Auftreten der Biologisch Falsch Positiven (BFPs), also Menschen, die aufgrund ihrer Krankengeschichte oder individueller biologischer Merkmale positiv reagieren, obwohl sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht infiziert sind, wurde bereits bei anderen Krankheiten registriert, so bei der Syphilis. Bei gesunden Amazonas-Indianern, die zuvor nie Zivilisationskontakt hatten, lagen die Positivquoten je nach Region zwischen drei und dreizehn Prozent.

Zum Teil lassen sich Fehldiagnosen darauf zurückführen, dass die Tests auch auf nicht HIV-spezifische Proteine reagieren. So fanden sich bei einem von 150 gesunden Menschen Antikörper gegen das angeblich HIV-spezifische Protein p24. Verantwortlich sind Kreuzreaktionen, in denen Antikörper gegen andere Krankheiten zu einem positiven Testergebnis führen. Bei einigen nicht zum AIDS-Bild gehörenden Krankheiten scheint das besonders häufig vorzukommen: Bei Personen mit Malaria-Antikörper reagierten über 25 Prozent, bei Patienten mit multipler Sklerose 41 Prozent, bei Patienten mit Lungentuberkulose sogar über 50 Prozent auf p24. Mittlerweile wird vermutet, dass BFPs einen großen Teil der HIV-Positiven ausmachen.

Auch Seren, die zur Therapie injiziert werden, können die Testergebnisse beeinflussen. Eleni Eleopulos schildert das am Beispiel einer Behandlung mit einem HIV-negativen Spender-Serum: Vor der Injektion reagierten die Antikörper-Tests gar nicht, nach der zweiten Injektion reagierte der Elisa-Test ganz schwach, nach der dritten dann auch der Blot-Test, nach der fünften beide erheblich.

Folgt man den australischen Autoren, können diese Tatsachen zweierlei bedeuten: Entweder sind die verfügbaren Tests nicht spezifisch genug, oder HIV allein verursacht kein AIDS.

Das Dilemma der Mediziner ist offensichtlich. Wenn sogar dieselbe Blutprobe verschiedene Ergebnisse erbring, wie sollen sie dann eine Infektion diagnostizieren? Als Indikator für den endgültigen Ausbruch der Krankheit galt bislang die verminderte Anzahl der CD-4-Helferzellen (auch T4-Helferzellen genannt). Doch selbst das hat sich als unsicher erwiesen: Es starben Menschen an eindeutigen AIDS-Symptomen, ohne einen CD-4-Zellenmangel zu haben. Andere, deren CD-4-Zellen-Niveau extrem niedrig ist, erfreuen sich dagegen bester Gesundheit.

Bis heute ist nicht klar, wie viele der positiv getesteten Menschen ein Erkrankungsrisiko haben. Untersuchungen der Psychosomatik und der Psychoneuroimmunologie zeigen, dass Menschen, denen der Stempel „positiv” aufgedrückt wird, allein aufgrund der psychischen Belastung Krankheitssymptome ausprägen können – unter anderem einen massiven Abfall der CD-4-Zellen.

Als sogenannter „Gold Standard” zur sicheren Kontrolle der unsicheren Vortests bleibe nur der Nachweis des HI-Virus selbst. Als erfolgreiche Isolation wird normalerweise die Loslösung des Virus von jeglichen Teilchen verstanden. Die Isolation des ganzen HI-Virus ist noch nie gelungen. In seinem Fall müssen sich die Wissenschaftler mit dem Nachweis von Teilchen begnügen; noch sind nur Abschnitte von Erbinformationen bekannt, die den HI-Viren zugerechnet werden. Ob sie Teile eines Ganzen sind, ist nicht bewiesen. Schwierigkeiten bestehen in der Verunreinigung der Proben mit anderen Partikeln, Zellresten, Proteinstrukturen oder ähnlicher, aber nicht HIV-eigener Erbsubstanz an DNS oder RNS.

Es gibt zwar auch andere Retroviren, die nicht bis ins letzte Detail bekannt sind, an deren Existenz aber nicht gezweifelt wird, beispielsweise das Hepatitis-B-Virus. Trotzdem bleibt der Einwand bestehen, dass HIV bislang nichts anderes ist als eine Ansammlung von Fragmenten, die als HIV bezeichnet werden. Dabei ist es noch nicht geglückt, bei allen HIV-Positiven solche Fragmente überhaupt zu finden. Bei vielen akut Aidskranken kann überhaupt kein HIV-Genom nachgewiesen werden. Die unvollkommene „HIV-Isolation” kann aber umgekehrt auch bei gesunden Menschen erreicht werden. Eleopulos weist darauf hin, dass das amerikanische Center für Desease Control bereits 1988 feststellte, dass es keine Verbindung zwischen einem positiven Antikörpertest und gelungener HIV-Isolation gibt.

Bestätigen nachfolgende Untersuchungen die Erkenntnisse, ist eine Neubewertung des HIV-AIDS-Gefüges unumgänglich. Für Eleopulos steht fest: Die Antikörpertests Western Blot und Elisa sind keine geeigneten Mittel zur individuellen Infektionsdiagnose oder zur Erhebung epidemiologischer HIV-Daten. Das heißt wiederum nicht, dass sie völlig unbrauchbar wären: Sie stellen immerhin Antikörper gegen eine Struktur fest, wie sie unter anderem auch bei angenommenen HIV-Proteinen vorkommt.

Die tödlichen Gleichungen „HIV-positiv = Infektion, Infektion = AIDS, AIDS = Tod” gelten nicht mehr. Auch die Ausbreitung der „Seuche“ in Afrika spricht nicht gegen die Ergebnisse der Studie. Dort gründet die AIDS-Diagnose allein auf klinischem Befund, basierend auf einer kontinent-spezifischen Definition der Weltgesundheitsbehörde WHO. Danach ist „aidskrank“, wer unterernährt, durchfallkrank, fiebernd ist und einige Seitensymptome aufweist. Eine Definition, die angesichts der Situation der meisten afrikanischen Länder eher zynisch ist. Deshalb empfahl das amerikanische Center für Desease Control die Einführung des Elisa-Tests in Afrika. Was die Gewissheit nach den vorliegenden Erkenntnissen nicht vergrößern dürfte.

Als Bilanz ihrer Erkenntnisse halten die australischen Wissenschaftler fest: „… wir schließen, dass der Gebrauch von HIV-Antikörpertests als zukunftsweisendes diagnostisches und epidemiologisches Werkzeug bei HIV-Infektionen sorgfältig überdacht werden muss.” Eine vorsichtige Formulierung, wie in Wissenschaftskreisen üblich. Die Konsequenzen reichen jedoch weit. Dabei geht es schon lange nicht mehr um die Frage einer Epidemie. Nach der Statistik des Bundesgesundheitsamtes leiden oder litten in Deutschland nach dem Stand von Ende letzten Jahres 9 205 Menschen am unerklärten Syndrom. Mediziner sprechen bei solchen Zahlen von einer „medizinischen Rarität”, denn das jährliche Erkrankungsrisiko ist kleiner als 1 : 90 0000.

Und wenn auf die Antikörpertests kein Verlass ist, entfallen auch viele Schlüsse und Prognosen, die man aus ihrer bisherigen Anwendung gezogen hat. Das Thesen-Gebäude, welches um AIDS gebaut wurde, steht ohne die Testzahlen auf wackeligen Fundamenten. Denn eines scheint sicher: Ein positiver Test ist keineswegs immer ein negatives Omen, sondern oft ein fataler Irrtum.

Positiv und negativ ist relativ

Anmerkung des Verfassers: Erkennen Sie die Parallelen? Dieser Artikel erschien 1993 in der Wochenzeitung DIE WOCHE, damals das liberale Pendant der ZEIT. Er zeigt viele Parallelen zur Gegenwart auf. Seitdem verfolgt der Wissenschaftsjournalist die sich wiederholenden Ereignisse für deutschsprachige Zeitungen und medizinische Informationsdienste: unter den „großen Seuchen“ die bekannten BSE, SARS, MERS, Vogelgrippe, Schweinegrippe. Bei jedem medizinischen Großereignis von „pandemischem“ Ausmaß zeigte sich, dass Prognosen, Tests, Therapien, politische Entscheidungen und moralische Bewertungen die Interessen der Wirtschaft oder der jeweils meinungsdominierenden Teile der Gesellschaft bedienten. Nur langsam schälen sich nach dem immer gleichen panischen Eifer und dem großen Geschäft jeweils edivenzbasierte Lösungen aus dem Nebel der Ereignisse und der Hysterie. Heute, 30 Jahre nach dem Ausbruch von HIV/AIDS, ist die Lebenserwartung Betroffener nicht geringer als bei anderen Menschen2. Massive Probleme in der Diagnostik bestehen aber immer noch, wie ein Bericht1 des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung aus dem Januar 2019 belegt. Wir haben viel gelernt seit 1993 – insbesondere über die Qualität und Bedeutung von Testergebnissen.

Auch in der aktuellen Corona-Krise spielt die Aussagefähigkeit von Tests eine wesentliche Rolle. Hier sind es die Ergebnisse der mittlerweile über 600 verschiedenen, nicht wissenschaftlich validierten, nicht standardisierten und nicht für die klinische Diagnostik zugelassenen PCR-Tests, die über Leben und Tod entscheiden (603 gemeldete Tests in Deutschland3) und über die wirtschaftliche und gesundheitliche Existenz von Milliarden Menschen auf der Erde. Und das, obwohl jedem Wissenschaftler bekannt ist, dass ein positiver PCR-Test keine Aussage darüber zulässt, ob ein Mensch ansteckend ist, denn dazu müsste er Träger von lebendigem, vermehrungsfähigen Virusmaterials sein. Und genau das kann ein PCR-Test nicht nachweisen. „Positiv“ bedeutet bei einem PCR-Test eben nicht ansteckend, nicht krank.

Unstatistik des Monats: „Sie sind wahrscheinlich HIV-Positiv“

8. Januar 2019 www.unstatistik.de

Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. Das Motto lautete im Jahr 2018 „Know your status“. Ziel ist, dass bis zum Jahr 2020 90 Prozent aller Menschen ihren Immunstatus kennen. Seit Oktober dürfen dazu in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Man muss nur die Gebrauchsanweisung lesen, mit einer Lanzette die Haut an der Fingerspitze durchstechen und das Blut in ein Teströhrchen füllen. Dann wartet man 10 bis 15 Minuten und erhält schließlich das Ergebnis: positiv oder negativ. Leider wird aber nicht verständlich erklärt, was das Ergebnis bedeutet. Das wäre jedoch insbesondere für alle diejenigen wichtig, die ohne Arzt einen HIV-Selbsttest durchführen.

Angenommen, man möchte seinen Status wissen und bestellt online den von der Deutschen AIDS-Hilfe empfohlenen „autotest VIH“, der mit dem CE-Prüfzeichen der EU versehen ist, welches die Eignung für Laien bestätigt (www.autotest-sante.com). Das Testergebnis fällt positiv aus. Man liest in der Gebrauchsanweisung nach, was es bedeutet. Dort steht: „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv.“ Der gleiche Wortlaut findet sich bei anderen zertifizierten Schnelltests wie „INSTI“ und „Exacto“. Ist ein positiver Test ein Todesurteil? Wie wahrscheinlich ist wahrscheinlich? Viele Menschen denken, das bedeutet, eher infiziert zu sein als nicht. Die Gebrauchsanweisung gibt zusätzlich auch in Zahlen an wie gut der Test ist: Sensitivität: 100%, Spezifität: 99,8%.  

Von 13 Personen mit positivem HIV-Test ist nur eine infiziert

Die Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person positiv testet, falls sie HIV-infiziert ist. Die Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person negativ testet, falls sie nicht HIV-infiziert ist. In anderen Worten, die Falsch-Alarm-Rate beträgt nur 0,2%. Diese beeindruckende Genauigkeit beweist also, dass ein positives Ergebnis so gut wie sicher ist. So scheint es.

Wie hoch ist nun wirklich die Wahrscheinlichkeit HIV-infiziert zu sein, wenn ein positives Testergebnis vorliegt? Diese ist nicht 100% und auch nicht 99,8%. Sie ist auch nicht in der Gebrauchsanweisung zu finden, noch wird dort erklärt, wie man sie bestimmen könnte.

Eine Überschlagsrechnung kann die Antwort geben. In Deutschland leben laut dem Statistischen Bundesamt etwa 69 Millionen Menschen, die älter als 18 Jahre sind. Von ihnen sind geschätzt etwa 11.400 infiziert, ohne es zu wissen: davon 2.700 durch heterosexuelle Kontakte, die anderen durch Sex zwischen Männern oder intravenösem Drogengebrauch (www.rki.de). Von je 6.000 Deutschen ist also etwa einer infiziert (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser wird mit Sicherheit (100 Prozent) positiv testen. Unter den 5.999 Personen, welche nicht infiziert sind, erwarten wir jedoch weitere 12, die ebenfalls positiv testen. Das folgt aus der Falsch-Alarm-Rate von 0,2 Prozent. Das heißt, von insgesamt 13 Personen, die positiv testen, ist nur einer tatsächlich infiziert ist. „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv“ bedeutet also, dass die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 8 Prozent liegt, dass man infiziert ist. Anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit beträgt 92 Prozent, dass man nicht infiziert ist, wenn man im Schnelltest positiv testet. Bei Heterosexuellen ohne Risikoverhalten, dem größten Teil der Deutschen, ist die Wahrscheinlichkeit infiziert zu sein nochmals deutlich kleiner, sie liegt unter 5 Prozent.

Verständliche Aufklärung rettet Leben

Die Gebrauchsanweisung sagt, dass man sich bei einem positiven Test so schnell wie möglich an einen Arzt wenden soll. Das ist sinnvoll. Nur zeigen Studien in Deutschland, dass beispielsweise die Mehrzahl der AIDS-Berater an Gesundheitsämtern selbst nicht gelernt haben, Gesundheitsstatistiken zu verstehen und glauben, dass es keine „Falsch-Positive“ gäbe (europepmc.org/abstract/med/26149159). Deshalb wäre es umso wichtiger, in der Kommunikation und vor allem in der Gebrauchsanweisung klar zu sagen, was ein positives Ergebnis im Schnelltest wirklich bedeutet. In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen ­­­– obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren ­– um Stigma und sozialer Diskriminierung zu entgehen, die immer noch mit AIDS verbunden sind.

HIV-Schnelltests können sinnvoll sein. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört aber, den Menschen verständlich zu erklären, was ein positives Testergebnis wirklich bedeutet.

1https://www.mpib-berlin.mpg.de/unstatistik-hiv-positiv

2https://www.aidshilfe.de/meldung/fast-normale-lebenserwartung-menschen-hiv-dank-medizinischem-fortschritt

3www.laufpass.com/coronadoks/Angezeigte-Tests-zum-neuartigen-Coronavirus-SARS-CoV-2-in-Deutschland.pdf

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