Seite auswählen

Wo ist die erste Welle?

Wo ist die erste Welle?

Foto: whiteMocca/shutterstock.com

Spurensuche in den Daten des RKIs und des Statistischen Bundesamtes


von Victor Conradt


Seit Monaten traktieren die Medien uns mit numerischen und grafischen Bedrohungsszenarien. Es wird dabei eine Scheinwirklichkeit konstruiert, welche die Angst vor Ansteckung, Krankheit und Tod bef√∂rdert und uns glauben l√§sst, die drakonischen Ma√ünahmen und insbesondere die Grundrechtsverweigerung seien Notwendigkeiten im ‚ÄěKampf gegen die Pandemie‚Äú. Doch was sehen wir wirklich, wenn wir auf die Dashboards des RKIs und die Grafiken von destatis.de schauen?

Die Wichtigste vorweg: Wir sehen immer kumulative Zahlen, das hei√üt ‚Äěaufh√§ufende‚Äú Zahlen. Dabei entstehen naturgem√§√ü wachsende Summen. Die kumulative Z√§hlweise f√ľhrt immer zu einem ungebremsten Anstieg ‚Äď gleichg√ľltig, was hier gez√§hlt wird. Selbst als seit Mai die Zahl der Todesf√§lle pro Tag massiv zur√ľckging, stiegen die Zahlen in der kumulativen Z√§hlung nat√ľrlich weiter. W√§ren Sterbezahlen r√ľckl√§ufig, h√§tten wir ein Zombie-Problem. Das kumulative Z√§hlen der ‚ÄěF√§lle‚Äú, die nie Erkrankte waren, nie Ansteckungsf√§hige waren, sondern nur positive Testergebnisse, erzeugte auch ein bedrohliches Bild. Nat√ľrlich steigen auch hier die Zahlen ‚Äď wie sollte es auch anders sein? Eine differenzierte Z√§hlweise blieb uns unser Krisenmanagement schuldig. Diese Z√§hlweise h√§tte beschreiben m√ľssen:

Wie viele Menschen tragen ein lebensf√§higes und vermehrungsf√§higes Virus in sich? Wie viele Menschen, die das Virus tragen, erkranken (mild, leicht, schwer)? Wie viele Menschen sterben an COVID-19 (= tragen ein lebendiges Virus und haben eine COVID-19-Symptomatik und keine andere Todesursache)? Dazu h√§tte f√ľr jeden Verdachtsfall die Anzucht des Erregers in Kultur erfolgen m√ľssen, um sicherzustellen, dass die Symptome tats√§chlich die Folge der SARS-CoV-2-Infektion sind.


Die Grafik zeigt die wöchentlichen Sterbefallzahlen in Deutschland
Quelle: Sterbefallzahlen insgesamt: Statistisches Bundesamt, COVID-19-Todesfälle: Robert Koch-Institut Ergänzt um historische Daten (Bundesweites Kontaktverbot, Maskenpflicht, Hitzewelle, Stand KW 42/2020)

W√§ren Sterbezahlen r√ľckl√§ufig, h√§tten wir ein Zombie-Problem

Wie also k√∂nnen wir einen belastbaren Blick auf die Ereignisse werfen, wenn uns die transparenten Daten fehlen? Neben den Antik√∂rperstudien, die uns heute zeigen, dass COVID-19 in seiner Gef√§hrlichkeit einer Influenza entspricht (1), sind es als N√§herungswerte die Sterbestatistiken. Ein Wert steht uns in den Vergangenheitsdaten zur Verf√ľgung, mit dem wir beurteilen k√∂nnen, ob wir in 2020 von einer furchtbaren Seuche heimgesucht wurden, welche die Menschen in bisher nie dagewesener Weise erkranken und sterben l√§sst: Es sind die Sterbefallzahlen. Diese unterscheiden zwar nicht, wer an COVID-19 gestorben ist, aber ihre absolute Zahl kann dazu dienen, zu pr√ľfen, ob die Verbreitung eines neuen Corona-Virus zu einer Erh√∂hung der Gesamtsterblichkeit f√ľhrte. Das geschah aber nicht ‚Äď die Zahlen weisen im gesamten Jahr an keiner Stelle auf ein pandemisches Ereignis von besonderer Kraft hin. Im Gegenteil: Die Analyse der Sterbefallzahlen, welche das Statistische Bundesamt uns liefert, zeigt ein durchschnittliches Sterbegeschehen in Deutschland. Schaut man aber genauer hin und vergleicht die letzten Jahre miteinander, stellt sich heraus: 2020 ist ein Jahr der Untersterblichkeit. Und diese ist nicht gering. Denn nicht nur, dass weniger Menschen als in den Vorjahren starben, sondern es starben viel weniger Menschen, als h√§tten sterben m√ľssen. Warum ist das so?

Ganz einfach: Die demografische Entwicklung ver√§ndert mit dem Altern der Gesellschaft auf nat√ľrliche Weise den Anteil der Menschen, deren Alter bereits √ľber der durchschnittlichen Lebenserwartung liegt. In der Altersgruppe √ľber 80 Jahre, welche auch die Kernrisikogruppe von COVID-19 und Influenza ist, leben fast eine Million mehr Menschen als noch in 2016. Es starben aber nicht mehr, sondern weniger Menschen als im Mittel der Vorjahre (2).


Die Grafik zeigt die Bev√∂lkerungsentwicklung der √ľber 80-J√§hrigen in Deutschland 2016 und 2020
Quelle: Altersaufbau 2016: https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2016&v=2 ‚ÄĘ Quelle Altersaufbau 2020: https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2020 ‚ÄČ‚Äď 14. koordinierte Bev√∂lkerungsvorausberechnung f√ľr Deutschland Variante 1: Moderate Entwicklung bei niedrigem Wanderungssaldo (G2L2W1)
Die Grafik zeigt den R√ľckgang der gemeldeten Intensivbettenkapazit√§ten vom 31.07. bis zum 14.11.2020
Quelle: DIVI-Intensivberichte

‚ÄěRechtzeitig‚Äú vor der normalen Grippesaison wurde die Intensivbetten-Kapazit√§t in Deutschland reduziert. Dabei klagen die Kliniken seit Jahren schon in Herbst und Winter √ľber die √úberlastung durch die Atemwegsinfekte. Die Verringerung der Kapazit√§t war die Folge einer Wiedereinf√ľhrung von Personaluntergrenzen durch das Bundesgesundheitsministerium auf den Klinikstationen und erfolgte gegen die Proteste der Kliniken. Hinzu kommt der anhaltende Personalmangel f√ľr die Intensivabteilungen.


Quellen:

(1) Prof. Dr. John Ioannidis Meta-Studie, veröffentlicht von der WHO: https://www.who.int/bulletin/online_first/BLT.20.265892.pdf
(2) Die Behauptung, in Deutschland sei nichts passiert, weil die Pr√§ventionsma√ünahmen so gut gegriffen h√§tten (Pr√§ventionsparadoxon), ist widerlegt. Denn schon am 18.03.2020, dem Tag des Lockdowns, waren die Infektionszahlen bereits r√ľckl√§ufig. Der R-Wert lag am Tage des Lockdowns bereits unter der magischen 1. Der Maskenzwang wurde erst am 24.04.2020 verh√§ngt, da war der Abschwung der Zahlen bereits √ľberdeutlich sichtbar. Das best√§tigt das RKI bereits im Bulletin 17-2020 und in den weiteren Ausgaben. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/17_20.pdf?__blob=publicationFile

Hinterlasse ein Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr dar√ľber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.