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Gefahr für die Gesundheit

Gefahr für die Gesundheit

Foto: Design tech art/shutterstock.com

Die Schädlichkeit von Desinfektionsmitteln


von Victor Conradt


Desinfektionsmittel sind aktuell fast überall in unserem Alltag präsent – beim Betreten von Geschäften und Apotheken, beim Arzt und in der Schule, im Restaurant oder auch in der eigenen Handtasche und griffbereit im Auto. Der Absatz von Desinfektionsmitteln war laut Statistischem Bundesamt (Destatis) Anfang März 2020 sogar um achtmal höher als im Durchschnitt des vorangegangenen Halbjahres. Auch Mitte Mai wurden mehr als doppelt so viele Desinfektionsmittel in Deutschland verkauft. (5) 

Allerdings warnte das Hamburger Umweltinstitut bereits am 27. April 2020 in einer Pressemitteilung vor den Gefahren von Desinfektionsmitteln: „Viele der Inhaltsstoffe von Desinfektionsmitteln sind gesundheitsschädlich (krebserregend, sensibilisierend, allergieauslösend, lungen-, leber- und nervenschädigend). Dies gilt beim Einatmen des Nebels aus Sprühflaschen und bei der Anwendung auf der Haut. Zum Beispiel ist das verwendete Isopropanol weitaus giftiger als üblicher Trinkalkohol und auch Aldehyde und Ketone, genauso wie zusätzliche Prozess-Chemikalien und Duftstoffe, weisen ein erhebliches Gesundheitsrisiko auf. Durch die häufige Verwendung dieser fettlösenden Mittel ergibt sich das Problem, dass die Hautflora geschädigt wird, sich Resistenzen der entsprechenden Keime bilden können und Dermatosen möglich sind.“ (2)2  

Die Warnung des Hamburger Umweltinstituts bezieht sich dabei ausschließlich auf die übertriebene Verwendung von Desinfektionsmitteln außerhalb des eigentlichen medizinischen Bereichs. Jedoch werden viele Desinfektionsmittel angeboten, die keine antivirale Wirkung haben können, da die Einwirkzeit bis zu 15 Minuten beträgt. Sodass sie gegen Viren nur mehr als bedingt geeignet sind. (2)

Deshalb allerdings auf chemische Desinfektionsmittel zurückzugreifen, die eigentlich nur im medizinischen Bereich verwendet werden und diese nun in Kindergärten, Schulen, Arbeitsstätten oder gar zu Hause einzusetzen, ist höchst problematisch, da diese organischen Lösungsmittel die Atemwege schädigen und vor allem bei Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma zusätzliche Schäden verursachen können. Ergebnisse einer Kohortenstudie der USA „Nurses’ Health Study II“, die am 18. Oktober 2019 im JAMA Network Open veröffentlicht wurden, deuten außerdem darauf hin, dass die regelmäßige Verwendung von chemischen Desinfektionsmitteln auch im medizinischen Gebrauch bei Krankenschwestern ein Risikofaktor für die Entwicklung der Chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD sein kann. In der Studie wurde zwischen 2009 und 2015 die gesundheitliche Situation von mehr als 100.000 Krankenschwestern beobachtet, die noch in einem Pflegeberuf tätig waren und 2009 keine Vorgeschichte einer COPD hatten. Die Forscher fanden dabei heraus, dass die berufliche Exposition gegenüber mehreren häufig verwendeten Reinigungsprodukten wie Bleichmittel, Wasserstoffperoxid und Alkohol mit einem um 25 bis 38 Prozent höheren Risiko für die Entstehung einer COPD verbunden ist. (3)

Freiverkäuflich und krebserregend

Um den Inhaltsstoffen freiverkäuflicher Desinfektionsmittel auf die Spur zu kommen, machte der WDR für die Sendung „Markt“ (08.07.2020) eine Stichprobenuntersuchung, bei der 12 Desinfektionsmittel aus Drogerien, Haushaltsmärkten und Online-Apotheken, die sowohl für den Einsatz zur Handhygiene als auch zur Flächendesinfektion geeignet sind, untersucht wurden. Der renommierte Chemiker und Hochschulprofessor Prof. Dr. Michael Braungart untersuchte die Stichproben im Labor und stellte in allen Proben diverse kritische Inhaltsstoffe fest. Dabei waren beispielsweise Stoffe, die das Immunsystem schädigen können, die dazu führen, dass Stoffwechselstörungen auftreten, die Augenschäden hervorrufen und sehr stark sensibilisierend und asthmaauslösend wirken können. (1) Alarmierend ist außerdem, dass Sprays gesundheitlich als noch kritischer bewertet werden als Desinfektionsmittel in Gelform, da die durch das feine Zerstäuben entstehenden Aerosole tief in die Atemwege gelangen können und laut Lungenfacharzt Heinz Wilhelm Esser nicht nur bei bereits Vorgeschädigten zu einer akuten Verschlechterung führen kann, sondern sogar bei Gesunden Asthma auslösen kann. Das betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch insbesondere Kinder, da diese noch wesentlich empfindlicher auf diese Stoffe reagieren. (1)

Prof. Dr. Michael Braungart, der Vorsitzende des Hamburger Umweltinstituts, betont besonders die Gefahr, die durch den Desinfektionsinhaltsstoff Formaldehyd ausgeht. Dies sei ein sehr starker Krebserzeuger, der auch in frei verkäuflichen Mitteln enthalten sei. (1) 

Kinder besonders gefährdet

Das Hamburger Umweltinstitut betont zusätzlich die Gefährlichkeit und das Risiko durch Verschlucken und durch Augenkontakt. Die meisten handelsüblichen Desinfektionsmittel enthalten keinerlei diesbezüglicher Warnhinweise. (2) Thomas Fischbach vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt insbesondere davor, Kinder alkoholischen Desinfektionsmitteln auszusetzen. Diese könnten zu ernsthaften Schädigungen, Vergiftungserscheinungen sowie zu Verätzungen der Augen führen. Der Einsatz von Desinfektionsmitteln bei Kindern sei ohnehin zu überdenken, da den sogenannten „Schmierinfektionen“ im Corona-Infektionsgeschehen eher eine untergeordnete Rolle zugeordnet werde. (1)

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bieten das gründliche Händewaschen mit Seife und die regelmäßige Reinigung von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen tensidhaltigen Wasch- und Reinigungsmitteln ausreichenden Schutz vor der Übertragung von SARS-CoV-2 durch eine Schmierinfektion. (6,7) Diese Empfehlung gibt auch das Hamburger Umweltinstitut. (2) Bei gründlichem und regelmäßigem Händewaschen ist die Benutzung von Desinfektionsmitteln (in Bildungseinrichtungen) laut BZgA nicht erforderlich. (7) 


Quellen:
(1) https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/markt/video-desinfektionsmittel–wie-schaedlich-sind-sie-tatsaechlich-100.html
(2) Hamburg, 27. April 2020, Pressemitteilung: Hamburger Umweltinstitut warnt vor Gesundheitsgefahren durch Desinfektionsmittel Kontakt und weitere Informationen: Hamburger Umweltinstitut e.V., Trostbrücke 4, 20457 Hamburg, Tel: +49 (0)40 – 439 20 91, E-Mail: hui@hamburger-umweltinst.org | http://www.hamburger-umweltinst.org
(3) https://medizindoc.de/chronisch-obstruktive-lungenerkrankung-copd-durch-reinigungs-und-desinfektionsmittel/
(4) https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2753247
(5) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/05/PD20_178_61.html
(6) https://www.bfr.bund.de/cm/343/sars-cov2-pandemie-einsatz-von-desinfektionsmitteln-im-privathaushalt-in-der-lebensmittelproduktion-und-im-lebensmitteleinzelhandel.pdf
(7) https://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/2020-03-03-bzga-informationen-zum-neuartigen-coronavirus-fuer-bildungseinrichtungen/

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