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Du bist nie allein – Warum Viren und Bakterien (vor allem) unsere Freunde sind

Du bist nie allein – Warum Viren und Bakterien  (vor allem) unsere Freunde sind

Foto: Ustyna Shevchuk/shutterstock.com

Ein Virus tötet seinen Wirt in der Regel nicht. Denn wenn es das umfassend täte, würde es seinen Wirt umbringen und damit auch selbst aussterben. Viren brauchen Wirte. Soweit so klar. Aber Wirte brauchen offenbar auch Viren. Milliarden von ihnen wohnen in unserem Körper und im Laufe der Evolution haben Viren und Wirte sogar genetische Informationen voneinander übernommen. Wir haben unsere Evolution gemeinsam durchlaufen und uns immer wieder aneinander angepasst. 

Einigen Virenarten, die in uns existieren, können wir bis heute keine krankmachende Wirkung zuordnen. Sie sind offenbar einfach da (beispielsweise die Familie der Anelloviridae). Oder doch nicht? Bekannt ist, dass die Zahl dieser Viren dann steigt, wenn das menschliche Immunsystem geschwächt ist. Einige Forscher sehen darin den Hinweis, dass diese Viren so etwas wie Trainingsobjekte für unser Immunsystem sein können. Es tötet offenbar nicht alle von ihnen, aber hält sie in Schach. Verändert sich das Virus, passt sich das Immunsystem mit seiner Antwort an.

Trainingspartner für unser Immunsystem

Andere Viren, denen wir jedes Jahr in großer Zahl begegnen, können unterschiedliche Erkrankungen auslösen. Die Coronaviren sind eine alte und bekannte Gruppe von Erregern. Ihnen werden beim immungesunden Menschen vor allem leichte Erkältungskrankheiten zugeschrieben. Auch diese Erreger, mit ihnen auch das SARS-CoV-2 Virus, sind Trainingspartner für unser Immunsystem. An ihnen bilden wir die Fähigkeit, derartige Erreger erfolgreich bekämpfen zu können, immer weiter aus. Wir brauchen Viren dringend zum Überleben, weil nur durch die regelmäßige Begegnung mit den Erregern die funktionelle und stoffliche Kompetenz des Immunsystems gebildet werden kann. Dass der Virenkontakt für unsere Gesundheit wichtig ist, belegt auch die Beobachtung, dass die Immunisierung nach einer Erkrankung in der Regel besser ist, als nach einer Impfung.

Und besser noch: Eine Immunität gegenüber beispielsweise einem Corona-Typ kann eine Kreuz-Immunität gegenüber einem anderen Corona-Virus mit sich bringen. Das bedeutet: Wenn ein Mensch oftmals durch Coronaviren ausgelöste Erkältungen hatte, wird er auch gegen Infektionen mit neuen Varianten des Erregers vorbereitet sein und damit schneller zu einer erfolgreichen Immunantwort kommen. Selbst virusbedingte Erkrankungen halten uns also auch gesund.

Ist das Immunsystem geschwächt, beispielsweise durch Vorerkrankungen oder Altersfaktoren, können Viren durchaus Krankheitsverläufe auslösen, die zu starken Komplikationen, Organversagen und schließlich auch zum Tod führen können. Die jährlichen Grippewellen zeigen sehr deutlich, dass immer wieder geschwächte Menschen mit Grippe-Symptomen oder begleitenden Infektionen – beispielsweise bakteriellen Lungenerkrankungen, die sich die Situation zunutze machen – versterben können. Die Zahl der saisonalen Opfer von Infektionen mit Influenza und möglichen anderen Erregern von Atemwegserkrankungen schwanken deutlich. Sie reichen von 10.000 bis fast 30.000 Toten pro Jahr in Deutschland.

Ist der menschliche Körper in Balance, kann er mit den meisten Viren sehr gut fertig werden. Ist er geschwächt, können sich Viren besser vermehren und entsprechende Symptome auslösen. Ein bekanntes Virus, das bei 85 Prozent der Menschen zu finden ist, ist das Herpes Simplex Virus vom Typ 1. Es kann beim Menschen Bläschen auslösen, die sich vor allem an der Lippe bemerkbar machen. In den Bläschen findet sich eine virushaltige Flüssigkeit. Viele Träger des Herpes Simplex 1 haben nie entsprechende Symptome, andere entwickeln sie bei Fieber, Stress oder Sonnenstrahlen (UV).

Herpes-Viren bleiben unser Leben lang in unserem Körper. Sie existieren in unseren Nervenzellen und tauchen dann wieder auf, wenn die Gelegenheit günstig ist – wenn unser Immunsystem nicht optimal funktioniert. Das gilt auch für andere Herpes-Varianten, wie Herpes Simplex Typ 2 (Genitalherpes) oder das Herpes Zoster-Virus, das Auslöser der Windpocken oder auch der Gürtelrose sein kann. Auch diese Herpesviren existieren im Verborgenen und richten ihren Schaden nur an, wenn unsere Abwehrmechanismen versagen.

Viren können aber auch sehr nützlich sein

Als Bakteriophagen können sie Bakterien vernichten und regeln möglicherweise auch das Gleichgewicht der Bakterien in unserem Körper. Die bakterizide Wirkung macht sich seit Langem die Lebensmittelindustrie zunutze, wo Lebensmittel vor der Verpackung mit den Viren besprüht werden, damit sich Keime nicht so schnell auf den Lebensmitteln bilden können. In Deutschland noch nicht zugelassen sind Phagen-Präparate, die als Antibiotika-Ersatz dienen sollen. Die Hoffnung: Durch die Herstellung spezifischer Phagen könnte man gezielt eine Bakterienart bekämpfen. Die derzeit verwendeten Antibiotika haben zahlreiche Nachteile. Einerseits gibt es immer mehr Keime, die gegen die meisten Antibiotika resistent sind, andererseits töten die Antibiotika nicht nur die „bösen“ Bakterien, sondern auch die nützlichen, die wir zum Überleben brauchen. Hinzu kommt ein gewaltiges Spektrum an zum Teil bedrohlichen Nebenwirkungen der Antibiotika.

Während das Virus kein Lebewesen ist, sondern bei Viren von einer infektiösen organischen Struktur gesprochen wird, handelt es sich bei den Bakterien um Lebewesen. Bakterien bevölkern unseren Körper in großer Zahl. Die Schätzungen gehen von bis zu 100 Billionen Bakterien aus, die auf und in unserem Körper leben und die wir auch zum Leben dringend benötigen. Sie regeln zahlreiche Prozesse für uns. So schützen sie unsere Haut, ernähren sich von Schweiß, Talk und Hautschuppen, in unserem Darm zersetzen sie die Nahrung und machen so die wertvollen Inhaltsstoffe erst für uns verfügbar. Deshalb ist jede Antibiotikabehandlung ein Angriff auch auf unsere besten Freunde, ohne die wir gar nicht überleben könnten.

Natürlich gibt es auch Bakterien, die uns als Wirte benutzen, sich vermehren und zum Teil erhebliche Schäden auslösen können. Das tun sie aber in der Regel immer dann, wenn der individuelle Organismus keine ausreichende Abwehrkraft hat, um mit den Bakterien fertig zu werden. Deshalb ist die beste Gesundheitsvorsorge ein stabiles Immunsystem. Gute Ernährung, viel Bewegung, wenig seelische Belastung und ein gutes sozial-emotionales Leben schaffen die Voraussetzungen, um gesund zu sein und zu bleiben.

Übertriebene Hygiene macht krank

Wir wissen also, dass gesunde Menschen nur von sehr wenigen Erregern krank gemacht werden können. Wir wissen auch, dass wir Viren und Mikroben zum Überleben brauchen. Die Vorstellung, mit Medikamenten und Impfstoffen möglichst alle Viren und Bakterien zu töten, ist natürlich grotesk. Und doch hat sich mit der Hygiene-Hysterie im Zuge der Corona-Verängstigung durch die Regierungen auf Landes- und Bundesebene etwas Grundlegendes verändert: Die bewusst herbeigeführte Angst vor dem vermeintlich gefährlichen Erreger führte dazu, dass Millionen Menschen anfingen, nicht nur dem Nachbarn zu misstrauen, der vielleicht ansteckend sein könnte, sondern auch ihrem eigenen Körper zu misstrauen und gleich ihrer ganzen Umwelt. Vielleicht wären sie schon angesteckt, oder würden es bald. Der Maskenzwang und die allerorten anzutreffenden Hygieneregeln, die Verwendung von Millionen Litern Desinfektionsmitteln, das ständige Händewaschen und Putzen, der Einsatz von chlorhaltigen Reinigern und anderen giftigen Substanzen ist eine immense Belastung für den menschlichen Körper und seine kleinen Freunde. 

Übertriebene Hygiene macht krank. Der Organismus braucht ständigen Kontakt zu Erregern unterschiedlicher Art, um gesund zubleiben. Wer übertrieben häufig Hände wäscht, schadet damit auch seiner Haut. Wer dann gleich den ganzen Körper mit bakteriziden Seifen reinigt, schadet der Schutzschicht seiner Haut. Hygiene funktioniert mit Wasser und bestenfalls sanften Seifen. Desinfektionsmittel sind keine Körperpflegemittel. Wir leben in einer Welt voller Keime. Ihre Zahl ist schier unendlich groß. Aber wir sind bestens an das Leben in dieser Umwelt angepasst. Und der Versuch, sie zu entkeimen, ist sowohl naiv als auch ungesund.

Alle Viren entfernen zu wollen, ist nur an einem Ort sinnvoll: auf den Datenspeichern unserer computergesteuerten Geräte. Vielleicht rührt das große Engagement von Bill Gates im Impfbusiness ja daher, dass seine Sichtweise auf Infektionen von seinen Erfahrungen mit Computerviren geprägt ist. Die haben ihm bestimmt das eine oder andere graue Haar beschert, wenn Microsoft-Anwendungen mal wieder Ziel von Attacken waren. Natürlich verfolgt er mit seinen Beteiligungen an Pharmaunternehmen und der Einflussnahme auf Politik und Institutionen wie die WHO oder die Bundesregierung wirtschaftliche Interessen. Schließlich ist er Unternehmer. Seine Sichtweise, die darauf abzielt, dass der Mensch von Erregern befreit sein sollte, vernachlässigt aber das Grundlagenwissen über das gesunde Zusammenleben von Mensch, Virus und Bakterium. Viren und Bakterien sind nicht ekelig. Sie sind ein wesentlicher und bedeutsamer Teil der belebten Natur und wichtige Partner des Menschen, der Tiere und Pflanzen. Nebenbei: In unserer Mundhöhle finden sich etwa 700 verschiedene Bakterienarten (von etwa 1.500 in unserem Körper). Ihre Zahl liegt bei mehreren Milliarden – in jedem Fall leben mehr Bakterien in unserem Mund als Menschen auf dem Planeten. In unserer Analfalte leben übrigens viel weniger Bakterien als im Mund. Das heißt nicht, dass ein Kuss unfreundlicher ist als der Wunsch: Leck mich am Arsch! (vc)

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