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Wir brauchen ein integratives Gesundheitssystem

Wir brauchen ein integratives Gesundheitssystem
Bild: Benjavisa Ruangvaree Art/shutterstock.com

Gesundheitspflege als Grundlage für eine stabile Gesellschaft


Im Gespräch: Mareyke Strothmann


Unser Gesundheitssystem ist darauf spezialisiert, die Folgen von Krankheit einzudämmen und im Notfall Leben zu retten. Beides ist nötig und in vielen Fällen ein Segen. Der Fokus liegt darauf, durch Krankheit entstandene Symptome zu beherrschen, Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu gewährleisten. Doch in einem Gesundheitssystem, in dem Krankheit ein lukratives Geschäft ist, haben wir den Blick dafür verloren, Gesundheit aktiv zu pflegen und damit zu erhalten. Das Wissen um Gesundheitspflege ist gar nicht mehr Teil unserer Kultur. Die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung, als Grundlage der eigenen Gesundheitspflege, ist nicht mehr selbstverständlich.  

Im Gespräch: Mareyke Strothmann. Die Heilpraktikerin absolvierte ihre achtjährige Ausbildung in der Naturheilkunde, Homöopathie und der Traditionellen Chinesischen Medizin durch Studiengänge in Hamburg, Berlin und auf Island. Sie betreibt ihre Praxis in Himmelpforten im Landkreis Stade.

„Es geht immer mehr um wirtschaftliche Faktoren. Ich gewinne oft den Eindruck, dass nicht die nachhaltige Gesundheit unserer Bevölkerung, sondern Zahlen unser Handeln bestimmen.“ (Jana Leber, Ärztin, Werde 03/2020)

In wachsender Zahl fordern Ärzte, Heilpraktiker und Psychologen eine Änderung in unserem Gesundheitssystem. Der Mensch soll wieder selbst mehr Gesundheitskompetenz erlangen. Was stimmt nicht an unserem Gesundheitssystem?

Unser Medizinsystem lädt dazu ein, die Verantwortung für unsere Gesundheit abzugeben. Nach dem Motto: „Der Arzt muss es richten, die Kasse bezahlt, gesund zu sein, ist Glückssache.“ Erhöhter Blutdruck ist in der Leistungsgesellschaft akzeptiert, Wechseljahresbeschwerden sind inzwischen normal. Es ist bekannt, dass Diabetes durch Fehlernährung und längerfristige Stressbelastung begünstigt wird. Priorität hat aber das bessere Einkommen, Völlerei wird zur Belohnung und schließlich gibt es Medikamente dagegen. Hormonsubstitution, Blutdruckmittel, Schlafmittel, Antidepressiva, Kortikosteroide und Schmerzmittel sind zur Standardmedikation unserer Gesellschaft geworden. Ohne diese Medikamente könnte unsere Gesellschaft wohl nicht bestehen, in der wir Leistung gegen Konsum tauschen. Dabei sollte Gesundheit das höchste Gut sein. Wir haben nur diesen einen Körper, der unserem Geist die Wohnung gibt.

Also mehr gesunde Ernährung, frische Luft und Sport?

Für eine gesunde Gesellschaft brauchen wir eine Kultur der Gesundheitspflege. Bio essen und zum Sport zu gehen, ist löblich und beruhigt das Gewissen. Tatsächlicher Erhalt von Gesundheit geht weit darüber hinaus. Dazu braucht es Selbstwahrnehmung: An welcher Stelle läuft mein System nicht rund, wo braucht es Unterstützung, wo ist Regulation nötig, damit kein Schaden entsteht? Unser System, der ganzheitlich betrachtete Mensch, mental, emotional und körperlich, hat ausgesprochen viel Regenerationskraft. So ist der Schlaf die wichtigste Regenerationsphase. Auf mentaler und emotionaler Ebene wird verarbeitet, körperlich wird repariert, die Energiereserven werden aufgefüllt. Doch viele Menschen schlafen nicht erholsam, aber kommen doch irgendwie zurecht – auf Kosten der eigenen Gesundheit. Erst bei einer manifesten Schlafstörung wird nach Behandlung gesucht. Ebenso viele Menschen leben mit Schmerzen hier und da ein wenig, aber es geht schon irgendwie. Sie nehmen dann Schmerztabletten und machen weiter – auf Kosten der eigenen Gesundheit. Und dann ist da noch dieser Kummer, der schon seit Jahren nagt, ein zu großer Schmerz, also wird lieber weitergemacht wie bisher – auf Kosten der eigenen Gesundheit. 

Wie muss sich die Sichtweise verändern?

Unser Medizinsystem kümmert sich um Krankheit, wenn Gesundheit nicht mehr Ziel ist. Wir brauchen aber ein integratives Gesundheitswesen, das den Erhalt von Gesundheit anstrebt, dahin die Aufmerksamkeit und Forschung richtet und wenn nötig, in der Lage ist, Krankheit zu behandeln.

Gesunderhaltung würde damit beginnen, zu fragen: nehme ich so viel Energie auf, wie ich für mein alltägliches Leben brauche? In der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt es unterschiedliche Quellen für Lebensenergie. Die Nahrung ist natürlich ein wichtiger Teil: Hochwertige Nahrung, möglichst wenig belastet durch Fremdstoffe, abgestimmt auf die Bedürfnisse des Einzelnen sowie auf notwendige Regulation. Die 5-Elemente-Ernährung der Traditionellen Chinesischen Medizin ist sehr komplex, mit dem Ziel, Gesundheit wiederherzustellen und zu erhalten. Ebenso wichtig und in unserem Denken kaum mehr vorhanden: 50 % unserer Energieaufnahme findet über die Atmung statt. In der Traditionellen Chinesischen Medizin sind Atemtechniken ebenso wichtig wie die Nahrungsaufnahme. Diese Quelle der Energieaufnahme findet in unserer Kultur nur unbewusst statt, ist also sehr reduziert. Zusätzlich ist jeder Mensch mit einer Reserve, dem „vorgeburtlichen Qi“ ausgestattet. Dies ist Lebensenergie, die von den Eltern mitgegeben wurde. In der TCM gilt es, diese Energie zu schützen, um gesund alt zu werden. Es bedarf also einer bewussten Pflege der eigenen Lebensenergie. Da dies in unserer Gesundheitskultur nicht stattfindet, laufen viele Menschen auf dieser Reserveenergie. Das Ergebnis davon sind Erschöpfung, Depression und Krankheit.

Welche Rolle spielt die zunehmende Vereinzelung der Menschen in der modernen Gesellschaft? 

Eine Quelle für Energie sind inspirierende, soziale Kontakte. Gemeinsamkeit belebt. Freude und Leidenschaft für das, was wir tun, belebt. So ist eine wichtige Ursache für das Phänomen des Burn-outs der Verlust von Freude an dem, was wir tun. Oft ist der Alltag zu eng, um Visionen zu entwickeln und diese mit Leidenschaft umzusetzen. Diese Ernüchterung nimmt viel Lebensenergie. In der alten Chinesischen Medizin werden alle alltäglichen Dinge unter Aspekten der Gesundheit betrachtet, sogar die Praktiken des Liebesspiels.

Es geht auch um die eigene Energiehaushalt?

Ja. Der mangelnden Energieaufnahme und dem Verlust an Geschmeidigkeit steht ein erhöhter Verbrauch gegenüber. Die Nahrung ist durch Toxine aller Art belastet, der Nährwert ist durch Verarmung der Böden reduziert. Die Atemluft ist durch Feinstäube belastet. Kleidung und Kosmetika sind mit zahlreichen Giftstoffen produziert. Medikamente haben schwerwiegende Nebenwirkungen. Grundwasser wird verunreinigt. Soziale und wirtschaftliche Unsicherheit belastet mental und emotional. Besonders in diesem Jahr sorgen Verunsicherung und Angst für eine Schwächung der Gesundheit. 

Macht uns unser Lebensstil krank?

Die gesundheitsschädlichen Faktoren sind zum großen Teil menschengemacht. Ist es gesund, in natürliche Prozesse einzugreifen und zu welchem Preis? Diese Frage sollten wir immer stellen, in der Nahrungsmittelindustrie, in der Textilindustrie, bei der Energiegewinnung und bei der Kommunikationstechnologie, auch in der Medizin und in vielen anderen Bereichen. Diese Frage verlangt immer nach einer Antwort.

Wie könnte diese für den Einzelnen lauten?

An unterschiedlicher Stelle kann für mehr Gesundheit gesorgt werden, aufmerksam den Alltag betrachtend, ob es unnötige Belastung gibt. Der Körper wird entlastet durch naturbelassene Nahrung, natürliche Kosmetika und Reinigungsmittel, wird entlastet durch toxinfreie Kleidung und Baustoffe. Aufmerksam den eigenen Körper wahrzunehmen, ist nötig: Ist die Atmung frei, der Kopf wach, die Gelenke und die Muskulatur geschmeidig, ist die Verdauung entspannt, der Schlaf erholsam und so weiter.

Haben wir die Aufmerksamkeit für uns als Ganzes verlernt?

Selbstwahrnehmung zu üben, ist sehr wertvoll. Lange bevor Krankheit entsteht, kann dann reguliert und unterstützt werden. Neben der äußerlichen Belastung absorbieren emotionale Konflikte viel Lebensenergie und sorgen langfristig für körperliche Veränderung. Es lohnt sich, diese inneren Gefüge zu betrachten. Es lohnt sich, emotional aufzuräumen, mit dem einen oder mit dem anderen Unbehagen, mit Schmerz oder Kummer endlich Frieden zu machen. Das ist nötig für Gesundheit und es verändert die Begegnung mit anderen auf wundersame Weise. Unser inneres Gefüge bestimmt über die Art und Weise von Begegnung. Genauso ist auf mentaler Ebene Inspiration nötig, als Quelle für Freude und Lebendigkeit. Beides ist Grundlage für tatsächliche Gesundheit. Unterstützend sollte es gelingen, Atemtechniken in den Alltag zu integrieren, ob beim Singen und Tanzen, bei Naturspaziergängen, beim Yoga oder in den Kampfkünsten. Bewusstes Atmen nährt und befreit Lebensenergie. Auch spannend ist die Betrachtung von Tempo. Wenn der Alltag nicht unserem inneren Tempo entspricht, zehrt dies auf Dauer an der uns zur Verfügung stehenden Energie. Sich das eigene Tempo zu erlauben, erleichtert unser tägliches Tun und Sein. Mit dieser Art, bewusst Gesundheit zu pflegen, verändert sich die innere Haltung, mit der wir dem Leben begegnen. Es entsteht Achtsamkeit – eine ausgesprochen schöne Haltung im Kontakt mit anderen Menschen. Denn wenn wir über Gesundheit sprechen, kommt es letztendlich auf die innere Haltung an, mit der wir anderen, uns selbst und dem Leben begegnen. Die so entstehende Zugewandtheit erzeugt Nähe und diese Nähe gibt Sicherheit. Nach Sicherheit suchen Menschen schon immer, leider zu oft im Außen, anstatt in sich selbst. Wenn innerlich Sicherheit entsteht, ist es viel leichter, sich dem Leben hinzugeben. Und wenn wir dann mit Hingabe das Leben auskosten, mit beiden Füßen auf dieser Erde, mit offenem Herzen, aufrecht dem Himmel zugewandt, dann haben wir eine ausgesprochen gesunde innere Haltung erlangt.

„Heile sanft, schnell und dauerhaft.“ Samuel Hahnemann, ‚Organon der Heilkunst‘ Eine Einladung.

Wenn jeder Mensch sich auf seinen eigenen Gesundheitsweg begibt – wie sollte dann unser Gesundheitssystem aussehen, das weniger repariert als dabei hilft, gar nicht erst krank zu werden?

Dafür braucht es ein integratives Gesundheitssystem, in dem traditionelle Heilkunst und moderne Medizin eng miteinander zusammenarbeiten und für jeden zur Verfügung stehen. In der Medizin gibt es hervorragende Spezialisten für einzelne Bereiche des Körpers. Auch das ist nötig und an mancher Stelle ein Segen. Doch das System Mensch funktioniert als fein abgestimmte Gesamtheit. Der ganzheitliche Blick ist nötig für Gesunderhaltung. Wir können uns nicht vor Krankheitserregern verstecken, aber für ein möglichst stabiles Immunsystem können wir sorgen. Jedes Organsystem kann mit Kräutern gestärkt werden, bevor sich Krankheit festsetzt. Funktionelle Störungen und Schmerzen sprechen hervorragend auf Akupunktur an und Medikamenteneinnahme wird eventuell unnötig. Emotionale und mentale Beschwerden können oft homöopathisch behandelt werden und es steht wieder mehr Lebenskraft zur Verfügung. Gemeinsam könnte nachhaltige Gesundheit das Ziel sein, als Grundlage für eine stabile Gesellschaft.

Die Integration von traditioneller und moderner Medizin in einem ökologischen Kontext?

Ja. Wenn die Menschen anfangen, ihre Gesundheit umfassend zu pflegen, sorgen sie notwendigerweise auch für ihre Lebensgrundlage – diese Erde.

„Im gesunden Zustand des Menschen waltet die geistige Dynamis, den menschlichen Körper belebende Lebenskraft unumschränkt und hält alle seine Teile in bewundernswürdigem, harmonischem Lebensgange, in Gefühlen und Tätigkeiten, so das unser inwohnender Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeug frei zu dem höheren Zwecke unseres Daseins bedienen kann.“  James Tyler Kent, ‚Theorie der Homöopathie‘

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